Rowohlt-Experte: Spätes niederländisches Glück - DER SPIEGEL
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Rowohlt-Experte Spätes niederländisches Glück

Ein Team des Rowohlt-Verlages tippt exklusiv die EM-Spiele. Der "SZ"-Journalist und ehemalige SPIEGEL-Redakteur Hans Leyendecker geht davon aus, dass Portugal im heutigen Halbfinale gegen die Niederlande verlieren wird. Der Gastgeber scheitert an der Beharrlichkeit des Oranje-Teams.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Leben ist mancherlei, der Weltenlauf mutet in der Regel geradezu unmoralisch an. Entweder ist die Tugend unten oder das Laster oben. Es geht selten gerecht zu und der Brave wird geschunden. Also: Holland gewinnt heute Abend gegen Portugal.

Beide Teams spielten bislang keinen meisterlichen Fußball. Die Niederländer haben mit Ruud van Nistelrooy, Patrick Kluivert, Roy Makaay und Pierre von Hooijdonk zwar mehr erstklassige Stürmer als jede andere Mannschaft (Brdaric, Bobic, Klose dürften denen nicht mal die Schuhe putzen), aber der Trainer Dick Advocaat spielt nur mit einer Spitze. Roy und Ruud von Anfang an - das passt ihm nicht, weil Makaay nun mal gern von rechts in die Mitte drängt. Da werden die Räume zu eng.

Jaaa, herrjeh - aber die Flügelspieler waren auch nicht überragend. Bei der Betrachtung von Edgar Davids und Clarence Seedorf grübelt der Zuschauer zwar schon mal über das eigene Pensionärsdasein, aber das Wichtigste wird oft in der Nachspielzeit oder der Verlängerung geschaffen. Sie kommen spät, die Holländer, aber manchmal gewaltig.

Warum nicht doch Portugal? Zwei Gründe. Erstens: Franz Beckenbauer hat Portugal zum Turnierfavoriten erklärt. Da ist Widerspruch Pflicht und außerdem irrt Beckenbauer gewöhnlich. Zweitens: Der Portugiese an sich, die portugiesischen Grübeleien. Schon in der Nationalhymne ist vom "Nebel der Erinnerung" die Rede. Die in Jahrhunderten des Niedergangs gewachsene Skepsis macht selbst vor Wundern nicht halt. Aber wer ins Endspiel will, muss wirklich an sich glauben.

In der Hymne der Niederländer - der Text stammt von 1568 - gibt es allerdings eine Stelle, die den Portugiesen Mut machen kann und die geht so: "Wilhelm von Nassau bin ich, von deutschem Blut." Oranje, pass auf!

Hans Leyendecker, geboren 1949, ist leitender politischer Redakteur der "Süddeutschen Zeitung". Seine Tante Marianne, die eigentlich Rosemarie hieß, aber merkwürdigerweise Marianne genannt wurde, pflegte zu sagen: "Wenn Gott will, schießt ein Besen."

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