Regionalliga Süd Das Prinzip Bruno
Er hatte sich damals nicht einmal in die Stadt getraut zum Kaffee trinken, weil er einfach die vielen Menschen nicht ertragen konnte. Natürlich wollten diese Menschen nur das Beste, sie haben ihm auf die Schulter geschlagen, ihm Ratschläge gegeben - und sie haben ihn viel, viel Hoffnung spüren lassen. Das war alles zu viel für Labbadia, zu viel für einen Mann, der soeben seine erste Trainerstelle angetreten hatte. Nicht bei irgendeinem Verein, sondern beim SV Darmstadt 98. Hier startete Labbadia seine Karriere als großer Bundesligastürmer, im nahen Weiterstadt ist er aufgewachsen - und dann kam er 2003 wieder in die Heimat zurück um Trainer zu werden. Seine Spielerkarriere beschloss er beim Zweitligaverein Karlsruher SC.
In Darmstadt war er dann niemand geringeres als der Retter eines perspektivlosen Vereins, der vor zwei Jahren zum dritten Mal in die Oberliga Hessen abgestiegen war.
Die ganze Stadt freut sich auf den Aufstieg
Darmstadt hatte vor der Labbadia-Zeit jedes Jahr einen Trainer verschlissen - großzügig gerechnet. Aber seitdem der verlorene Sohn des Clubs heimgekehrt ist, ticken viele Uhren anders. Für den Verein war Labbadia das letzte Bindeglied zum großen Fußball - und ein Deckmantel für viele Unzulänglichkeiten im abgelaufenen Jahrzehnt. Niemand wagte es, sich ihm zu widersetzen. Mit Recht: Labbadia führte die Mannschaft aus der Oberliga zurück in die Regionalliga - für den Verein ein existenzieller Erfolg. In der vorigen Saison wurden die "Lilien" dann als Neuling starker Fünfter, wobei sie nolens volens sogar noch lange Chancen auf den Aufstieg hatten.
Aber für diese Spielzeit ist das Thema Zweite Liga ganz offiziell auf die Darmstädter Agenda gesetzt worden - der Traditionsverein aus Südhessen gehörte bis zum Abstieg 1993 zum besseren Inventar der zweithöchsten Spielklasse. Und zweimal waren die "Lilien" sogar erstklassig. Heute beginnen die Darmstädter die Saison gegen den VfR Aalen - es soll der Auftakt sein zur Rückkehr in die alte Klasse. Und die ganze Stadt scheint sich darauf zu freuen.
Labbadia selbst hat diesen Aufschwung eingeläutet. Ende der vorigen Regionalligasaison, als er bekannt gab, dass er seinen Vertrag in Darmstadt um ein Jahr verlängern würde, da gab er erstmals seine Zurückhaltung auf. Er schimpfte auf die vielen Besserwisser im Verein, schimpfte auf die Zurückhaltung der lokalen Wirtschaft, forderte Aufbruchstimmung und legte das Ziel für diese Saison fest: Aufstieg.
Er hätte es sich leicht machen und die Darmstädter Trostlosigkeit verlassen können - in Bochum, Wolfsburg, Karlsruhe oder Kaiserslautern war er mehr oder wenig hoch gehandelter Kandidat für den Trainerjob. Aber erstmals in seiner Karriere suchte er sich nicht einfach einen neuen Verein, wenn es beim alten Probleme gab. "Ich habe das Gefühl, in Darmstadt noch nicht fertig zu sein", sagt er. Denn mittlerweile kann er mit dem Druck, der auf ihm lastet viel besser umgehen. Das neunte Kind italienischer Einwanderer ist daran gewachsen, dass die Menschen in der Region von ihm Wunderdinge erwarten. Andererseits: Wer mit Bayern München Deutscher Meister geworden ist, mit dem 1. FC Kaiserslautern Pokalsieger, Bundesligatorschützenkönig war und zweifacher Nationalspieler, der verschleudert nicht seinen guten Ruf in der dritten Liga. Der will mehr.
Letzte Ausfahrt Darmstadt
Labbadia, 39 Jahre alt, hat Darmstadt 98 ein anderes Tempo vorgegeben, dem viele, die diesen Verein verwalten, nur schwer folgen können. Trotzdem haben alle den Aufstiegswunsch nun verinnerlicht. Der Etat für die erste Mannschaft wurde von 800.000 auf 1,2 Millionen aufgestockt (allerdings werden dafür noch Sponsoren benötigt), und der ehemalige Strafraumwühler durfte sich eine Mannschaft zusammen stellen, die zum Besten der Liga zählt: Neuer Kopf des Teams ist schon seit der Vorbereitung der defensive Mittelfeldspieler Jürgen Kramny (vormals beim Bundesligaverein Mainz 05), im Sturm soll Markus Beierle (bisher Eintracht Frankfurt) für Belebung sorgen und die Abwehr hat durch Abdoul Thiam (von LR Ahlen gekommen) noch mehr Stabilität bekommen. Und einer wurde zum Kapitän bestimmt, der in den frühen Neunzigern bei Eintracht Frankfurt als großes Bundesligatalent galt, dann sich mit nacktem Hinterteil in der "Bild"-Zeitung fotografieren ließ und folgerichtig bitter abstürzte: für Michael Anicic ist Darmstadt die letzte Ausfahrt zum großen Fußballglück.
Sie alle ächzen unter dem schon legendär harten Trainingsprogramm Labbadias, der bei Waldläufen mit dem Team vorneweg stürmt. Aber sie haben auch sein Denken verinnerlicht - das Denken vom maximalen Erfolg. "Wir waren in der vorigen Saison Fünfter, deshalb kann unser Ziel nicht der vierte oder dritte Platz sein. Es kann nur einen ersten oder zweiten Platz geben", sagt Labbadia. Der große Mitfavorit FC Augsburg, Zweitligaabsteiger Eintracht Trier sowie der SV Wehen werden diese Ansage entsprechend zur Kenntnis genommen haben.
Von diesem Offensivgeist des früheren Stürmers scheint die ganze Stadt angesteckt zu sein, denn der neue Oberbürgermeister Walter Hoffmann hat den überfälligen Umbau des abgewetzten Stadions am Böllenfalltor zur Chefsache gemacht. Labbadia hatte Aufbruchstimmung gefordert - und Darmstadt scheint ihm zu gehorchen.