Schalker Depression Slomka und das verlorene Lachen
Nun ist es also doch so weit gekommen, Mirko Slomka hat sein Lächeln verloren. Nicht einmal mehr geradesitzen mochte der sonst so beschwingt wirkende Trainer des FC Schalke 04 nachdem seine Mannschaft durch das 0:1 nach Verlängerung beim FC Sevilla aus dem Uefa-Pokal ausgeschieden war. Sein Kopf schien Tonnen zu wiegen, er musste von der Hand gestützt werden, die Augen gesenkt, die Gesichtsfarbe grau tat Slomka seine Meinung kund: "Eine sehr glückliche Situation hat das Spiel entschieden", sagte er und sprach davon, dass seine Mannschaft "einfach zu wenig Torchancen erarbeitet" habe. Deshalb hat das Halbfinale einen verdienten Sieger gefunden, Antonio Puerta erzielte in der 100. Minute mit einem schönen Schuss das entscheidende Tor. Und danach feierte Sevilla in der andalusischen Frühlingsnacht, als hätte man den Pott schon gewonnen. In der Stadt findet in dieser Woche das bekannteste Volksfest Spaniens statt, die Ferias de Abril, und während Slomka analysierte, sangen die Massen entfesselt Hymnen auf die Stadt, den Verein und das Leben. Zuvor hatten sie das Spielfeld gestürmt, Reporter tippten nach dem Schlusspfiff weinend ihre letzten Zeilen in die Notebooks, ein wildes Feuerwerk wurde gezündet es war eine Atmosphäre, als wäre der 1. FC Köln am Rosenmontag Deutscher Meister geworden.
Inmitten all dieser enthemmten Freude musste sich das kleine blau-weiße Schalker Häufchen auf den Heimweg machen und erkennen, dass jener Zauber, der ihnen den Titel 1997 bescherte, nun in Sevilla zur Wirkung kommt. Der spanische Club hat seit den vierziger Jahren keinen Titel gewonnen, musste in den vergangenen Jahrzehnten finstere Zeiten überstehen, der Einzug ins Uefa-Cup-Finale hat den Charme eines mittleren Fußballwunders.
Diese Mannschaft und ihre Fans sind frei von der Schwere großer Erwartungen, sie werden getragen von der Euphorie des Anspruchslosen, denen der Himmel nach Jahren der Dürre ein unverhofftes Lebensglück schenkt. "Das is eine perfekte Nacht. Dieses Spiel zu gewinnen und ins Finale einzuziehen ist großartig. Aber ohne harte Arbeit ist das nicht möglich", sagte Sevillas Trainer Juande Ramos, um den Menschen zu danken, die alles dafür gegeben hatten, dass ihr Team erfolgreich war: den Fans. "Es war für uns eine große Hilfe, dass uns die Zuschauer so stark unterstützt haben."
Irgendwann lange nach Abpfiff applaudierte diese feiernde Masse gar den blau-weißen Gästen, die staunend in ihrer Kurve ausharrten. Die Fans des FC Sevilla sangen vereint "Schalke, Schalke", ihre Freude war so groß, dass sie sie mit dem Gegner teilen wollten ein besonderer Moment im sonst so ernsten europäischen Spitzenfußball.
Auch die Schalker Spieler wären dieser Ernsthaftigkeit gerne mit einem Sieg entkommen, doch ihre Leistung hätte einen solchen Erfolg kaum verdient gehabt. "Wir haben unser Spiel nicht so gefunden", sagte Stürmer Gerald Asamoah vorsichtig. Das war eine freundliche Umschreibung für 120 Minuten, die praktisch frei waren von jeglicher Schalker Torgefährlichkeit.
"Die Qualität ist da"
Schalke fand nie zu Leidenschaft und Spielfreude, im Kombinationsspiel wimmelte es von technischen Fehlern, Kevin Kuranyi war als im Angriff eine Enttäuschung, und dass die Partie nicht schon nach 90 Minuten entscheiden war, lag nur daran, dass auch der FC Sevilla keine Mannschaft ist, die solche Schwächen kühl für sich zu nutzen weiß.
Sportdirektor Andreas Müller nahm seine Spieler dennoch in Schutz. "Das ist eine Mannschaft, die sehr viel Geduld braucht", sagte er, um schon einmal dem zu erwartenden Sturm der Kritik zu begegnen, der in den kommenden Wochen auf den Club herein brechen wird. In der Meisterschaft wird Schalke wohl Vierter, was Geschäftsführer Peter Peters vor der Saison als "Worst-Case-Szenario" bezeichnet hatte. Die Champions-League-Gruppenphase wurde nicht überstanden, im Pokal war bereits im Spätsommer Schluss. "Wir haben nicht erreicht, was wir uns vorgenommen haben", resümierte Asamoah und versicherte schnell noch: "Aber die Qualität ist da."
Diese Aussage ist derzeit oft zu hören auf Schalke, es hätte ja auch fatale Folgen, wenn sich eine andere Überzeugung durchsetzte. Dann müsste die Mannschaft prominent verstärkt werden, und dazu fehlt ohne Champions League das Geld man steht am Anfang eines gefährlichen Teufelskreises. "Wir werden einiges Überdenken und Schwächen abstellen, die wir in dieser Saison aufgedeckt haben", kündigte Müller an. Er meinte damit den ungefestigten Charakter der Mannschaft, die gewaltige Probleme hat, das Besondere auch in schwierigen Situationen zu schaffen.
Die laufende Europapokalsaison hätte ein großes Fest werden können. "Es ist schon traurig, dass uns in Mailand ein Tor fehlte um das Achtelfinale der Champions League zu erreichen, und hier fehlte ein Tor zum Einzug ins Finale", klagte Müller.
Immerhin der Erlebnisfaktor stimmte in diesem aufregenden Europapokaljahr, fünf von sechs Partien in der Champions League waren höchst unterhaltsam, bisweilen gar hochklassig, und im Uefa-Cup erreichte man das Halbfinale, das mit einem atmosphärischen Höhepunkt endete. Beim Bewältigen der schwierigen Schalker Zukunft hilft das aber wohl kaum.