Freitagsspiel: Tiffert trifft ins eigene Tor
St. Paulis Sturmproblem Mängel am Millerntor
Der FC St. Pauli hat den freien Fall in die Abstiegszone mit einem 1:0-Erfolg über den 1. FC Kaiserslautern zumindest vorübergehend gestoppt. Nach zuletzt sechs Spielen ohne Sieg musste das Team von Holger Stanislawski im Duell der beiden Aufsteiger alles geben, um den zweiten Heimsieg der Saison über die Zeit zu bringen. Kaiserslautern belegt den zwölften Tabellenplatz, St. Pauli den 13., nur wenige Punkte von den Abstiegsrängen entfernt.
Gerade der FC St. Pauli wird sich weiter steigern müssen, wenn er die Klasse halten will. Zuletzt hatte Stanislawski alle freien Tage streichen lassen und Doppelschichten anberaumt, um den Negativtrend zu stoppen. St. Paulis Trainer versucht vor allem, das auszumerzen, was weithin als größtes Manko seines Teams gilt: Die Abschlussschwäche.
Der Crashkurs, in dem Stanislawski seinen Profis vermitteln wollte, wo das Tor steht, hatte nur mäßigen Erfolg. Gegen Kaiserslautern schoss der FC zwar "aus allen Lagen", so Mittelfeldspieler Max Kruse. Es ist aber bezeichnend für die Harmlosigkeit der Hamburger, dass Kaiserslauterns Christian Tiffert das Tor des Tages erzielte. Mit einem Kopfball überwand er seinen eigenen Torwart Tobias Sippel.
"Eigentor oder nicht. Wer das Tor schießt, ist mir relativ egal", hatte Stanislawski nach Tifferts Eigentor gesagt. Aber der Trainer muss immer häufiger einen seiner trockenen Sprüche anbringen, um mit den Defiziten seiner Mannschaft umgehen zu können. Ein Stürmer, der trifft, würde ihm viele Sorgen und Erklärungen ersparen.
St. Pauli hat zu viele "Strafraum-Melancholiker"
Erst 14 Treffer hat der FC St. Pauli erzielt, zuletzt zeigten sich seine Profis als Strafraumfeiglinge, die sich den Ball aus bester Schuss-Position noch mal zuschieben. Nach dem Motto: Schieß du lieber mal, ich fühle mich heute nicht so gut. Der FC St. Pauli hat zu viele Stürmertypen im Kader, wie sie Volker Finke lange Jahre beim Sportclub Freiburg bevorzugt hat und die etwas mitleidig als "Strafraum-Melancholiker" kategorisiert wurden. Marius Ebbers ist ein spielender Stürmer, der auch die Leidenschaft zeigt, die Stanislawski fordert. Aber ein Vollstrecker ist er genau so wenig wie Gerald Asamoah oder Fin Bartels. Zwei Tore haben Ebbers und Asamoah jeweils erzielt, so viele hat auch der defensive Mittelfeldspieler Fabian Boll vorzuweisen. In der Offensive der Hamburger tummeln sich die Vorbereiter, die den finalen Torschuss verweigern. Dass mit U21-Nationalspieler Richard Sukuta-Pasu nur eine ernst zu nehmende Sturmalternative im Kader steht, ist ein Mangel, der den Verbleib in der Liga nicht erleichtert.
Trotz Niederlage: Kaiserslautern ist weiter als St. Pauli
Ein Torjäger, wie in Kaiserslauterns Trainer Marco Kurz mit Srdjan Lakic aufbieten kann, fehlt St. Pauli an allen Strafraumecken. Der 27-Jährige Kroate hat bislang neun Tore erzielt, er verkörpert die individuelle Klasse, die dem FC St. Pauli in fast allen Mannschaftsteilen fehlt. In der Abwehr gewinnen Carlos Zambrano und Markus Thorandt zwar viele Zweikämpfe, den entscheidenden verlieren sie aber häufig. Gegen Kaiserslautern verteidigten Kapitän Fabio Morena und Ralph Gunesch, der sich in einen Rausch kämpfte und grätschte und Srdjan Lakic kaum Raum zur Entfaltung ließ. Dass ausgerechnet der etwas grober spielende Gunesch zum Symbol für die Wende beim FC würde, hätte zum Saisonstart niemand gedacht, als St. Pauli euphorisiert in die neue Spielklasse stürmte. Der höchste Sieg, ein 3:1 in Freiburg, wurde am ersten Spieltag eingefahren, mit beeindruckendem Offensivfußball.
Oft betreibt der FC einen enormen Aufwand und geht dennoch leer aus. Mit viel Einsatz und Engagement geht er zu Werke, gegen Mannschaften wie Wolfsburg war St. Pauli sogar spielerisch überlegen. Um dann in den entscheidenden Momenten zu patzen. "Wir haben uns fast tot gespielt", sagt Stanislawski, der darauf baut, dass sein Team schnell lernt und die Naivität des Aufsteigers ablegt. Auf eine einfache Formel gebracht: Vorne treffen und hinten konsequenter verteidigen. St. Pauli ist eine Bereicherung für die Liga, wenn das Team die vorhandenen fußballerischen Möglichkeiten konsequent nutzt und weiter ausbaut.
Kultklub St. Pauli: Die Weltpokalsiegerbesieger
Auch der 1. FC Kaiserslautern hat das Auf und Ab, die Konjunktur der Aufsteiger schon zu spüren bekommen. Sieben Spieltage blieb das Team ohne Sieg, bevor es die Krise eindrucksvoll beendete, zuletzt mit einem 5:0 über den FC Schalke. Im Gegensatz zu Holger Stanislawski verfügt Marco Kurz über eine Offensive, in der sich mehrere Spieler das Tore schießen teilen: Neben Lakic hat auch Außenstürmer Ivo Ilicevic schon fünf Mal getroffen. Die Pfälzer sind gut organisiert, in der Abwehr hat Kapitän Martin Amedick das Sagen, das Mittelfeld mit Christian Tiffert und Jan Morávek versteht es schnell umzuschalten und die Außenstürmer einzusetzen. Zwar sind die Lauterer nach ihrer Niederlage nun punktgleich mit St. Pauli, doch das Team wirkt gefestigter - und ist in seiner Entwicklung schon einen Schritt weiter als der FC St. Pauli. Mit dem Abstieg sollte der FCK nichts zu tun haben.
St. Pauli hingegen wird mit Mannschaften wie Köln, Nürnberg, Mönchengladbach und auch Stuttgart bis zuletzt um den Verbleib in der Bundesliga kämpfen müssen. Bis zur Winterpause stehen noch die schwierigen Spiele gegen Bayern München und Mainz 05 an. Gegen München, sagt Max Kruse, sei St. Pauli der "Underdog. Aber wir werden nicht kampflos in München auftreten. Wir sind selbstbewusst, wir wollen drei Punkte holen."