Rostocker Fanprojekt Mitbestimmung statt Randale
Die Bedenken waren groß, im Nordosten der Republik schrillten die Alarmglocken: Vor dem vermeintlichen "Hass-Derby" zwischen Hansa Rostock und Energie Cottbus Ende 2007 befürchteten etliche Medien das Schlimmste. Die Polizei hatte das Ost-Duell als "Spiel mit erhöhtem Risiko" eingestuft. Aus Sicherheitsgründen wurde die Stadion-Kapazität um 4000 Plätze reduziert. An der Ostsee bereitete man sich auf ein Drama vor. Und dann das: Nichts, aber auch gar nichts passierte. Im Gästeblock bildeten 13 Energie-Anhänger eine Menschenkette, die das Wort "Ostseestadion" ergab ein Akt der Solidarität mit vielen Hansa-Fans, die gegen den Verkauf des Stadionnamens mobilisieren.
Auf dem Rasen neigte sich eine müde Anfangsviertelstunde dem Ende entgegen, da explodierte wie aus dem Nichts die Stimmung auf der Südtribüne. Zwei Wochen lang hatten die stimmgewaltigen Hansa-Ultras aus Protest gegen Übergriffe des vereinseigenen Ordnungsdienstes beim Heimspiel gegen Schalke 04 jeglichen Support verweigert. Nun aber rockten sie die Arena. Die Mehrheit der normalen Fans zollte dem "Chaotenblock" spontan Respekt und zog mit. Tags darauf stand für viele Besucher im Hansaforum im Internet fest: Die gespaltene Fanszene hatte ihre "Wiedervereinigung" erlebt.
Zuvor war ihr Zusammenhalt auf eine harte Probe gestellt worden. Das Sündenregister der Norddeutschen ist so bekannt wie traurig: Randale am Bahnhof von Stendal (Februar 2006), rassistische Rufe gegen Gerald Asamoah (September 2006), Feuer im Gästeblock in Essen (Mai 2007), Schlägereien mit der Polizei bei der Aufstiegsfeier (Mai 2007). Der finanzielle Schaden für den Verein beträgt laut Clubchef Dirk Grabow bis zu 400.000 Euro.
Die Vereinsführung reagierte mit Liebesentzug. Vor einem Jahr teilte sie Rostocks führender Ultragruppe "Suptras" über die Presse das Ende der "privilegierten Zusammenarbeit" mit. Damit war jede Gesprächsgrundlage zerstört. Dass im Sommer der Stadionname für zehn Jahre an eine Bank verkauft wurde, verhärtete die Fronten noch mehr. Viele Mitglieder fühlten sich vom Aufsichtsrat hintergangen. Zu Saisonbeginn herrschte Eiszeit an der Küste. Die Wut der Fans entlud sich in einer nächtlichen Farbbeutel-Attacke auf das neue Stadion-Logo. Vor allem aber formierte sich gewaltfreier Widerstand. Die Initiative "Unser Ostseestadion" wurde gegründet, im Internet bekannten sich fast 10.000 Fans zum alten Namen. Am 20. Oktober demonstrierten rund 1000 Hansa-Anhänger friedlich für den Erhalt von Fantraditionen.
Rege Geheimdiplomatie
Unmittelbar danach kam es beim Schalke-Spiel zu Tumulten zwischen Fans, Ordnern und Polizei im Block 27. Auslöser war eine Zaunfahne mit der Aufschrift "Ostseestadion". Die Vereinsspitze sah sich von den Fans provoziert, die Südtribüne reagierte mit einem Stimmungsboykott. Beim Pokalspiel gegen Offenbach pfiffen sich die Hansa-Fans deshalb gegenseitig aus trotz eines 6:0-Siegs. Die Bestürzung war groß. Aber nun entwickelte sich eine rege Geheimdiplomatie zwischen Fanvertretern und Clubführung. Anfang November vereinbarten beide Seiten einen gemeinsamen Neubeginn. "Die Fans haben mehr Vertrauen und Verantwortung gefordert", sagt der Fanbeauftragte Axel Klingbeil, 42, "und der Verein ist dazu bereit." Der Vorstandsvorsitzende Dirk Grabow, 36, bestätigt den Sinneswandel: "Es ist beidseitig eine Vertrauensbasis vorhanden." Der wortkarge Clubchef hat erkannt: "Der Schlüssel ist die ständige Kommunikation."
Die läuft seitdem auf vielen Kanälen. So ist die Abteilung Fanbetreuung nun direkt dem Vorstand unterstellt und wurde personell aufgestockt. Mit dem Verein "Fanszene Rostock" haben sich im Herbst die supportwilligen Hansa-Anhänger eine eigene, unabhängige Struktur geschaffen. Gegenüber Grabow verpflichteten sie sich zu einer Art Ehrenkodex. "Die Kurve 27 A ist unsere Kurve", sagt Joachim Fischer, 43, vom Vorstand des Fanszene e. V., "wir werden nicht zulassen, dass da Bockmist gemacht wird." Am 1. Januar 2008 nahm zudem das neue Fanprojekt Rostock, das nach den Richtlinien des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit arbeitet und einen sozialpräventiven Ansatz verfolgt, nach langen Diskussionen die Arbeit auf.
Mittlerweile sind selbst von der Polizei moderate Töne zu hören. "Ich bin ja froh, dass sich was bewegt", sagt Olaf Kühl, 40, Leiter der Polizeiinspektion Rostock. Auch er will das Gespräch mit Fanvertretern suchen, warnt aber vor zu großen Erwartungen: Eine "Selbstverwaltung" der Südkurve werde es nicht geben. Denn von den etwa 1000 aktiven Supportern im Block 27 A stuft Kühl 400 als "gewaltgeneigt" ein. Den "harten gewaltbereiten Kern bei den Ultras" bezifferte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE auf "50 bis 70 Personen".
Rückschläge kann niemand ausschließen. Viel wird davon abhängen, ob es den Fan-Netzwerkern gelingt, die Selbstreinigungskräfte der Szene zu stärken. "Es geht ja nicht darum, Leute auszugrenzen, sondern gewisse Verhaltensweisen", sagt Klingbeil. Fischer weiß auch schon wie: "Man muss den angeblichen Chaoten Verantwortung übergeben." Die Fan-Demo am 20. Oktober ließ er von 40 Ordnern absichern, von denen etwa jeder Dritte Stadionverbot hatte. Es hat funktioniert. Aber die Bedenken bleiben.