Bayern-Spieler Kroos: Der Leichtfüßige
Schweinsteiger-Ersatz Kroos Der Sechs-Zehner
Es gibt ein etwas hölzernes Video von Toni Kroos, produziert von seinem Management. Es zeigt den Mittelfeldspieler des FC Bayern München in und vor seinem Münchner Haus. Kroos trägt abgewetzte Jeans und ein schwarzes T-Shirt, trinkt Apfelschorle auf dem Sofa und geht später mit seinen beiden Beagle-Hunden Julius und Lennox ein paar Stufen hinab ans Isar-Ufer.
Der 21-Jährige wirkt dabei noch immer sehr jugendlich, zugleich lässt er keinen Zweifel daran, auf welcher Position er seine Zukunft sieht: "Ich denke, dass ich mich auf der Zehn auf lange Sicht sehr gut präsentieren könnte und das mit die beste Position für mich ist."
In den vergangenen Wochen hat Kroos als Zehner, Spielmacher also, starke Leistungen für seinen Club gezeigt - und profitierte dabei auch von der Leistenverletzung Arjen Robbens. Auch beim 3:2 gegen Neapel in der Champions League glänzte Kroos zunächst, er war an allen drei Toren durch Gomez beteiligt. Doch dann musste Bastian Schweinsteiger mit einem Schlüsselbeinbruch vom Feld.
Kroos ist ein Fußball-Feingeist
Es begannen ruppige 40 Minuten, in denen den Bayern das Spiel zusehends entglitt. Kroos ließ sich nun tiefer in die eigene Hälfte fallen, er versuchte, hinten auszuhelfen, sich Bälle zu erobern und sie zu verteilen. Es gelang ihm nicht immer. Sicherheit strahlte auch Kroos nicht mehr aus, als die Bayern in der zweiten Halbzeit fast ihren komfortablen Drei-Tore-Vorsprung verspielten.
Kroos ist kein Arbeiter, eher ein Freigeist, der über eine hervorragende Antizipation verfügt, Lücken sucht und Zeit für seine Schüsse und Flanken braucht. Und der im Zentrum der Achse mit Franck Ribéry und Thomas Müller zurzeit zeigt, was für ein Talent er hat. Er sieht selbst noch Schwächen im Zweikampfverhalten, in seiner Rückwärtsbewegung, auch wenn sein Trainer Heynckes sagt: "Mittlerweile hat er gelernt, nach hinten zu arbeiten, zu kämpfen, zu grätschen."
Jetzt, da Schweinsteiger den Bayern bis zur Winterpause fehlt, steht die Frage im Raum: Lässt Heynckes, dessen Mannschaft am Sonntag in Augsburg (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) antreten muss, seinen derzeit so starken Musterschüler auf dessen liebster Position im offensiven Zentrum? Oder experimentiert er mit Kroos als Schweinsteiger-Ersatz auf der Sechs im defensiven Mittelfeld, wo sein Drang nach vorne nicht mehr so gut zur Geltung käme?
Experimente und Rochaden sind nichts Neues für Kroos. Zuletzt wurde er von Bundestrainer Joachim Löw gar als "Zwischenspieler" bezeichnet, der sich, mit vielen Freiheiten ausgestattet, in den Schnittstellen zwischen dem defensiven und offensiven Mittelfeld bewegen könne.
Der Durchbruch gelang in Leverkusen
Anfang 2009 liehen die Bayern Kroos, der drei Jahre zuvor von Hansa Rostock gekommen und mit einem Amateurvertrag ausgestattet worden war, nach Leverkusen aus. Kroos hatte beim deutschen Rekordmeister kaum Einsatzzeiten bekommen, obwohl er bereits 2007 als jüngster Bayern-Spieler der Geschichte sein Bundesliga-Debüt gegeben hatte. Damals war Heynckes noch Leverkusens Trainer, er sah Kroos' Offensivstärke, schenkte ihm Vertrauen und baute ihn immer häufiger ins Spiel seiner Mannschaft ein. In der folgenden Saison schaffte Kroos den Durchbruch: 33 Spiele, neun Tore, zwölf Torvorlagen. Kroos war maßgeblich daran beteiligt, dass Leverkusen Vierter wurde.
Kroos wollte im Bayer-Wohlfühlambiente bleiben, doch die Bayern holten ihre Leihgabe nach anderthalb Jahren zurück. Kroos geriet in eine Mannschaft, deren Trainer Louis van Gaal ein starres Konzept verfolgte. Wieder bekam er kaum Spielanteile. Es dürfte Kroos also gerade recht gekommen sein, als die Bayern van Gaal entließen und zu dieser Saison Heynckes als neuen Trainer verpflichteten.
Heynckes hat Kroos nicht sofort ins kalte Wasser geworfen, sondern behutsam, wie in Leverkusen, in die Stammelf eingebaut. Und er übt auch Kritik an seinem Musterschüler: "Er muss mehr Torgefahr ausstrahlen und öfter vorne mit reingehen", sagte Heynckes. In der Champions League ist er nach Mario Gomez mit zwei Treffern nun der torgefährlichste Bayern-Spieler.
Zuletzt ließ er sich viel Zeit in der Interview-Zone im Bauch der Bayern-Arena, auch am Mittwoch wieder, nach dem Sieg gegen Neapel. Er wirkte wieder vollkommen unaufgeregt und sagte: "Wir haben die Tore hervorragend herausgespielt." Kroos hatte seinen Teil dazu beigetragen. Und seinem Trainer die Entscheidung, ob er nun Sechser oder Zehner ist, noch schwerer gemacht.