Sieg für Gladbach-Trainer Meyer: Erfolg eines Eigensinnigen - DER SPIEGEL
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Sieg für Gladbach-Trainer Meyer Erfolg eines Eigensinnigen

Nach der Hinrunde Abstiegskandidat, in der Rückrunde auf dem Vormarsch: Gladbach hat auch gegen Köln gewonnen, steht nicht mehr auf einem direkten Abstiegsplatz. Den Erfolg verdankt die Mannschaft Hans Meyer - einem Trainer, der aneckt, aber die richtigen Entscheidungen trifft.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Michael Bradley sah aus wie ein Mann aus einem dieser Filme, in denen die Welt sauber geteilt ist in Gut und Böse, in denen es viele Explosionen gibt und große Helden viel riskieren, um am Ende alles zu gewinnen. Mit entblößtem Oberkörper stand der Mönchengladbacher Mittelfeldspieler nach dem 4:2-Sieg beim 1. FC Köln in den Katakomben des Stadions, Erde klebte an seinem Dreitagebart, der Schweiß lief noch, und er sagte: "Als ich den anderen in der Kabine vor dem Spiel in die Augen gesehen habe, da wusste ich, wir sind bereit für diesen Job." Dieser Satz war wohl gewählt, er passte zum Derby, das aufgeladen, emotional und aggressiv gewesen war, doch Bradley, der Amerikaner, hatte noch mehr zu bieten. Er erklärte mit den schlichten Worten eines Actionhelden, was wie ein großes Rätsel erscheint: Wie ist es nur möglich, dass diese Gladbacher Mannschaft nach ihrer desaströsen Hinrunde plötzlich richtig gut geworden ist? "Das wichtigste ist, dass wir zusammen halten", sagte Bradley, "außerdem haben wir die richtige Balance zwischen Defensive und Offensive gefunden".

So einfach ist das. Den Begriff "Balance" verwendeten später auch Trainer Hans Meyer und Paul Stalteri, hinter ihm soll sich das Geheimnis des Aufschwungs verbergen, das in Wirklichkeit gar kein Geheimnis ist. Der Erfolg ist schlicht das Ergebnis von vernünftiger Arbeit, der Arbeit des Trainers Hans Meyer, des Sportdirektors Max Eberl und ihrer Fußballer.

Meyer und Eberl haben mit Akribie und gutem Auge an der taktischen Ausgewogenheit der Mannschaft gefeilt, sie haben mit Torhüter Logan Bailly, Mittelfeldroutinier Tomas Galásek und Außenverteidiger Paul Stalteri die schlimmsten Schwachstellen im Kader bearbeitet, es gibt wieder ein schlüssiges Konzept in Mönchengladbach. Insbesondere Meyer weiß genau, was er braucht, ist resistent gegen jede Form von Einflussnahme, das kann im Abstiegskampf Gold wert sein. Jede Woche pfeifen die eigenen Fans, wenn der Trainer zwischen der 60. und 70. Minute Marko Marin auswechselt, diesen hinreißenden Offensivkünstler mit den gefährlichen Defensivschwächen. Außerdem legt sich Meyer immer und immer wieder mit Journalisten an und verweigert die Kooperation mit der "Bild"-Zeitung. Für einen exponierten Protagonisten in der Fußballbranche ist ein solches Verhalten eigentlich selbstmörderisch. Doch Meyer ist ein großer Moralist, und er hat die Kraft für so einen Kampf. "Er geht einfach immer seinen Weg, nichts kann ihn davon abbringen", sagte Stalteri nach dem Sieg von Köln.

Einfach macht er sich das Leben damit aber nicht. Im Winter hat der 66-Jährige einen bei den Spielern beliebten Physiotherapeuten ausgemustert, Profis, mit denen er nicht mehr plant, durften die Kabine nicht mehr betreten, und viele Berichterstatter - nicht nur von der "Bild" - sind genervt von Meyers Repliken, die die Fragesteller bisweilen wie Ahnungslose erscheinen lassen. Außerhalb des Platzes nimmt er wenig Rücksicht auf Befindlichkeiten. Als die Spieler sich per Brief über die radikale Ausmusterung der Kollegen beklagten, erklärte Meyer, solche Dinge gingen sie "einen Scheißdreck" an. Nicht wenige Beobachter, auch solche, die einst der Schar von Bewunderern angehörten, stoßen sich an der kauzigen Art des Trainers. Nicht zuletzt deshalb sahen Skeptiker in den ersten Wochen nach der Winterpause, als die Erfolge ausblieben, bereits das Ende des Trainers Meyer in Gladbach nahen. Doch das soziale Gefüge und das Spiel seiner Mannschaft auf dem Rasen lenkt Meyer mit Feingefühl und taktischer Finesse. "Bis auf die Partie in Bremen waren wir in allen Spielen stark verbessert gegenüber der Hinrunde", sagte Meyer. Derzeit bleibt nur ein Urteil: Er trifft die richtigen Entscheidungen und hat so zu einer stabileren Ordnung und neuem Erfolg gefunden. "Jeder von uns wird im Moment jede Woche ein Stück besser", berichtete Bradley, der gemeinsam mit Galásek ein stabiles Paar in der defensiven Mittelfeldzentrale bildet. Auch die Viererkette ist zuverlässiger, obwohl Innenverteidiger Dante, der als wichtigster Wintertransfer galt, aufgrund anhaltender Muskelprobleme noch keine Minute spielen konnte. Im aufblühenden Kollektiv werden derzeit eben alle stärker, und Marin kann man derzeit Woche für Woche dabei beobachten, wie er mit fast schon rührendem Engagement versucht, sein Defensivverhalten zu verbessern.

Zwei Bundesligaspiele am Stück haben die Gladbacher nun gewonnen, das gab es zuletzt im September 2005, in sechs Partien der Rückserie hat das Team ebenso viele Punkte erspielt wie in der gesamten ersten Saisonhälfte. "Mir ist es ein Rätsel, wie dieses Team in der Hinrunde nur elf Punkte holen konnte", sagte Stalteri. Er kann sich ja an Michael Bradley wenden, der kennt die einfachen Antworten auf die großen Fragen von Mönchengladbach.