St. Pauli: Taumelfeiern an der Reeperbahn - DER SPIEGEL
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St. Pauli Taumelfeiern an der Reeperbahn

Ein ganzer Stadtteil im Rausch: Das "Freudenhaus der Liga" feierte Freitagnacht nach der Rettung des FC St. Pauli eine einzigartige Love-Parade und verwandelte die rote Meile Reeperbahn in einen braun-weißen Demonstrationszug.
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Hamburg - "Paaardy-Time" wie zu besten Zeiten. "Heute lassen wir die Sau raus", stieß Abwehrspieler Holger Stanislawski den Schlachtruf aus, während Torhüter Carsten Wehlmann heulte wie ein Schlosshund. "Das ist umwerfend. Was hier los ist....Ich bin sprachlos", stammelte er schluchzend.

Der schon totgesagte Kult-Club hatte sich gegen Rot-Weiß Oberhausen mit einem von Marcus Marin in der Nachspielzeit erzieltem Tor zum 1:1 (0:1) zurück ins Leben der 2. Fußball-Bundesliga geholt. Danach brachen alle Dämme, 20 758 Zuschauer verwandelten das ausverkaufte Millerntorstadion in einen Vulkan: das Spielfeld wurde gestürmt und zur Festwiese erklärt, wildfremde Menschen lagen sich in den Armen oder wälzten sich auf dem Rasen, überall wurde geweint, geschrien, geküsst. Die mobilen Bierstände in Norddeutschlands größter Freiluftkneipe kamen mit dem Ausschenken des Gerstensafts nicht mehr nach. Der eigentlich schon abgestiegene FC St. Pauli hatte das Unmögliche möglich gemacht. Happy Ends dieser Art gibt es eigentlich nur im Film.

Der alkoholgetrübte Blick kann allerdings die Sicht aufs Ganze nicht verklären. Mit fast durchweg drittklassigen Leistungen hat St. Pauli die Zweitklassigkeit gehalten. "Wir haben eine Scheiß-Saison gespielt", gestand Mannschaftskapitän Andre Trulsen. Dass es der Mannschaft an Substanz fehlt, war schon vor Saisonbeginn bekannt. Sportliche Konzepte werden nur noch von wirtschaftlicher Not diktiert. Für gezielte Verstärkungen fehlt das Geld, Trainer sind zum Improvisieren genötigt. Zum 30. Juni vergangenen Jahres war der Verein mit 3,6 Millionen Mark überschuldet, in dieser Saison beträgt die Neuverschuldung laut Aufsichtsrat 5,2 Millionen Mark.

Die roten Zahlen sind nicht nur dem maroden Stadion geschuldet, wie Präsident Heinz Weisener gern glaubhaft machen möchte, sondern vor allem Ausdruck von Misswirtschaft. Weisener als Club-Patriarch hat den Verein in seiner zehnjährigen Amtszeit nie auf eigene Füße gestellt, sondern mit einem undurchschaubaren Geflecht von Schenkungen und Darlehen in Abhängigkeit gehalten. Die von ihm gebildete und seinem Sohn Götz geführte Marketing GmbH schöpft auf Grundlage eines bis zum Jahr 2005 geschlossenen Vertrages 75 Prozent der Marketingeinnahmen ab.

Die nächste Saison droht noch schauriger zu werden als die abgelaufene schon war. Der Etat wird von 12,5 Millionen Mark auf 6,5 bis sieben Millionen drastisch reduziert. Leistungsträger wie Marcus Marin können nicht mehr bezahlt werden und müssen gehen. Billigeinkäufe sollen die Löcher stopfen. Neben Marin verlassen Carsten Wehlmann (HSV), Cem Karaca, Steffen Karl und Dirk Wolf den Verein. "Mein Tor war Millionen wert. Heinz soll für den goldenen Schuss mal was raus tun, damit ich bleiben kann", forderte Marin.

"Die Mannschaft wird jetzt noch mehr geschwächt", räumt auch Weisener ein. "Wir wollen im nächsten Jahr den gesunden Aufbau einer neuen Mannschaft betreiben. Wir müssen Möglichkeiten finden, dass wir in der kommenden Saison begütert sind." Das neue Stadion als beschworener Segensbringer lässt jedenfalls weiter auf sich warten. Zumindest darf sich Trainer Dietmar Demuth über eine Verlängerung seines Vertrages freuen. Bei Abstieg hätte auch er aus Kostengründen gehen müssen. Dann hätte Weisener den zehnten Trainer in seiner zehnjährigen Amtszeit gesucht.