Shootingstar Franck Ríbéry: Ballzauber statt Baustellen - DER SPIEGEL
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Shootingstar Franck Ríbéry Ballzauber statt Baustellen

Früher war er ein Loser, nun jagen ihn die europäischen Spitzenclubs, darunter auch die Bayern. Das liegt vor allem daran, dass Franck Ribéry, 23, eine sensationelle WM spielte. Der Offensivakteur würde Marseille gerne verlassen, doch sein Club will ihn nicht abgeben.
Von Marc Beaugé
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Dribbling, kurz, flink, linker Fuß, dann rechter Fuß, und die Abwehr ist verloren. Ein Tor gegen Spanien, das alles verändert und die französische Mannschaft auf den Königsweg schickt. Er spielt eine WM auf hohem Niveau und bekommt eine Reihe Anfragen von Clubs wie Olympique Lyon, FC Arsenal oder Bayern München. Noch wichtiger: Er beweist Haltung und einen unaufhörlichen Enthusiasmus. Er spielt frischen und erfrischenden Fußball.

Doch Franck Ribéry - das ist auch die Geschichte einer Narbe. 15 Zentimeter auf der rechten Gesichtshälfte. Zehn Zentimeter auf der Stirn. Seine Feinde nennen ihn "Frankenstein"; seine Fans gaben ihm in Anspielung auf den Mafiaboss Al Capone den Namen "Scarface". Er selbst erzählt ohne falsche Scham: "Das war ein Autounfall in meiner Kindheit. Ich bin durch die Windschutzscheibe geflogen und hatte großes Glück, dass es nicht aus war mit mir. Auf gewisse Weise hat mir dieser Unfall geholfen, als Kind hat er mich motiviert."

Boulogne-sur-Mer, Nordfrankreich, in den Neunzigern. Familie Ribéry lebt in einer Siedlung mit 12.000 Einwohnern, die Arbeitslosenquote reicht an die 60 Prozent. "Ich war ein Kämpfer", erinnert sich Franck. "Selbst wenn es um nichts ging, mochte ich nicht verlieren." Mit zehn Jahren kann der Junge 400-mal den Ball hochhalten, mit 13 führt ihn sein Talent ins Ausbildungszentrum von Lille. Doch kurz darauf fliegt Franck Ribéry wegen Schulproblemen aus dem Internat und kehrt zu seinen Eltern zurück. Es sieht so aus, als würde aus ihm ein typischer Loser.

Bei Boulogne-sur-Mer, dem Verein seiner Kindheit, glaubt niemand so recht an ihn. Sein Gehalt beträgt 150 Euro im Monat. Er wandert ab Richtung Alès, Südfrankreich. Ein Hoffnungsschimmer. Doch dem Drittligaclub geht es nicht gut, er kann seine Angestellten nicht bezahlen. Franck Ribéry hat Mühe, die Miete für seine Unterkunft aufzubringen. Erneute Rückkehr nach Boulogne-sur-Mer, die Laufbahn als Loser zeichnet sich immer deutlicher ab. Während seiner Arbeitslosigkeit zieht er die Aufmerksamkeit eines Kameruner Agenten, John Bico, auf sich.

"Zu der Zeit traten sich die Vereine nicht gerade auf die Füße", erinnert sich Bico. "Franck hatte einen schlechten Ruf. Er war der Prototyp des Kerls, der nichts weiter tut, als auf den Straßen von Boulogne rumzuhängen, unfähig, auch nur ein Formular für die Sozialversicherung auszufüllen oder sonst irgendetwas zu tun." Sein Vater verschafft ihm einen Job auf öffentlichen Baustellen, "sämtliche Erdarbeiten, Leitungen legen, Löcher machen, all das", sagt Ribéry. "An der Seite meines Papas zu arbeiten war eine große Lehre für mich. Als mir Brest dann einige Monate später einen Vertrag anbot, habe ich angefangen, ernsthaft zu schuften."

In der Bretagne, in der dritten Liga, entwickelt sich Ribéry schließlich. Er verdient 2500 Euro monatlich und schafft es zum ersten Mal, sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken. "Zu dem Zeitpunkt habe ich über meine Frau Wahiba den Islam entdeckt. Sie war es, die mich eingeführt und geleitet hat. Für mich ist der Glaubenswechsel unausweichlich geworden. Der Islam hat mir geholfen, in bestimmten schwierigen Momenten innere Ruhe zu finden. Vor jedem Spiel bete ich", erklärte er der Zeitschrift "L'Equipe".

2004 wechselt Ribéry zum FC Metz. Im August wird der Außenstürmer zum Spieler des Monats der Ligue 1 gewählt. Doch Ribéry wird in eine Schlägerei in einem Nachtclub verwickelt. Sein Präsident beschließt, ihm die versprochene Gehaltserhöhung zu verweigern. Es kracht, und es folgt die unvermeidbare Trennung. Nach schwierigen Verhandlungen macht Galatasaray das Rennen und lernt sein Talent schnell kennen: Beim Finalsieg um den türkischen Pokal gegen Fenerbahçe schießt Ribéry ein Tor und bereitet zwei vor.

Im Stadion Ali Sami Yen improvisieren die Galatasaray-Fans an jenem Tag ein Lied zu Ehren des Franzosen: "I love you, Ribéry, Ribéry, Ribéry!" Doch das Schicksal wiederholt sich. Auch Galatasaray kann das Gehalt seines Spielers nicht mehr zahlen, es folgt ein weiterer Wechsel, dieses Mal nach Marseille. In einem begeisterten Stade Vélodrome und unter dem Kommando von Jean Fernandez, seinem ehemaligen Trainer aus Metz, ist Ribéry sensationell. Tore, Pässe, Dribblings, er ist Spielmacher und Animateur. Der Rest ist Legende.

Nach langem Zögern beschließt Nationalcoach Raymond Domenech, den Jungen mit zur Weltmeisterschaft zu nehmen und wird belohnt. Daraufhin wollen große Vereine Ribéry verpflichten, der Angreifer ist wechselwillig, doch er muss in Marseille bleiben. "Um keinen Preis der Welt" werde man ihn verkaufen, sagt Marseilles Sportdirektor José Anigo. Ribéry wird sicher nicht ewig zu halten sein. "Noch vor wenigen Monaten war ich nichts. Ich habe auf den Straßen von Boulogne herumgelungert, nun habe ich ein WM-Finale bestritten. Ich habe mich zu sehr abgerackert, um jetzt Halt zu machen", sagt er.