Saison 2009/10 Die Loser der Liga
Christoph Biermann analysiert in drei Teilen die Mittelklasse, die Sieges- und die Abstiegskandidaten der Bundesliga.
Teil 1: Wer in der kommenden Saison im Tabellenkeller stehen wird
Titel sind in der Vereinsgeschichte des VfL Bochum rar. Doch auf einen ist der Club nun schon länger abonniert: Er hat die am schlechtesten gelaunten Fans der Liga.
Das hat viel mit der erdrückenden Nachbarschaft im Revier und noch mehr mit den Jahren als Fahrstuhlteam zu tun - wurde zuletzt aber noch durch eine wenig mitreißende Spielweise befördert.
In diesem Sommer hat der Club die Erwartungen durch wenig glamouröse Transfers nicht eben frenetisch angefeuert. Neben einem wieselflinken Slowenen (Zlatko Dedic) aus der zweiten italienischen Liga kam noch ein blässlicher Mittelfeldschwede (Andreas Johannson), das war's auch schon.
Nur knapp 8000 Menschen entschlossen sich daraufhin, eine Jahreskarte zu kaufen. Das ist weniger als im Vorjahr und die niedrigste Zahl in der Bundesliga. Man kann es auch so sagen: Bochum bleibt sich treu. Ein Kandidat für den Tabellenkeller.
Ebenfalls schon jetzt steht fest: Sprachlich bester Trainer der kommenden Bundesligasaison wird Michael Oenning vom 1. FC Nürnberg. Der Germanist liest nicht nur ganze Bücher, sondern versteht sie auch. Er könnte auch entscheidend dazu beitragen, dem Fußball-Konjunktiv ("Wenn wir das 1:0 machen, gewinnen wir das Spiel") den Garaus zu bereiten. Kleine Macke: Oenning überschätzt als langjähriger Jugendtrainer mitunter die Leistungsstärke von Youngstern.
Sollte das jedoch keine Macke sein und er sein Team wirklich doch noch aus dem Abstiegskampf heraushalten - dann wird Oenning umweglos zum Visionär erklärt. Und dürfte sich auch andere Ehrungen ins Regal stellen als den Grimme-Preis, den er als Assistent von Marcel Reif für Fußballberichterstattung im Fernsehen gewonnen hat.
Borussia Mönchengladbach erkannte man in den vergangenen Jahren daran, dass der Club kaum erkennbar war. Nur echte Fans wussten genau, wer da gerade so als Spieler und Trainer unter Vertrag stand, weil die Borussen einen Personaldurchlauf wie eine Zeitarbeitsfirma hatten.
Gut ist es daher, dass mit Michael Frontzeck ein Alt-Gladbacher neuer Cheftrainer ist - und nur eine Handvoll neuer Profis verpflichtet wurde. Leider sind dafür die Zauberkinder Marin und Baumjohann nicht mehr da.
Sollte die Strategie des Mehr durch Weniger aber wider den Erwartungen aufgehen, könnte man mal anfangen, sich die Namen zu merken...
Ähnlich überschwängliche Vorfreude hat sich rund um Hannover 96 eingeschlichen, wo Vereinsboss Martin Kind den Club aus wirtschaftlichen Gründen auf einen Sparkurs eingeschworen hat. Die nachvollziehbare Entscheidung kam bei der Mannschaft nur irgendwie falsch an. Der durchaus namhafte Sturm sparte in der Vorbereitung mit Toren, das Mittelfeld an Ideen und die Abwehr an Sicherheit.
Das kulminierte in einer ernsthaft peinlichen Pokalpleite beim Viertligisten Trier. Ängstlich fragen sich die Fans nun, wie die schlechteste Abwehr der Liga und die Auswärtsneurotiker des Vorjahres (die wenigsten Punkte in fremden Stadien) die neue Spielzeit überstehen sollen.
Achtung: Bitte nicht mehr über den SC Freiburg als Breisgau-Brasilianer sprechen! Trainer Robin Dutt hat nämlich den großen Rivalen der Brasilianer - Argentinien - zu seinem fußballerischen Vorbild erklärt.
Deshalb muss man nun von den Breisgau-Argentiniern sprechen. Oder gleich von den Gutedel-Gauchos.
Im Vergleich zur Finke-Ära bedeutet das zwar einerseits die Fortführung des freiburgischen Kombinationsfußballs - der aber mit einem etwas stärker körperlichen Element, größerer Direktheit und mehr Punch in der Offensive versehen sein soll.
Das hört sich gut an und sieht oft auch gut aus. Aber kaum in der Bundesliga angekommen, sind wichtige Spieler gegangen oder langfristig verletzt.
So wird die Dreisam wohl nur gelegentlich zum La Plata.
Mainz 05 litt in der Vorbereitung unter einer Verletzungswelle, als hätte der Leibarzt von Michael Jackson die medizinische Betreuung des Teams übernommen. In Lübeck flogen die Ersatzgeschwächten dann aus dem Pokal, anschließend Jörn Andersen als erster Trainer der Saison.
Doch zum großen emotionalen Höhepunkt der Spielzeit wird es erst am zweiten Aprilwochenende des kommenden Jahres kommen. Dann wird Jürgen Klopp mit seiner Dortmunder Mannschaft anreisen. Angesichts des Wiedersehens mit dem Coach, der den Club machte, dürfte es ein hemmungsloses Massengeheule geben.
Ein paar Wochen später werden vermutlich wieder Tränen fließen. Wenn der größte Außenseiter dieser Saison den Klassenerhalt doch nicht geschafft hat.
Lesen Sie demnächst im zweiten Teil der Bundesligavorschau: Analogkäse in Frankfurt und Poldistan am Rhein - im Mittelfeld der Liga geht es hoch her.