Reimann-Interview "Andreas Möller hilft uns sehr"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Reimann, wenn es nach den Fußball-Fachleuten geht, ist Eintracht Frankfurt der heißeste Abstiegskandidat. Ärgert Sie diese Geringschätzung?
Willi Reimann: Diese so genannten Experten müssen ja drei Teams nennen, die absteigen. Wir haben nun mal die wenigsten Punkte, von daher ist es ganz natürlich, dass man uns geringe Chancen einräumt.
SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Lage?
Reimann: Wir sind optimistisch. Ich glaube, dass wir eine realistische Chance haben.
SPIEGEL ONLINE: Worauf gründet sich Ihre Zuversicht?
Reimann: In den letzten Spielen der Hinserie haben wir ausgezeichnete Leistungen gezeigt. Die Mannschaft war absolut intakt. Wir waren in sehr vielen Partien nicht nur gleichwertig, sondern auch in einigen Spielen besser. Und durch die Verpflichtung der neuen Spieler sind wir noch stärker.
SPIEGEL ONLINE: Aber der ehemalige Stuttgarter Stürmer Ioannis Amanatidis gilt auch nicht gerade als der "Knipser", den sie eigentlich holen wollten.
Reimann: Was heißt Knipser? Nennen Sie mir mal in der Bundesliga ein Beispiel für den Prototyp des Knipsers. Für mich ist ein Spieler wertvoll, wenn er für die Mannschaft arbeitet, wenn er sich nicht nur auf Offensivaktionen beschränkt. Er muss auch Arbeit mit nach hinten verrichten.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben für die Abwehr mit Ex-Nationalspieler Ingo Hertzsch und dem Brasilianer Nascimento zwei neue Leute geholt. Werden wir wieder eine sehr defensive Eintracht sehen wie zum Beginn der Saison?
Reimann: Immer dieses Schlagwort "defensive Eintracht". Ich habe mir mal alle unsere Mannschaftsaufstellungen aus der Hinrunde kopieren lassen. Wir haben immer mit mindestens vier offensiven Spielern auf dem Platz gestanden. Wir müssen uns in der Deckung stabilisieren. Und wenn es der Gegner zulässt, werden wir auch angreifen.
SPIEGEL ONLINE: Auch am Samstag zum Rückrunden-Auftakt gegen die Bayern?
Reimann: Da kann von uns keiner Hurra-Fußball verlangen. Der Gegner darf uns aber nicht schrecken. Gerade gegen solch ein Team, das vor Nationalspielern nur so strotzt, hat man es als Trainer etwas leichter, weil die Spieler sowieso aufmerksam sind. Es wird mit Sicherheit eine heiße Partie werden.
SPIEGEL ONLINE: Derzeit hat Ihre Mannschaft zwölf Punkte auf dem Konto. Wie viele fehlen noch zum Klassenerhalt?
Reimann: Ich habe noch keine Hochrechnung gemacht, aber 37, 38 Punkte könnten reichen. Vergangenes Jahr kamen einige Mannschaften erst kurz vor der Winterpause an die 20 Punkte ran, das ist immer so die magische Zahl. Aber Arminia Bielefeld hatte vorige Saison 22 Punkte und ist auch noch abgestiegen.
SPIEGEL ONLINE: Falls die ersten Spiele der Rückrunde verloren gehen, wie lange werden Sie ohne Druck arbeiten können?
Reimann: Wir haben doch gar nicht so einen großen Druck. Nehmen Sie mal Hertha BSC. Die Berliner haben Druck, die wollten doch in die Champions League. Für uns geht es nach wie vor gegen den Abstieg, da hat sich doch nichts geändert. Wenn die Rückrunde so läuft, wie ich mir das vorstelle, werde ich in Frankfurt noch sehr lange arbeiten.
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie auch für Andreas Möller eine Zukunft bei der Eintracht? Oder war es ein Fehler, einen 36-Jährigen ohne Saisonvorbereitung als Leistungsträger etablieren zu wollen?
Reimann: Nein, auf keinen Fall. Ich finde es großartig, wenn ein klasse Spieler wie er gegen eine Aufwandsentschädigung, für die heute kein Nachwuchskicker in der Bundesliga auflaufen würde, versucht der Mannschaft zu helfen. Schon alleine durch sein Auftreten hilft Andreas Möller uns sehr. Wir werden das bis Saisonende so durchziehen, er wird mit Sicherheit noch das eine oder andere Positive für uns tun können.
SPIEGEL ONLINE: Ein Knackpunkt in der Hinrunde war wohl die 1:3-Niederlage Anfang November in Bremen. Ist es richtig, dass die Mannschaft sich nach dem Spiel gegen Ihre zu defensive Spielausrichtung aufgelehnt hat?
Reimann: Wie soll das gehen? Sie können sich auflehnen, indem sie ganz einfach guten Fußball spielen. Glauben Sie denn, eine Mannschaft spielt defensiv schlecht, setzt sich hin und sagt 'Jetzt spielen wir nächste Woche offensiver' und ist dann auch tatsächlich besser? Das ist doch absoluter Unsinn.
SPIEGEL ONLINE: Und was war Ihrer Meinung nach wirklich los?
Reimann: Fakt ist, die Mannschaft hat sich nach dem Spiel zusammengesetzt. Der Tenor war: Wir müssen ganz einfach aggressiver sein und das taktische Konzept besser umsetzen. Wenn wir die beiden Spitzen manndecken wollen und Ailton im ersten Angriff alleine aufs Tor zulaufen kann, dann ist das taktisches Fehlverhalten der Spieler.
SPIEGEL ONLINE: Nach der Partie in Bremen haben Sie harsch auf Vorwürfe der Vereinsführung reagiert. "Hier wurde schon vorher alles in die Grütze gefahren", lautete Ihr Urteil. War das nicht etwas überzogen?
Reimann: Ich werde weiterhin ganz klar Stellung beziehen. Das fehlt doch heute. Hören sie sich das Geschwafel in der Politik doch an. Da können sie eine Stunde zuhören, ohne dass eine Aussage kommt. Das ist doch fürchterlich.
SPIEGEL ONLINE: Ihnen wurde vorgeworfen, dass sich Ihr Team im Weserstadion quasi kampflos ergeben hat.
Reimann: In so einer Situation geht es doch um Schadensbegrenzung. Was bringt es, wenn wir uns noch zwei Torchancen erarbeiten und hinten klingelt es pausenlos? Dann verlierst du so ein Spiel mit sechs Gegentreffern. Dadurch können die Spieler auch einen moralischen Knacks kriegen.
Die Fragen stellte Oliver Teutsch