Champions-League-Aus Reale Wut
Real-Trainer Ancelotti, Spieler Kroos (l.): "Das ist viel, viel zu wenig"
Foto: Paul Hanna/ REUTERSEs ist ein bisschen so, als würden die Fans des FC Bayern nach dem Champions-League-Aus ihrer Mannschaft Louis van Gaal um Hilfe anflehen; jenen Trainer, zu dem sie am Ende seiner Zeit in München nicht gerade ein inniges Verhältnis hatten. Wie die Bayern ist auch Real Madrid im Halbfinale gescheitert, und wie die Bayern unterboten die "Königlichen" damit die eigenen Erwartungen und die ihrer Anhänger. Dass diese nach dem Rückspiel gegen Juventus Turin (1:1) nun ausgerechnet nach José Mourinho als Retter riefen, lässt tief blicken in die Seele der Madrider Fußballfans.
Dort herrscht Enttäuschung, klar, nach dem 1:2 im Hinspiel hätte Real im Estadio Santiago Bernabéu ein 1:0 für das Finale gereicht. Doch vor allem sind die Anhänger der Galaktischen eines: wütend auf ihre hochbezahlten, aber unterengagierten Stars, auf Trainer Carlo Ancelotti, über die gesamte Saison.
Drei Titel hatte Real Madrid zu Beginn der Spielzeit angepeilt, die Meisterschaft, den Pokal, die Champions League. Als erste Mannschaft überhaupt wollten sich die Spanier zum zweiten Mal in Folge zum besten Team Europas küren. Im Januar verlor Real im Achtelfinale der Copa del Rey gegen Atlético Madrid, am vergangenen Wochenende verspielte es aller Voraussicht nach die Meisterschaft und nun die Hoffnung auf den letzten großen Erfolg in diesem Jahr.
Juve wirft Real raus: Ein Tor drin, alles hin
In Madrid ist man anderes gewöont. Die Fans pfiffen die Spieler in ihrem eigenen Stadion aus, einige sollen sogar das Auto von Stürmer Gareth Bale angegriffen haben, als der das Gelände verließ. Ancelotti versuchte, was er immer versucht: den Druck von seinen Fußballern zu nehmen, die an diesem Wochenende noch das Ligaspiel gegen Espanyol Barcelona vor sich haben. "Es fehlte nur ein wenig Glück", sagte der italienische Trainer nach dem Abpfiff.
Gleichzeitig bot er sich selbst als Zielscheibe an: "Ich würde gerne bleiben. Aber ich weiß, wie die Dinge in Fußball laufen. Wenn der Verein mit dem Trainer nicht zufrieden ist, entlässt er ihn. Sie haben das Recht dazu", sagt er. Der 55-Jährige ahnt wohl, dass er und der spanische Rekordmeister keine gemeinsame Zukunft haben. In dieser Saison wird er ohnehin nicht mehr auf der Trainerbank sitzen, der Verband hat ihn wegen einer abfälligen Geste gegen einen Schiedsrichter für die letzten beiden Spiele gesperrt.
Es ist gut möglich, dass dieser Halbfinal-Abend deshalb Ancelottis letzter Auftritt im Bernabéu war - in Madrid ist man traditionell ungnädig mit dem Trainer, wenn der eingeplante Erfolg ausbleibt. Klubdirektor Emilio Butragueño verweigerte nach dem Spiel ein klares Bekenntnis zu Ancelotti, der noch bis 2016 Vertrag hat.
Dabei hatte es zu Beginn dieser Spielzeit gut ausgesehen für den Italiener, der einmal mit Real und zweimal mit dem AC Mailand (2003 und 2007) die Champions League gewonnen hat. Es schien, als finde er den richtigen Ton im Umgang mit den Überstars Cristiano Ronaldo, Bale und Karim Benzema. Als schaffe er es, aus den Einzeltalenten ein talentiertes und funktionierendes Kollektiv zu formen. Real gewann den europäischen Supercup und die Klub-WM und siegte in 22 Pflichtspielen in Folge.
Kroos unterläuft folgenschwerer Fehler
Es ist wenig davon übrig geblieben. Bale, der 91-Millionen-Einkauf, steht schon seit Monaten in der Kritik, auch an diesem Abend vergab er wieder Chancen. Ronaldo schoss mit dem Elfmeter zum 1:0 (23. Minute) sein 77. Tor in der Champions League und zog damit mit Barcelonas Lionel Messi in der ewigen Torschützenliste gleich. Doch ansonsten hatte der Weltfußballer wenig zustande gebracht. Und dem in Madrid durchaus geschätzten Toni Kroos unterlief vor dem Ausgleich durch Álvaro Morata (57.) ein überflüssiger Patzer.
"Der Ball ist abgewehrt, dann haben wir ein bisschen spekuliert, dass er vielleicht im Abseits stehen könnte", sagte der Mittelfeldspieler. Für ihn war "das Entscheidende, dass wir aus den vielen Möglichkeiten nur ein Tor machen. Das ist viel, viel zu wenig". Er wollte damit nicht seinen Offensivkollegen die Schuld zuschieben, auch er hätte in der 81. Minute die Möglichkeit zum 2:1 gehabt. Kroos ging es auch darum, seinen Coach zu schützen.
"Ich kann nur sagen, dass er ein absoluter Top-Trainer ist", sagte er über Ancelotti, "so, wie wir heute gespielt haben, kann kein schlechter Trainer an der Seitenlinie gestanden haben. Das wissen hoffentlich alle." Tatsächlich hatte Real das Spiel dominiert, hatte mehr Ballbesitz und mehr Torschüsse (23:7) als Juventus. Doch das allein zählt in Madrid nicht. Er selbst würde sich als Note eine Eins geben, sagte Ancelotti, "aber es ist der Klub, der meine Arbeit bewerten muss".
In Zinédine Zidane steht zudem schon ein möglicher Nachfolger bereit, der Nachwuchstrainer könnte zügig einspringen. So, wie man es in Madrid gerne hat.