Spanisches Nationalteam: Harmonie statt Hass - DER SPIEGEL
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Spanisches Nationalteam Harmonie statt Hass

Geliebter Club, verachtete Nationalelf: Der spanische Fußballfan hatte bislang immer große Probleme mit seiner Auswahl. Nun aber schickt sich das EM-Team an, das Land zu einen. Der Titelgewinn gegen Deutschland könnte den Prozess richtig in Gang bringen.
Von Ronny Blaschke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie Schuljungen sitzen sie da. Ihre Hände haben sie unter dem Tisch versteckt, das lässt sie ein wenig verlegen wirken. Marcos Senna, Iker Casillas und Carles Puyol sind zur Pressekonferenz in das Ernst-Happel-Stadion gekommen, ein letztes Mal sprechen sie über das Finale in Wien gegen Deutschland am Sonntag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Sie sagen Sätze, die Spieler eben sagen vor dem wichtigsten Spiel ihrer Laufbahn, sie loben sich, ihren Gegner, die Vorfreude könne größer nicht sein.

Spanische Spieler (nach Sieg gegen Russland): Einheit ist wichtig

Spanische Spieler (nach Sieg gegen Russland): Einheit ist wichtig

Foto: AP

Einmal verlässt Casillas, der Torwart, der Kapitän, dann doch die Bühne des Sports. "Ich fühle mich verantwortlich für 44 Millionen Spanier", sagt er. Es ist keine Seltenheit, dass Fußballer ihre Arbeit als ein nationales Ehrenamt beschreiben, doch in Spanien ist die Lage anders. Die Nationalmannschaft hatte selten eine vereinende Wirkung, an der "Selección" entzündeten sich Konflikte, Turnier für Turnier.

Zugrunde liegt dieser Stimmung das Streben der autonomen Regionen nach Unabhängigkeit. Katalonien oder das Baskenland distanzieren sich von der Zentralregierung in Madrid. Diese Konstellation prägt seit Jahrzehnten auch den Fußball. Die Primera División lebt von der ewigen Rivalität zwischen dem Rekordmeister Real Madrid und dem FC Barcelona, dem Stolz der Katalanen.

Auch der FC Valencia im Osten oder Deportivo La Coruña im äußersten Nordwesten bestehen auf ihre regionalen Wurzeln. Besonders deutlich wird diese lokale Fokussierung bei den "Rojiblancos", den Rotweißen von Atletico Bilbao, die hauptsächlich baskische Spieler in ihrem Team haben. Angesichts dieser historischen Verankerungen halten die Fans zunächst ihren Vereinen die Treue, den Symbolen ihrer Heimat. Das Baskenland oder Katalonien nutzen den Fußball als Plattform, um für ihre politischen Ziele zu werben. Vor Jahren haben sogar Spieler erklärt, nie für die Nationalmannschaft auflaufen zu wollen. In einigen Regionen kann die spanische Auswahl noch immer keine Heimspiele austragen, zu viel Abneigung würde ihr entgegenprallen.

Während die spanischen Clubs internationale Titel in Serie gewannen, kam das spanische Team in den vergangenen 20 Jahren nicht über ein EM- oder WM-Viertelfinale hinaus. Es fehlten Titel, erinnerungswürdige Szenen, Mythen. Zeitweilig wurden Spannungen und Eifersucht in die Auswahl getragen, weil sich ihr Gerüst aus Spielern von Real und Barça zusammensetzte. Ob das ausschlaggebend war für das häufige Scheitern, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. In jedem Fall haben die öffentlichen Debatten um Autonomie auch das Klima in der Mannschaft beeinflusst. Lange fehlte ihr ein klares Bild von sich selbst.

Auch vor diesem Turnier hatte es spöttische Bemerkungen gegeben. Dass die Kritik von den Rändern jedoch weit geringer ausfiel als in den vergangenen Jahren, ist einer der großen Erfolge von Luis Aragonés. Der 69 Jahre alte Nationaltrainer, der nach der EM höchstwahrscheinlich den türkischen Spitzenclub Fenerbahce Istanbul übernehmen wird, hatte seine Entscheidungen nicht mehr nur an den Spielern ausgerichtet, sondern an der Absicht, Harmonie zu schaffen. Er hatte schon vor langer Zeit auf den katalanischen Verteidiger Oleguer Presas aus Barcelona verzichtet, der öffentlich zu seiner separatistischen Haltung stand.

Als wichtiger schätzen die Spanier indes den Rauswurf des Stürmers Raúl von Real Madrid ein. Der schoss zwar viele Tore, trug aber wenig zu einem guten Betriebsklima bei. Dass die Spanier nun den Erfolg wiederentdeckt haben, liegt auch daran, dass sie den Neid verbannt haben. Selten hat ein Mittelfeld so vertraut und eingespielt gewirkt wie das der Iberer. Als einziges Team haben die Spanier alle Turnierspiele gewonnen, sie sind seit 21 Partien ungeschlagen. "Wir leben in nie gekannter Harmonie", hat Mittelfeldspieler Xavi Hernández gesagt.

In Puyol, Andrés Iniesta und Xavi gehören derzeit drei Nationalspieler dem FC Barcelona an, Real Madrid stellt in Iker Casillas und Sergio Ramos lediglich zwei. Die Auswahl ist heterogener als früher, auch kleinere Clubs wie Villarreal oder Getafe sind vertreten.

Fünf Profis spielen mittlerweile in der englischen Premier League, auch Mittelfeldspieler Xabi Alonso, der aus dem baskischen Tolosa stammt. In Spanien wird das als eine Folge der gesellschaftlichen Entwicklung gedeutet. Die junge Generation orientiert sich zunehmend an Europa und macht sich frei von der historischen Last, die der faschistische Diktator Franco hinterlassen hatte.

Die "Selección" wird die Zerrissenheit einer Nation selbst mit einem Titelgewinn nicht beseitigen können, aber sie kann zumindest vorübergehend eine öffentliche Debatte auslösen. Das spanische Fernsehen vermeldete am Donnerstag für das Halbfinale gegen Russland (3:0) eine Rekordquote. Selbst in Bilbao waren die Straßen wie leergefegt. Einige Basken wurden sogar mit Nationalflaggen und rotgelb bemalten Wangen gesichtet.

Cesc Fabregás, der Katalane in Diensten des FC Arsenal, sagt es so: "Wir wollen das Finale genießen, wie die Kinder, die im Park spielen." Miteinander.