Rowohlt-Experte England kommt weiter dank Oasis
Ich gestehe: Ich hatte einige Chancen, Fußballfan zu werden. Als ich einmal in London Nick Hornby zu High Fidelity befragte (nicht zu Fever Pitch), zeigte er mir bei einem Spaziergang schließlich als Höhepunkt die Arsenal-Kneipe. Die Pinte, wo sich der Arsenal-Fan schon vor dem Spiel betrinkt. Hornby muss an meinem Blick bemerkt haben, dass ich, der Kneipen liebt, diese Bude nun nicht für den Heiligen Gral hielt. Vielleicht war er es auch gewöhnt, dass man ihn aufforderte, sich mittags um eins sofort hemmungslos zu betrinken oder wenigstens ein paar Tränen zu vergießen. Das war meine zweite Chance.
Die erste bekam ich Anfang der 90er in Leeds. Ich wohnte damals in Bradford, einer Stadt, die so schön ist, dass man in Leeds ausgehen muss am Wochenende. In irgendeiner Pub-Toilette fragte mich ein Nordengländer, der entweder schon die doppelte Menge Pints intus hatte wie ich oder der an anderen bedauerlichen Umständen litt, wie mir das Spiel gefallen habe. Welches Spiel? Na Leeds gegen was weiß ich! Keine Ahnung, nicht gesehen! Der Typ wurde böse. Ich kam ohne blaues Auge davon, informierte mich seitdem aber immer über den Ausgang der Spiele, wenn ich mich samstags in Richtung Leeds aufmachte.
Später sah ich Rod Stewart bei einem Konzert in New Orleans mindestens 20 Minuten Fußbälle ins Publikum schießen. Auch als er seine ältesten Fans alle schon abgeschossen hatte, mochte er nicht damit aufhören. Danach spielte er "Cigarettes & Alcohol" von Oasis, und mir wurde wieder einmal schmerzlich bewusst, wie weit im Abseits ich mich befand, ohne es überhaupt erklären zu können. Bis heute hat sich nichts geändert. Wenn Portugal gegen England spielt, werde ich den Fernseher nebenbei laufen lassen. Ich werde Fernando Pessoas Buch der Unruhe in der ungekürzten Form zur Hand nehmen. Schon das ist ob des Ziegels ein sportlicher Akt, und ich werde dazu das T-Shirt zum Buch tragen, wie man das angeblich so macht zum Fußball. Was auf dem T-Shirt steht? Hilfsbuchhalter! Trotzdem 1:2? Klar - wegen Oasis!
Stefan Maelck, Publizist und Radiomoderator, lebt in Halle. Seinen Privatdetektiv Hank Meyer, der Country-Musik und philosophische Trinkgelage liebt, lässt er nicht nur auf dem "Ost Highway", ermitteln, sondern auch in New Orleans und anderen Orten, wo die wirkliche Musik spielt.