Trotz Sieg gegen Nikosia Liebesentzug auf Schalke
Die Zahl der Schalke-Fans, die fanden, ihre Mannschaft hätte zum Abschied noch einen warmen Applaus verdient, war überschaubar.
Als die Spieler nach dem 1:0 über Apoel Nikosia ihre obligatorische Ehrenrunde drehten, blickten sie auf ein Meer von leeren, königsblauen Sitzschalen. Lediglich die treuen Fans in der Nordkurve und ein paar, die mal die Chance nutzen wollten, aus nächster Nähe ein Foto zu schießen, waren geblieben. Der Großteil hatte längst das Weite gesucht.
Bereits zehn Minuten vor Schluss waren Tausende in den verregneten Gelsenkirchener Abend verschwunden. Und die, die blieben, winkten nur noch ab oder quittierten jeden neuen Stock-, Stellungs- und Abspielfehler mit einem Pfeifkonzert. Nicht mal der erlösende Siegtreffer durch Eric-Maxim Choupo-Moting (86.) konnte das nachhaltig ändern. Keine drei Minuten später verschoss Dennis Aogo einen Handelfmeter, aus Freude wurde wieder Unmut.
Das war den Spielern natürlich nicht verborgen geblieben. Doch sie hüteten sich, das Verhältnis weiter zu strapazieren: "Nach dem, was in letzter Zeit alles passiert ist, kann ich jeden verstehen, der schnell abhaut. Es ist spät, es war nicht das allerbeste Spiel. Jeder kann selbst entscheiden, wann er nach Hause geht", sagte Torschütze Choupo-Moting, der selbst nicht so recht wusste, was von diesem Europa-League-Abend übrig bleibt.
Knapper Sieg für Schalke: Alle gegen Waterman
Gewonnen hatten sie, und damit die Serie von sieben sieglosen Spielen beendet. Auch das erste Saisonziel - das Erreichen der K.o.-Phase - war abgehakt. Andererseits hatte sich Trainer André Breitenreiter von der Partie gegen zweitklassige Zyprer ja weitaus mehr versprochen. Eine Art Frischzellenkur für ganz Schalke. "Es hätte so ein Spiel werden können, in dem wir viel Selbstvertrauen tanken", sagte Dennis Aogo hinterher, "aber wir haben zu viele Chancen vergeben".
Die erste davon gab es schon nach zwei Minuten, es sollten bis zur Pause etliche folgen. 8:0 lautete das Eckenverhältnis nach 20 Minuten, 14:3 Torschüsse gab es bis zur Halbzeit. Joel Matip, Klaas-Jan Huntelaar, Leon Goretzka, Leroy Sané, Franco Di Santo, Johannes Geis und Choupo-Moting köpften und schossen, wann immer es ging. Aber nichts davon landete im Tor.
Das sorgte zwar für erstes Murren, brachte die Zuschauer aber noch nicht auf die Palme. Dafür sorgte die zweite Hälfte, eine unansehnliche Mischung aus Einfallslosigkeit und falschen Entscheidungen. "Wir haben etwas den Faden verloren", befand Aogo und hatte gleich den Grund dafür parat: "Da sind viele junge Menschen auf dem Platz. Wir haben sieben Mal in Folge nicht gewonnen, natürlich gehen wir nicht auf den Platz und denken, wir hauen die jetzt weg."
"Wir haben anspruchsvolle Ziele"
Das hatte selbst Breitenreiter nicht erwartet, wohl aber gehofft, ein überzeugender Sieg würde die mit dem ordentlichen Bayernspiel (1:3) eingeleitete Wende beschleunigen. Und dass es vielleicht wieder so wird wie zu Beginn der Saison. Als der frische Coach und der beste Bundesligastart seit 44 Jahren die Schlagzeilen beherrschten, nicht die Formkrisen und das Theater um Manager Horst Heldt.
Doch nun musste sich auch der Trainer eingestehen, dass der große Befreiungsschlag ausgeblieben war. "Wir hätten mehr mitgenommen, wenn wir das Spiel früh entschieden und deutlich mehr Tore geschossen hätten." Immerhin verschaffe ihnen der Sieg "aber erst mal ein gutes Gefühl". Gerade mit Blick auf das Spiel am Sonntag in Leverkusen (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). "Jetzt geht es in die Bundesliga, wir haben noch vier Spiele und wollen Punkte mitnehmen. Wir haben anspruchsvolle Ziele."
Wie die konkret aussehen, bleibt sein Geheimnis. Bereits am Mittwoch erwähnte Breitenreiter "Ziele, über die wir natürlich nicht sprechen". Solche, "die der Realität entsprechen". Was auch hieß: Nicht solche, die Fans und Journalisten aufstellen. "Da sind wir und insbesondere ich oft ungerecht kritisiert worden." In welchem Zusammenhang, ließ der Trainer offen.
Dass Platz sieben in der Bundesliga und das frühe Aus im DFB-Pokal aber kein zufriedenstellendes Zwischenfazit darstellen, dürfte auch Breitenreiter wissen. Gerade auf Schalke, wo Gefühle gern etwas theatralischer ausgelebt werden. Und wo sie derzeit selbst dann keine Lust auf eine Ehrenrunde ihres Teams haben, wenn das die nächste Runde des Europapokals erreicht.
FC Schalke 04 - APOEL Nikosia 1:0 (0:0)
1:0 Choupo-Moting (86.)
Schalke: Fährmann - Matip, Júnior Caiçara (83. Riether), Neustädter, Aogo - Sané, Goretzka, Geis (79. Højbjerg), Choupo-Moting - Huntelaar, Di Santo (62. Meyer)
Nikosia: Waterman - Mário Sérgio, João Guilherme, Carlão, Antoniades (31. Astiz) - Nuno Morais, Charalambides (77. Vieira), Artymatas, Vinicius - De Vincenti, Pieros Sotiriou (54. Makridis)
Schiedsrichter: Ekberg (Schweden)
Zuschauer: 43.117
Besonderes Vorkommnis: Aogo (Schalke) scheitert mit Handelfmeter an Waterman (89.)
Gelbe Karten: Neustädter / Carlão, Vinicius