Regelnischen im Fußball: Der ultimative Kick - DER SPIEGEL
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Regelnischen im Fußball Der ultimative Kick

Handspiel oder nicht? Foul ja oder nein? Profis wie Freizeitkicker streiten über knifflige Situationen auf dem Fußballplatz - sogar Fifa-Schiedsrichter verzweifeln manchmal. Oder wissen Sie, ob ein Spieler barfuß ein Tor schießen darf?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Herbert Fandel kennt diesen Moment genau. "Selbst ich staune manchmal darüber, dass ich überlegen muss: Mensch, wie ist das jetzt?", erzählt Deutschlands renommiertester Schiedsrichter über Situationen, auf die er nicht mit seiner spontan abrufbaren Regelkenntnis reagieren kann. "Das kommt sogar häufig vor", sagt Fandel und berichtet von einem besonders spektakulären Fall in der jüngeren Vergangenheit: "Ganz gravierend war es beim Länderspiel Dänemark gegen Schweden, als ein Zuschauer über die Barriere sprang und mich attackierte. Da habe ich geistig nachgeblättert, welcher Paragraf auf diesen Fall passt." Eine verlässliche Antwort hat er nicht gefunden und das Spiel abgebrochen, was sich im Nachhinein als richtig erwies.

Schiedsrichter Kinhöfer (r.): Königsthemen Foul und Handspiel

Schiedsrichter Kinhöfer (r.): Königsthemen Foul und Handspiel

Foto: DPA

Spieler, Trainer, Fans, Journalisten, wir alle glauben, den Fußball in- und auswendig zu kennen, und doch gibt es diese unbekannten Nischen im Regelwerk.

Ein Meister der Schiedsrichterkunst sitzt bei den Stadtwerken Herne. Auf den Gängen stehen Vitrinen mit historischen Gas- und Stromzählern, am Empfang bekommt man einen Anhänger, auf dem "Besucher" steht, und dann darf man herein zum Abteilungsleiter Controlling. Sein Name ist Thorsten Kinhöfer, der 40-Jährige ist einer der aufstrebenden deutschen Unparteiischen. Zuletzt durfte er immer öfter Spitzenspiele oder besonders brisante Bundesliga-Partien leiten.

Kinhöfer hat seine Freude an den Sonderfällen des Regelwerkes, denn man kann sich die kuriosesten Konstellationen vorstellen: Bayern spielt gegen Bremen, die 90. Minute läuft, es steht 1:1, und gerade hat Diego Michael Rensing ausgedribbelt. Er blickt auf, schiebt den Ball lässig ins leere Tor, hat die Arme schon nach oben gerissen und die Adern der grün-weißen Fans füllen sich mit Glückshormonen. Doch dann läuft Lukas Podolski, der sich hinter dem Münchner Tor aufwärmt, auf den Platz und schlägt den Ball auf die Tribüne.

Der Münchner Stürmer wäre wohl so etwas wie ein Superheld für Hardcore-Bayern-Fans, denn der Effekt wäre immens, die Strafe hingegen vergleichsweise harmlos: Poldi erhielte eine Gelbe Karte und die Bremer einen indirekten Freistoß. "Stellen Sie sich vor, der Schiedsrichter ist in so einem Fall regelunsicher und gibt ihm die Rote Karte", sagt Kinhöfer. "Dann ist das ein Grund für eine Spielwiederholung."

Moralisch wäre Podolski wohl gebrandmarkt als König der Unsportlichkeit, doch irgendwo in der Bezirksliga könnte ein ausgefuchster Trainer seine Ersatzspieler Woche für Woche mit genau diesem Nebenjob zum Aufwärmen hinters Tor schicken. Irgendwann käme der Moment.

Viele der kompliziertesten Fragen, die Schiedsrichter in ihren jährlichen Theorieprüfungen beantworten müssen, drehen sich um die Frage, was passiert, wenn Spieler entweder von außen eingreifen oder das Spielfeld für eine gewisse Zeit verlassen. Meist handelt es sich bei diesen Fällen um graue Theorie, doch manchmal gibt es sie eben doch, diese Momente, die alle in Erstaunen versetzen. Wie bei der Partie Italien gegen Holland in der Vorrunde der Europameisterschaft.

Damals schlug Wesley Sneijder einen Pass in den italienischen Strafraum, wenige Meter vor dem Tor lauerte Ruud van Nistelrooy – klar allein vor Torwart Gianluigi Buffon – im Abseits also - und traf. Nach der Regelauslegung von Schiedsrichter Peter Fröjdfeldt war er aber trotzdem nicht im Abseits. Van Nistelrooy kannte die Regel selber nicht und traute sich kaum zu jubeln, doch Fröjdfeldt gab den Treffer, denn der italienische Verteidiger Christian Panucci lag hinter der Grundlinie und hob damit das Abseits auf.

Die entsprechende Regel lautet: "Begibt sich ein verteidigender Spieler hinter die eigene Torlinie, um einen Gegner abseits zu stellen, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen und verwarnt den fehlbaren Spieler bei der nächsten Spielunterbrechung, weil er das Spielfeld ohne Erlaubnis des Schiedsrichters absichtlich verlassen hat." Auch ARD-Experte Günter Netzer gab in der Halbzeit zu, dass ihm "diese Regel unbekannt ist".

Kinhöfer nickt. "Respekt", sagt er und lässt den Blick in die Ferne schweifen. "Das in der Situation sofort abzurufen, das ist schon sehr gut." Es ist ein Spezialfall, der im realen Fußballalltag nur höchst selten bewertet werden muss. Die Königsthemen kontrovers geführter Regeldebatten sind daher andere: das Foul und das Handspiel.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil: Wie man foulen kann, ohne seinen Gegenspieler zu berühren. Und wie sich Regelkunde für Profis in Toren auszahlen kann.