Schweiz-Aus: "Es war wirklich emotional" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schweiz-Aus "Es war wirklich emotional"

2:0 gegen Portugal - doch trotz des Sieges über einen der Top-Favoriten ist die Schweiz bei der EM ausgeschieden. Es war das letzte Spiel des langjährigen Nationaltrainers "Köbi" Kuhn. Jetzt muss Ottmar Hitzfeld für einen Mentalitätswechsel sorgen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenigstens regnete es nicht. So stand das letzte Spiel der Schweizer bei ihrer Europameisterschaft nicht noch einmal im Zeichen von Wettermetaphorik. Es gab keine Sturzbäche, die Hoffnungen wegspülten wie bei der Niederlage gegen die Türkei. Es wurde einfach nur Fußball gespielt, und dann war es vorbei. Das Turnier für den Gastgeber und eine Ära für den Schweizer Fußball. Jakob "Köbi" Kuhn erhob sich nach sieben Jahren zum letzten Mal von der Schweizer Trainerbank.

Nach dem Abpfiff umarmte er sein Trainerteam und nahm dann den zweifachen Torschützen Hakan Yakin in den Arm. In der Zwischenzeit hatten die übrigen Spieler ein Transparent mit der Aufschrift "Merci Köbi" entrollt. "Ich habe davon vorher nichts gewusst, es war wirklich emotional", sagte Kuhn und klang dabei so zurückhaltend emotional wie immer. Er freute sich darüber, von seinen Spielern "ein ehrliches Dankeschön" bekommen zu haben. Auch die Fans im Stadion feierten noch einmal ihren "Köbi National", aber der ganz große Überschwang wollte sich nicht einstellen. "Es bleiben die Wermutstropfen, dass wir es verdient hätten, in den ersten Spielen je einen Punkt mitzunehmen und weiterzukommen", sagte Kuhn.

Es war in Basel auch deshalb eine eher müde Abschiedsfeier, weil der versöhnliche 2:0-Sieg über Portugal nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass die schweizerische Nationalmannschaft in einer Sackgasse angekommen ist. Kuhn prägte die erfolgreichste Ära des Teams, weil er von der vorbildlichen Talentförderung des Schweizer Fußballverbandes profitierte, die er mitentworfen hatte. Doch die glücklosen Tage der Europameisterschaft waren nicht der erhoffte Höhepunkt dieser Zeit, sondern eine glatte Enttäuschung.

Die Sonntagsausgabe des angesehenen schweizerischen "Tagesanzeigers" hatte auf der Suche nach Gründen für das Scheitern danach gefragt, warum es der Nationalmannschaft der Eidgenossen traditionell an guten Stürmern mangele. "Das ist typisch, Fußball ist eine Mentalitätsfrage und die Schweizer sind einfach zu wenig aggressiv", meinte der Theologe Josef Hochstrasser, ein Freund des kommenden Nationaltrainers Ottmar Hitzfeld. Die weiteren Auslassungen über die "schlaffen Leidgenossen", denen der Killerinstinkt auch deshalb fehlt, weil sie so lange keinen Krieg erlebt haben, waren bestimmt nicht ganz ernst gemeint. Ob man wirklich Waffengewalt oder sonstige Härten des Lebens erlitten haben muss, um vor dem Tor tödliche Gefahr entwickeln zu können, sei mal dahingestellt. Oliver Bierhoff wurde als Kind mitunter von einem Fahrer zur Schule gebracht, er wurde trotzdem Torschützenkönig der Serie A und entschied ein EM-Finale.

Bereits vor dem Turnier und während der Europameisterschaft fiel eher eine andere Eigenschaft des Schweizer Teams auf als ihre angebliche Friedfertigkeit. Die Spieler waren zu wenig expressiv, mutig, raffiniert oder mitreißend. Sie traten so auf, dass man ihnen das Attribut zuschreiben musste, mit dem der scheidende "Köbi" Kuhn am häufigsten beschrieben wurde: brav. Aber nicht nur das Team, auch die Zuschauer in den Stadien entzündeten ihr Team nicht. Sie warteten darauf, von ihrer Mannschaft mitgenommen zu werden. Und vielleicht wäre auch ein etwas rauerer Umgang der Medien mit ihrer "Nati" in den letzten Monaten hilfreich gewesen, als es erste Anlässe zu zweifeln gab.

Doch wenn man in den Tagen der EURO 2008 durch das Land reiste, merkte man wie sehr die Schweiz mit sich und seiner Rolle in der Welt beschäftigt ist. Das hat mit dem politischen Sonderweg eines Landes zu tun, das so föderalistisch wie kein anderes in Europa und dessen Demokratie so direkt und unhierarchisch wie kaum eine sonst in der Welt ist. Zugleich macht die Globalisierung jedoch keinen Bogen um die Schweiz, auch nicht im Fußball.

Bravheit ist da nicht unbedingt gefragt. Diese der schweizerischen Mannschaft auszutreiben, wird demnächst Ottmar Hitzfelds wichtigste Aufgabe sein. Zu sehr wurde in der Vergangenheit die "Kunst der ehrenvollen Niederlage" kultiviert, wie der Schweizer Autor Wolfgang Bortlik das nannte. Hitzfeld hingegen weiß, dass man durchaus auch ehrenhaft gewinnen kann. "Er tritt eine anständige Erbschaft an", sagte Kuhn, "die Mannschaft ist sehr jung und kann sich noch steigern." Das stimmt wohl, aber es bleibt auch das Gefühl zurück, das sie nicht nur eine Zukunft hat, sondern eine Gegenwart hätte haben können.

Mehr lesen über