Rowohlt-Experte Die Illusion, Zidane zu sein
Die Berliner Sensation dieses Sommers ist das Badeschiff. In der Spree ankert ein Frachter, der randvoll mit warmem, klarem Wasser gefüllt ist. Wer darin schwimmt, könnte das unglaubliche Gefühl genießen, vor der Silhouette Berlins im Fluss selbst seine Bahnen zu ziehen - wäre nur bei schönem Wetter mehr als ein Stehplatz im Becken zu erkämpfen.
An manchen Abenden aber verschwinden die Massen so schnell, als wären sie auf der Flucht. Warum nur tauschen die Menschen ihr Badevergnügen gegen Fernsehbilder vom Fußball im fernen Portugal ein? Patriotische Gefühle für eine Mannschaft, die nicht gerade geglänzt hat, können es jetzt nicht mehr sein.
Eine Antwort haben italienische Neuropsychologen anzubieten. Sie entdeckten in den Köpfen von Affen, später auch in Menschen Neuronen mit einer fantastischen Eigenschaft: Sie feuern nur dann, wenn ein Tier Bewegungen eines Artgenossen beobachtet. Wann immer wir zusehen, wie andere laufen, die Arme im Jubel hochreißen oder auch nur das Gesicht verziehen, werden in unseren Köpfen diese so genannten Spiegelneuronen aktiv - und verschaffen uns die Illusion, uns selbst zu bewegen. Und wer würde nicht einen ganzen Tag im Bad gegen ein paar Augenblicke des Gefühls eintauschen, den Ball zu beherrschen wie Zinedine Zidane?
Stefan Klein kommt als freier Autor auch mit der Magie des Fußballs in Berührung. Schließlich hat er das entdeckt, wovon alle Trainer träumen, die "Glücksformel". Und wenn das Glück sich nicht einstellen will? Egal - ist doch "Alles Zufall".