Schuster-Anekdoten Blonder Engel mit Spielerfrau
Erst im zweiten Spiel der EM 1980 bot Bundestrainer Jupp Derwall das große Talent auf auf Wunsch der meisten Spieler. Die Deutschen siegten 3:2 gegen Holland im besten Spiel des Turniers und wurden Europameister. Als Derwall ein Jahr später Paul Breitner zum Chef machte, kündigte Schuster selbstbewusst seine Mitarbeit auf: "Ich bin nicht Breitners Rasenmäher."
Gaby Schuster hat angeblich den Beruf der "Spielerfrau" erfunden. 1980 sorgte sie dafür, dass ihr Göttergatte vom 1. FC Köln zum FC Barcelona wechselte und dort ein sensationelles Gehalt kassierte. 1993 brachte sie den Manager von Bayer Leverkusen, Reiner Calmund, an den Rand der Verzweiflung. "Ich hatte noch nie einen so harten Verhandlungspartner wie Frau Schuster", sagte Calmund nach dem Transfer von Atlético Madrid. "Wenn ich so eine Frau hätte, würde ich die auch zu meiner Managerin machen."
Als 1981 Barcelonas Stürmerstar Quini von Terroristen entführt wurde, beschloss Schuster, solange nicht zu spielen, bis der Kollege wieder in Freiheit sein würde. Die Mannschaftskameraden, beeindruckt vom Mut des Neuen aus Deutschland, erklärten sich solidarisch. Erst Quini selbst brachte die Kollegen zum Umdenken: Er hatte in der Gefangenschaft ein Tonband besprochen, auf dem er die Mannschaft aufforderte, unbedingt zu spielen.
Vor dem wichtigen WM-Qualifikationsspiel im Frühjahr 1981 gegen Österreich sagte Jupp Derwall zu seinen Mittelfeldspielern: "Sprecht es unter euch ab, wie ihr die Rollen aufteilt." Schuster offenbarte hinterher, wie die Taktik bestimmt wurde: "Dann nahm der Paul ein paar Streichhölzer, von denen eins Schuster hieß, und legte die Marschroute fest. Ich spielte trotzdem, wie ich wollte, und bekam gute Kritiken, was dem Paul anscheinend nicht geschmeckt hat."
Die Nationalmannschaft feierte nach einer 1:2-Niederlage gegen Brasilien die nach Länderspielen übliche "Blaue Stunde", an der "auch Biere und Kurze teilnehmen durften" (Toni Schumacher). Plötzlich vermisste Derwall Schuster, griff angeheitert zum Telefonhörer und ließ die zufällig abnehmende Gaby wissen: "Sie üben einen schlechten Einfluss auf den Bernd aus. Zum Länderspiel nach Finnland braucht er erst gar nicht kommen." In den "Stuttgarter Nachrichten" äußerte Derwall nach dieser Nacht: "Es gab viel Obst und Getreide in flüssiger Form."
In Barcelona kassierte Schuster eine Million Mark im Jahr, war aber beinahe noch mehr Angriffen ausgesetzt als in der Heimat, nicht nur in der Öffentlichkeit: "Weil ich mehr verdiente als sie, haben mich meine Kollegen beim FC Barcelona anfangs so gehasst, dass sie beim Training versuchten, mich absichtlich zu verletzen."
Lange bevor er als Spieler von Bayer Leverkusen mit "Sir Erich" gehörig aneinander geriet, schrieb Schuster 1984 in einer Kolumne für den SPIEGEL durchaus wohlwollend: "Der Bundestrainer meiner Wahl wäre Erich Ribbeck gewesen. Er ist fachkundig, sehr direkt, und er hätte auch Lothar Matthäus und Hans-Günter Bruns ich hätte es begrüßt mit Sicherheit heimgeschickt, als sie im Trainingslager den Zapfenstreich um zwei Stunden überzogen hatten. Es geht gar nicht darum, ob sie nun ein ganzes Fass ausgetrunken haben oder nur zwei Gläser."
Mitte der 80er Jahre charakterisierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" den blonden Engel wie folgt: "Auch mit seinen nunmehr 26 Jahren ist er halt kein Mann der rhetorischen Kraftakte oder diplomatischer Seiltänze geworden. Eher macht er den Eindruck, als wolle er sich stets aufs Neue beweisen, dass er kein Duckmäuser ist. Unter dem Strich bleibt dann ein Image, das ihm nicht gerecht wird das Image des ewigen Querulanten."
In der Saison 1985/86 nannte Schuster seinen Vereinspräsidenten Núñez einen "Lügner". Zum endgültigen Eklat kam es beim Europacup-Finale 1986, das Barcelona nach Elfmeterschießen gegen Bukarest verlor. Trainer Terry Venables wechselte den schwach spielenden Schuster vor der Verlängerung aus. Der boykottierte das anschließende Bankett und flog mit Gaby in sein Wochenenddomizil Ibiza. Núñez tobte: "Ich will den Kerl nicht mehr in unserem Trikot sehen."
Der allmächtige Vereinspräsident wollte Schuster sogar "eine Art Geisteskrankheit" anhängen. In der deutschen Presse wurde ein angebliches Gutachten des Clubarztes zitiert, das dem Deutschen "Zyklothymie" bescheinigte, krankhafte Depressionen. "Wir haben nie gesagt, Schuster sei verrückt", dementierte dagegen der Hausjurist des FC Barcelona.
Eine Million Mark verlangte Gaby Schuster vom DFB, damit ihr Gatte bei der WM 1986 in Mexiko für Deutschland spielte. Der Deutsche Fußball-Bund hatte bis dahin noch nie Antrittsgage für einen Spieler bezahlt. DFB-Boss Hermann Neuberger war's egal. Er ging auf Betteltour und machte vier Geldgeber ausfindig, die bereit waren, insgesamt 300.000 Mark zu geben. Doch das war Schusters Ehefrau zu wenig. So spielte der begnadete Fußballer nie bei einer Weltmeisterschaft.
Bei Real Madrid führte Schuster die junge Generation der "Quinta del Buitre" um Emilio Butragueño, Manuel Sanchís und Martín Vázquez an und errang 1989 prompt die Meisterschaft. Er war der erste ausländische Spieler überhaupt, der für alle drei Großclubs (Real, Barca, Atlético Madrid) des spanischen Fußballs spielte. Und er war der erste Spieler, der mit allen drei Cupsieger wurde. Insgesamt gewann der Mittelfeldstratege in seinen 13 Profijahren in Spanien 14 Titel.
Lesen Sie morgen im zweiten Teil, was Schuster von seinen Trainern hielt und warum er nur in Spanien glücklich wurde.
Zusammengestellt von Thorsten Schaar