Shootingstar Lahm Das perfekte Paket
Nein, über Argentinien wisse er gar nichts, sagt Philipp Lahm, und für einen Moment könnte man meinen, das sei ganz schön fahrlässig. Der Außenverteidiger der deutschen Nationalmannschaft spielt am Nachmittag gegen die Südamerikaner. "Ich war noch nie dort", kommt dann aber und es wird klar: Lahm weiß nichts über das Land - zum Glück sieht das mit den Fußballern anders aus, die ihm heute ab 17 Uhr (Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Berliner Olympiastadion gegenüberstehen werden. Es geht um den Einzug ins WM-Halbfinale.
Lahm sitzt entspannt in einem Interviewraum des Internationalen Congress Centrums Berlin, es ist der erste Tag seit genau sechs Wochen, an dem er keine Manschette an seinem operierten linken Arm mehr trägt. Lahm winkelt den Arm an, "120 Prozent Neigung" seien jetzt schon möglich, sagt er und lächelt dabei. Es ist wieder ein bisschen Ballast abgefallen von ihm, eine Sorge weniger vor dem großen Spiel gegen Argentinien, das doch eh schon Belastung genug sein sollte. Oder? "Wir haben gut gespielt, gut gekämpft, jeder läuft für den anderen. Wir sind eine Einheit - deshalb bin ich auch sehr optimistisch, dass wir weiterkommen", sagt Lahm im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Lahm, 22, will seinen Beitrag leisten zum Einzug ins Halbfinale, und er hat sich viel von dem Rezept verschrieben, das die deutsche Mannschaft bisher so weit getragen hat: Selbstbewusstsein. Die gefährlichen argentinischen Außenstürmer? "Sie sind sehr wendig und schnell, auch mit Ball sehr stark. Aber wir brauchen uns nicht zu verstecken", sagt Lahm. Und was ist mit Diego Maradona, dem argentinischen Säulenheiligen, der auf der Tribüne sein Team anfeuert? "Das war ein großartiger Fußballer, mehr aber auch nicht. Mich stört es auch nicht, dass er da oben auf der Tribüne sitzt und sich freut. Wenn Argentinien gegen uns kein Tor schießt, wird er sich auch nicht freuen können."
So sind sie derzeit, Lahm und die Deutschen: ein bisschen Respekt für den Gegner - aber bitte nie ohne den Hinweis auf die eigenen Stärken. "Wir haben bewiesen, dass wir auch gut spielen können, kompakt stehen und nur wenige Torchancen zulassen", sagt er, auch wenn er das "wir" durch "ich" ersetzen könnte. Aber Lahm tut das nicht, er ist ein Teamspieler ohne Allüren - eines dieser Exemplare des Klinsmannschen homo teamgeistis, aus denen die deutsche Mannschaft derzeit ausschließlich zu bestehen scheint. Da darf auch ein Lob für den armen Marcell Jansen nicht fehlen, den Lahm mit seinen bisher außergewöhnlichen Leistungen auf die lange Ersatzbank geschoben hat. Zuletzt habe er eine Partie Dart gegen den Gladbacher gespielt, die Jansen gewonnen habe. "Da ist er wirklich sehr stark."
Lahm wird es verschmerzen, dass er mit Pfeilen nicht ganz so gut umgehen kann wie mit seinen Füßen. Im WM-Eröffnungsspiel hat er das erste Tor geschossen beim 4:2 gegen Costa Rica, bis heute gilt dieser Treffer von der Strafraumgrenze als Initialzündung für das, was folgte. Euphorie, volle Stadien mit bemalten und glücksseligen Menschen, der Glaube an den Titel. Die deutsche Mannschaft ist seither mit jedem Spiel sicherer geworden, und mit ihr Lahm. "Wenn ich zu Spielbeginn eine gute Aktion habe, einen Zweikampf gewinne, im Ballbesitz bleibe und einen Pass nach vorn spiele, dann gibt das Sicherheit. Das ist wie im normalen Leben, wenn man Sicherheit hat, traut man sich mehr zu", sagt er.
Gegen die Südamerikaner steht dieser Lahm vor seiner bisher größten Bewährungsprobe. Er wird es mit einem der beiden Flügelstürmer Carlos Tevez oder Lionel Messi zu tun bekommen, beides freche, schnelle und technisch brillante Dribbler. Besonders der 19-jährige Messi vom FC Barcelona gilt als Supertalent, aber gegen begnadete Einzelkönner hilft am besten die Mannschaft. "Solche Spieler sind schwer zu verteidigen. Man muss immer eng an ihm dran sein. Wenn Messi eins gegen eins geht, ist er schwer aufzuhalten. Deshalb ist da die gesamte Mannschaft gefordert: Ist einer ausgespielt, muss der nächste da sein."
Gegen Argentinien wird Lahm nur wegen Messi oder Tevez sein Spiel nicht umstellen. "Meine Position ist die des linken Verteidigers, zuerst muss ich defensiv gut stehen. Aber ich möchte auch offensiv Akzente setzen", sagt Lahm. Dieses seltene Paket aus defensiver Denke und offensivem Vermögen hat ihn in die Notizbücher des englischen Meisters FC Chelsea gebracht und dürfte auch in der Mannschaftsbesprechung des argentinischen Trainers José Nestor Pekerman explizite Erwähnung finden. Dass man auf den nur 1,70 Meter großen Deutschen aufpassen müsse, wenn er plötzlich tief in der gegnerischen Hälfte in vollem Tempo zur Grundlinie läuft und flankt. Er, der Rechtsfuß, macht auch dies gekonnt. Mit links.
Deutschland - Argentinien Fr. um 17 Uhr (in Berlin)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Deutschland: Lehmann - Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm - Schneider, Frings , Ballack, Schweinsteiger - Klose, Podolski
Argentinien: Abbondanzieri - Burdisso , Ayala, Heinze, Sorin - Rodriguez, Mascherano, Gonzalez - Riquelme - Saviola (Tevez), Crespo
Schiedsrichter: Michel (Slowakei)