Schottische Depression "Ja, wir sind so schlecht"
Glasgow - Es ist nicht so, dass die Nationalmannschaft Schottlands eine Vergangenheit geschmückt mit Ruhm und Titeln aufzuweisen hätte. Zwar wurde der so genannte schottische Flachpass - als Gegensatz zum unkultivierten Kick-and-Rush der Engländer - früher einmal als Inbegriff moderner Fußballtechnik gefeiert. Doch das war in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wenn fortan aber die besten Länderteams der Welt um Trophäen spielten, war Schottland nicht dabei oder ein todsicherer Tipp für das Vorrunden-Aus. Peinliche Pleiten gegen Außenseiter wie Iran (1:1 bei der WM 1978) oder Costa Rica (1:2 bei der WM 1990) inklusive.
Doch seit der frühere Bundestrainer Berti Vogts vor anderthalb Jahren Craig Brown als Teammanager der "Tartan Army" ablöste, wird die Leidensfähigkeit der schottischen Fans auf ihre härteste Probe gestellt. Nur drei von 15 Spielen gewann die Vogts-Elf, blamierte sich beim 2:2 im EM-Qualifikationsspiel gegen die Färöer ebenso wie in den letzten Testpartien vor dem Duell mit der DFB-Auswahl gegen Österreich (0:2) und Neuseeland (1:1). Die Zeitung "The Scotsman" schrieb angewidert, das Nationalteam würde "Übelkeit unter den Fans hervorrufen".
Lediglich 10.000 Zuschauer hatten vergangene Woche die Begegnung im ehrwürdigen Hampden Park gegen Neuseeland besucht. Alan McInally reagierte entsetzt. "Noch vor einigen Jahren hätten alle meine Freunde Tickets für solch ein Spiel gewollt. Aber mittlerweile interessiert es keinen mehr, weil sich die Mannschaft nicht verbessert", kommentierte der frühere Angreifer des FC Bayern München das Desaster, "wir werden nicht besser, da wir nicht genügend Fußballer von internationaler Klasse besitzen." Die "Daily Mail" betitelte den defätistischen Kommentar McInallys niedergeschlagen mit: "Ja, wir sind so schlecht."
Allerdings nicht allein die Boulevardpresse ist der Kapitulation nahe. Der Nationalmannschaftsreporter der seriösen Zeitung "The Herald" klagt hinter vorgehaltener Hand den deutschen Journalisten sein Leid: "Schon seit 25 Jahren schreibe ich über das schottische Team. Aber dieses hier ist mit Abstand das schlechteste." Der Verantwortliche für die schottische Auswahl, die in der Fifa-Rangliste auf Position 64 abrutschte und nun hinter Fußball-Zwergen wie Simbabwe oder Guatemala platziert ist, nennt - neben der bis zu seinem Amtantritt mangelhaften Nachwuchsförderung - den geringen Stellenwert seines Teams im Norden Großbritanniens als Hauptproblem.
"Erst kommen Celtic und Rangers, dann kommt lange nichts und dann irgendwann die Nationalelf", sagt Vogts, der im vorentscheidenden EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland auf Schottlands "Spieler des Jahres" Barry Ferguson verzichten muss. Der Kapitän von Meister Glasgow Rangers ließ sich in dieser Woche am Becken operieren, damit er in seinem Verein so schnell wie möglich in die Vorbereitung für die kommende Spielzeit einsteigen kann.
Da in den beiden die schottische Premier League klar dominierenden Glasgower Clubs Celtic und Rangers kaum schottische Akteure zum Einsatz kommen, muss Vogts in anderen Ligen nach Kandidaten für seine Auswahl fahnden. Ein Blick auf den Personalausweis reicht nicht aus, um zu wissen, welcher Brite ein Schotte ist. Deshalb betreibt er mittlerweile sogar Ahnenforschung und hat jede Menge Spieler getestet.
Doch ohne sportliche Erfolge überzeugt der Fleiß und die Akribie des Korschenbroichers die Schotten, die er als "netteste Menschen der Welt" betrachtet, nicht mehr. Zwar schloss Verbandschef David Taylor eine Entlassung des deutschen Teammanagers bei einer Niederlage am Samstag gegen Deutschland vorbeugend aus. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, hat der "Daily Record"-Kolumnist Jim McLean den öffentlichen Unmut über Vogts aufgegriffen und fordert ihn an diesem Freitag in großen Lettern auf, seine Sachen zu packen und ins Rheinland zurückzugehen: "Bonn voyage. Genug ist genug."
Der resignierende Kollege vom "Herald" allerdings vermutet, dass sogar eine Ablösung Vogts' durch den erfolgreichsten schottischen Coach aller Zeiten die Misere der "Tartan Army" nicht beenden würde: "Nicht einmal Sir Alex Ferguson könnte uns helfen."