Remis in Irland Kampf statt Tanz
Dublin - Es lief die letzte Minute der regulären Spielzeit im Dubliner Croke Park, als die Gastgeber einen allerletzten Versuch starteten, ihren Plan doch noch erfolgreich umzusetzen. Über die Lautsprecheranlage schallte es, der Fahrer der deutschen Nationalmannschaft werde "unverzüglich zu seinem Bus" gebeten. Ohne Zweifel sollte so noch einmal Verwirrung gestiftet werden auf dem Rasen - vielleicht hätte ja der eine oder andere DFB-Spieler Sorgen um seine im Bus verstauten Privatsachen oder Angst, in dieser Nacht nach Hause laufen zu müssen. Aber es half alles nichts. Auch in der Nachspielzeit schoss Irland kein Tor mehr, Deutschland hatte den letzten für die EM-Qualifikation notwendigen Punkt gewonnen.
DFB-Spieler Fritz (r.) und der Ire Carsley: Noch viel Arbeit
Foto: DDPMan kann es durchaus als Kompliment für die Mannschaft von Joachim Löw werten, dass die Gegner die Wahl ihrer Mittel überdenken, um die Chancen auf einen Sieg gegen Deutschland zu erhöhen. Irland, vor dem 0:0 mit verschwindend geringen, aber noch vorhandenen Restchancen auf die EM-Qualifikation, ließ schon beim Aufwärmen einen Stadionsprecher an der Seitenlinie herumhampeln, der wie einer dieser lauten Quizmoderatoren von Neun Live wirkte und Schunkellieder der Pogues ("Dirty Old Town") ansagte. "Und alle zusammen", schrie der Mann. Fröhlich sein sollten auch die Gäste. Und sich so in Sicherheit wiegen.
Am Anfang schien die Illusion vom folkloretrunkenen und harmlosen Iren sogar zu wirken. Torsten Frings und Bastian Schweinsteiger leisteten sich in den ersten Minuten leichtfertig zwei Unkonzentriertheiten, Per Mertesacker spielte einen Fehlpass. Hatte Bundestrainer Löw das gemeint, als er davon sprach, man müsse in "Irland an die Grenzen gehen"? Wohl eher den Einsatz Schweinsteigers in der zwölften Minute im Kopfballduell mit Kevin Kilbane, den der Münchner allerdings mit einer klaffenden Platzwunde und der frühen Auswechslung bezahlte.
Immerhin riss die Verletzung Schweinsteigers die Deutschen aus ihrer anfänglichen Lethargie, doch ehe sich ein rechter Spielfluss einstellte, sorgte erneut der Stadionsprecher für Verwirrung. Bei der Einwechslung von Simon Rolfes sprach er von einer Veränderung "auf Seiten Westdeutschlands". Und als dann auch nach 30 Minuten plötzlich Irlands Angreifer Robbie Keane allein vor Jens Lehmann auftauchte, schienen die Pläne aufgegangen zu sein. Aber Lehmann hielt.
Später, das Spiel war längst vorbei, saß Steve Staunton ganz einsam und fassungslos vor den Journalisten und stammelte "ziemlich enttäuscht", dass man diese Partie habe "gewinnen müssen". Der irische Nationaltrainer hatte nicht ganz unrecht, zumindest hätte seine Mannschaft gewinnen können. Denn über 90 Minuten hatte Irland in der Verteidigung nahezu jedes Kopfballduell gewonnen, durch Robbie Keane zwei große Torchancen und in der zweiten Hälfte auch das sicherere Passspiel gezeigt.
Aber gewinnen müssen? Wie so oft gibt es im Fußball mehrere Wahrheiten, und eine ist auch die, dass die deutsche Mannschaft durchaus zu Recht nicht verlor. Mit ihrer mittlerweile verlässlichen aber immer noch überraschenden Abgeklärtheit, "kämpferisch und läuferisch überzeugend" (Löw) holte die Mannschaft den entscheidenden Punkt für die EM-Qualifikation drei Spieltage vor Ende der Vorrunde. "Die spielerische Substanz hat heute gefehlt", räumte Löw später ein und kritisierte das "häufige Spiel in die Breite". Was zählte war aber, dass sich sein Team gegen die Niederlage gestemmt habe und die Erkenntnis, "dass man nicht jeden Gegner dominieren kann".
Es ist im Verlaufe der EM-Qualifikation zu einer Stärke der deutschen Mannschaft geworden, dass sie auch vom Spektakel weg hin zum ergebnisorientierten Spiel wechseln kann, ohne dabei langweilig zu wirken. In Irland blitzte manchmal kurz dieses schnelle Direktspiel auf wie in der 16. Minute, als der Ball über mehrere Stationen zu Mario Gomez kam, der aber vor dem Tor vergab. Öfter sah man im Croke Park aber den schuftenden Stürmer Kevin Kuranyi, der sich so viele Bälle aus dem Mittelfeld holte, dass er wie ein Erntehelfer auf einem Kartoffelfeld wirkte. Es musste eben getan werden. "Die Qualifikation war das Einzige, was heute gezählt hat", nannte das Torsten Frings.
Immerhin lief in Irland mal wieder eine dezimierte deutsche Mannschaft auf. Mertesacker maß dem Auftritt ohne die Verletzten Bernd Schneider, Michael Ballack, Miroslav Klose, Thomas Hitzlsperger, Roberto Hilbert oder Philipp Lahm deshalb auch besondere Bedeutung bei: "Wir haben wieder bewiesen, wie eng wir zusammenrücken, wenn einige Leute fehlen. Wie wir uns den Punkt und das zu Null erkämpft haben, war doch durchaus sehenswert."
Ebenfalls sehenswert war der Auftritt des bei seinem Club FC Arsenal umstrittenen Torwarts Lehmann. Diesem hatte DFB-Teammanager Oliver Bierhoff einen Vereinswechsel nahe gelegt, sollte der 37 Jahre alte Keeper seinen Stammplatz bei den Londonern einbüßen. Lehmanns Leistung beschrieb Löw als "tadellos", womit er noch untertrieb. Glänzend auch der Auftritt des eingewechselten Lukas Podolski. Der Münchner Stürmer zeigte in 30 Minuten Torgefahr und direktes, geradliniges Direktspiel.
Löw blickte bei aller Freude über das Erreichen des ersten Etappenziels bereits auf den Mittwoch: Gegen Verfolger Tschechien (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wolle das Team in München gewinnen und den Gruppensieg schaffen, versicherte er. Derzeit läuft es blendend, aber in naher Zukunft dürfte sich beim deutschen Team ein Problem auftun. Was machen, wenn alle Verletzten zurückkehren? "Gute Frage", sagte Löw und lächelte dabei. Der Wettbewerb auf allen Positionen sei entbrannt, und der werde sich "auch noch zuspitzen". Deutschland hat die EM-Qualifikation geschafft, für die Spieler hat sie gerade erst begonnen.
Irland - Deutschland 0:0
Irland: Given - Finnan, Dunne, Kelly, O'Brien - Reid, Carsley, Keogh (80. McGeady), Kilbane (90.+2 Murphy) - Keane, Doyle (70. Long). - Trainer: Staunton
Deutschland: Lehmann - Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Jansen - Fritz, Frings, Schweinsteiger (18. Rolfes), Trochowski (90. Castro) - Gomez (64. Podolski), Kuranyi.- Trainer: Löw
Schiedsrichter: Hansson (Schweden)
Zuschauer: 67.495
Gelbe Karten: Carsley, Dunne / Lehmann, Frings, Friedrich