Sami Khedira im DFB-Team: Löws Konstante im Mittelfeld
DFB-Star Khedira Die Treue des Trainers
Sami Khedira ging es lange nicht so gut. Mal nicht verletzt, mal nicht mit Trainingsrückstand, "ich bin fit, im Rhythmus". Der Bundestrainer nennt ihn eine Führungsfigur, der "Stern" hält ihn für den "Strippenzieher" des DFB-Teams. Wenn Kritik an der bisher übersichtlichen Leistung der Elf bei dieser EM geübt wird, dann ist die Rede von Mario Götze, Mesut Özil oder Thomas Müller. Nie von Khedira.
Und das ist erstaunlich.
Der 29-Jährige gehört zu den Arrivierten im Team, 62 Mal hat er für Deutschland gespielt, in der Testpartie gegen die Slowakei Anfang des Monats trug er die Kapitänsbinde, er hat mit Real Madrid die Champions League gewonnen, ist mit Juventus Turin Meister in Italien geworden, Khedira spielt sein viertes Turnier. Und es ist bisher vermutlich sein schwächstes.
Khedira hat das deutsche Spiel verlangsamt
In den ersten beiden Partien gegen die Ukraine und Polen sorgte er wiederholt dafür, dass das deutsche Spiel an Tempo einbüßte. Er schaltete langsam um, wenn es von Abwehr auf Angriff ging. Mehrfach drehte er sich mit dem Ball um die eigene Achse, die Deckungsreihen der Gegner hatten derweil genug Zeit, sich zu formieren. Wenn der Bundestrainer nach dem Polenspiel monierte, "die Geschwindigkeit vorm Tor hat gefehlt", dann hat er damit auch seinen Routinier Sami Khedira gemeint.
Der Mittelfeldspieler hat bei Juventus seit langer Zeit endlich mal wieder fast eine gesamte Saison durchgespielt, im Trainingslager in Ascona hat er dies noch als großen Vorteil gepriesen, nachdem er zuvor durch Verletzungen immer wieder zurückgeworfen war. Jetzt scheint ihn allerdings genau dies Substanz zu kosten. Khedira wirkt nicht spritzig genug. Auf der laufintensiven Position des Sechsers, bei dem der schnelle Übergang von Defensive zu Offensive so wichtig ist, rächt sich das.
Joachim Löw hält ihm dennoch die Treue, nach der Testspielniederlage gegen die Slowakei hatte Löw noch beklagt, dass "in der Defensive große Löcher rechts und links vom Sami geklafft" hätten. Aber für diese Löcher ist der Nationalspieler auch mitverantwortlich. Khedira interpretiert seine Rolle auf der Sechs zunehmend offensiv.
Löw vergleicht ihn mit Paul Pogba
Gegen die Polen stand er auf dem Platz fast immer vor Toni Kroos. Löw mag das an sich, noch am Samstag verglich er Khedira gar mit dessen hochgelobtem Juventus-Teamkollegen Paul Pogba, "zwei, die die ähnliche Qualität haben, in die Spitze zu gehen". Da aber auch Kroos nicht der geborene Defensivabräumer ist, läuft das deutsche Mittelfeld immer wieder Gefahr, bei schnellem Umschalten der Gegner überlaufen zu werden.
Deutschland in der Einzelkritik: Özil bleibt ohne Effekt
Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira - das ist über Jahre die deutsche Absicherung im Mittelfeld gewesen. Schweinsteiger, der auf dem Platz in der Lage ist, defensiv zu denken und zu handeln, und Khedira, der dann auch mal nach vorne stürmen durfte. Dieses Duo ist durch die vielen Verletzungen, unter denen beide zu leiden hatten, gesprengt. Ob es heute noch funktionieren würde, ist auch ziemlich fraglich.
Beide sind langsamer geworden, haben ihrem Körper Tribut zollen müssen. Beide leben von ihrer Erfahrung, auch davon, nicht jeden Laufschritt mehr mitmachen zu müssen. Aber eben auch nicht mehr mitmachen zu können. Das Spiel um sie herum ist derweil noch schneller, noch rasanter geworden, es wird noch mehr gelaufen, es ist nicht leichter geworden für die beiden Platzhirsche im deutschen Zentrum.
Schweinsteiger ist nach wie vor dabei, aufzuholen, was er durch seine Verletzungszeit im Frühjahr verloren hat. Ob er bei diesem Turnier noch einmal die Luft für 90 oder gar 120 Minuten haben wird, weiß keiner. Falls sich der DFB-Kapitän allerdings zurückmeldet, dann steht Löw vor der kniffligen Aufgabe, sich zu entscheiden. Und im Hintergrund wartet zudem der junge Dortmunder Julian Weigl. Der 21-Jährige könnte noch jeden Weg gehen, er hat in seinem Jahr bei Borussia Dortmund bewiesen, dass er auch schon die Ruhe hat, wichtige Partien zu bestehen.
Löw wird dennoch so lange wie möglich an Khedira festhalten. Er gehört zu den Spielern, über die der Bundestrainer den klassischen Löw-Satz sagt: "Ich weiß, was sie können." Als sich Khedira acht Monate vor der WM 2014 das Kreuzband riss, hat ihm Löw bis zum allerletzten Moment den Platz im Kader freigehalten. Es hat sich damals für beide gelohnt. Jetzt ist es an dem Spieler zu beweisen, welche Treue er wert ist.