Schweiz vs. Türkei Absage an Randale
Unwirtlicher kann ein Tag, der in ein Fußballfest münden soll, eigentlich nicht anfangen. Heftige Regenböen peitschen über die Baseler Innenstadt, der zentrale Barfüßerplatz ist menschenleer. In einer Bäckerei drängen sich Kundinnen, die sich seit Minuten standhaft weigern, auch nur einen Fuß in die schnell anwachsenden Pfützen vor der Tür zu setzen. Von Fußballatmosphäre ist an diesem Morgen weit und breit nichts zu spüren kein Wunder, würde schließlich bei dieser Witterung sogar der Karneval in Rio mangels öffentlichen Interesses ausfallen.
Gegen Mittag reißt die Wolkendecke allmählich auf. Und mit der Sonne strömen die Türken in die Stadt. Tausende sind es, die meisten zunächst mit Kennzeichen aus dem angrenzenden Baden-Württemberg. Je weiter der Tag voranschreitet, desto nördlicher die Wohnorte der Fans: Frankfurt, Köln, am frühen Nachmittag kommen dann die ersten Autos aus Niedersachsen, Bremen und Hamburg an.
An der fehlenden Unterstützung ihrer Fans wird es jedenfalls nicht liegen, sollte die Türkei heute das schlechtere Ende für sich haben. Im vorentscheidenden Match der Gruppe A (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) haben beide Teams die gleiche Ausgangslage: Sie müssen nach ihren Niederlagen (0:1 verlor die Schweiz gegen Tschechien, 0:2 die Türken gegen Portugal, gewinnen, wollen sie die Chance aufs Weiterkommen nicht vorzeitig verspielen. Für Brisanz wäre also allein durch die sportliche Ausgangslage gesorgt doch die jüngere Vergangenheit tut ein Übriges dazu.
Am 16. November 2005 kam es nach dem Schlusspfiff eines aufgeheizten WM-Qualifikationsspiels zu üblen Prügeleien, deren Opfer zumeist (aber nicht ausschließlich) die Schweizer Spieler wurden. Im Innenraum und in den Katakomben des Istanbuler Sükrü-Saracoglu-Stadions trieben sich damals zwielichtige Schläger herum, die nach dem Spiel keiner akkreditiert haben wollte. Den Verdacht, dass auch der ein oder andere Funktionär schnell jede Vernunft fahren lässt, wenn er die nationale Ehre bedroht sieht, konnte nie ganz ausgeräumt werden.
Die Türkei, aber auch der Schweizer Spieler Benjamin Huggel, der sechs Spiele pausieren musste, wurden damals hart bestraft. Nicht weniger als sechs Pflicht-Heimspiele mussten auf neutralem Platz und unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden, auch die Geldstrafe von 135.000 Euro fanden viele türkische Funktionäre zu hart. Kein Wunder, schließlich war Nationalismus im Lande Atatürks lange gesellschaftlich gewollt. Die Türkei kannte in ihrer Rechtsprechung lange den Straftatbestand der "Herabwürdigung des Türkentums", der eines der größeren Hindernisse auf dem Weg in die EU darstellte. Inzwischen ist der umstrittene Paragraf 301 in Strafmaß und Formulierung (jetzt: "Herabwürdigung der türkischen Nation") allerdings leicht abgemildert.
Immerhin: Sowohl auf Seiten der Gastgeber als auch in den Reihen der türkischen Delegation scheint man seither dazu gelernt zu haben. Bereits im Vorfeld war das Bemühen erkennbar, nicht noch mehr Öl in ein Feuer zu gießen, das im kollektiven Gedächtnis vieler türkischer und Schweizer Fußballfans sowieso noch lodert. "Es wird ein heißes und aggressives Spiel wie immer, wenn es um viel geht" lässt sich Tranquillo Barnetta zitieren - um dann sofort einzuschränken: "So etwas wie damals wird ganz sicher nicht mehr passieren." Selbst der türkische Coach Fatih Terim, ansonsten alles andere als immun gegenüber nationalistischen Ausfällen, scheint seine Lektion gelernt zu haben. Brav lobte er den Gegner, der unverdient gegen die Tschechen verloren habe, um dann zu versichern: "Jetzt kommen wir als Freunde."
Verzichten muss Terim auf Kapitän Emre Belözoglu von Newcastle United, der sich an der Wade verletzt hat. Auf Seiten der Schweizer dürfte sich das Fehlen von Alexander Frei negativ bemerkbar machen. Der Dortmunder war bis zu seiner Verletzung im Eröffnungsspiel der beste Schweizer Spieler. Gut möglich, dass Köbi Kuhn an seiner Stelle ausgerechnet Hakan Yakin aufbietet einen Basler türkischer Abstammung, der in der abgelaufenen Saison 24 Mal für die Young Boys Bern traf.
"Gegen die Türkei, das sind ganz spezielle Spiele für mich, und ich freue mich immer wahnsinnig darauf", sagte der 32-Jährige. Doch auch, wenn seine "Einstellung zur Familie eher türkisch" ist, wie er im schweizerischen "Tagesanzeiger" sagte, stellte Yakin klar: "Ich fühle wie ein Schweizer."
Mit Material des sid