Stanislawskis Selbstkritik Hoffnungslose Hoffenheimer
1899-Trainer Stanislawski: "Es lag mit Sicherheit nicht am Wetter"
Foto: dapdHolger Stanislawski saß regungslos auf der Ersatzbank und blickte ins Leere. So als könne er das eben erlebte selbst noch nicht glauben. Seine Millionentruppe hatte gerade 2:2 (1:1) gegen Aufsteiger Augsburg gespielt. Vor einer Minuskulisse zeigten die Hoffenheimer eine Minusleistung. Nach dem Schauerkick hatten nicht nur die Zuschauer genug von ihrer Mannschaft.
Auch Stanislawski war enttäuscht von dem charakterlosen Auftritt seines Teams. Der ehemalige Trainer des FC St. Pauli zeigte erste Zeichen von Resignation und - eine Seltenheit im Fußballgeschäft - eröffnete die Diskussion um seine Person quasi selbst: "Ich sage ganz ehrlich: Ich trage die Verantwortung, und wenn ich dazu nicht in der Lage bin, die Spieler dahin zu bringen, so zu aktivieren, dass die Mannschaft funktioniert, dann liegt das am Trainer."
Das sieht offenbar auch 1899-Edelfan Franziska van Almsick so: "Er ist schon sympathisch, aber ob er der richtige Trainer ist, muss sich noch zeigen", sagte die frühere Schwimm-Weltmeisterin beim Ball des Sports. "Das sieht im Moment nicht so toll aus. Hoffenheim steht zwar im Mittelfeld der Tabelle, aber auf dem Platz sieht es oft nicht gut aus", sagte van Almsick.
"Der Trainer genießt mein Vertrauen", sagte Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp der "Rhein-Neckar-Zeitung". Der Milliardär erklärte allerdings auch: "Stanislawski ist einer, der die Menschen begeistern kann. Aber es scheint, als ob die Begeisterungsfähigkeit noch nicht ausreichend bei der Mannschaft angekommt." Der Fußball, den sie spiele, "reißt derzeit nicht vom Hocker".
"Nein zu Söldnern"
Seele und Leidenschaft sollte der volksnahe Stanislawski dem Retortenclub einhauchen. Aber sein Team präsentiert sich vor allem bei Heimspielen oft derart leblos, dass die Zuschauerzahlen kontinuierlich sanken. Am Samstag fanden nur noch 22.500 Anhänger den Weg nach Sinsheim. Auf Plakaten machten Sie ihrem Unmut Luft: "Nein zu Söldnern", stand da geschrieben. Die Fans fragen sich, ob der von Hopp geforderte Umbruch nicht im Tabellenkeller endet. Zum ersten Mal sprach Stanislawski am Samstag das Wort "Abstiegskampf" aus - was er eigentlich vermeiden wollte.
"Es lag mit Sicherheit nicht am Wetter, es lag nicht am Platz, nicht an den Zuschauern: Es lag rein an unserer Leistung und für die Leistung bin ich verantwortlich", sagte der 1899-Coach, betonte auf Nachfrage aber auch: "Es wird keiner von mir hören - oder möchte irgendjemand von mir hören? - dass ich sage, ich stelle jetzt mein Amt zur Verfügung. Definitiv nicht, dann wäre ich nicht Holger Stanislawski." Er sei nicht ohnmächtig, es gelte nach 20 Spieltagen nur, den Dingen realistisch ins Auge zu sehen.
Die Wirklichkeit sah so aus, dass Sascha Mölders mit seinem fünften Saisontreffer Augsburg in der 31. Minute in Führung brachte. Peniel Mlapa (38.) und Sejad Salihovic (51./Foulelfmeter) drehten zunächst das Spiel, ehe Sebastian Langkamp in der 72. Minute den verdienten Ausgleich für den Aufsteiger erzielte und damit den ersten Hoffenheimer Sieg 2012 verhinderte.
Starke: "Das ist Kampf, Krampf"
Vehement beklagte Stanislawski den Egoismus einiger Spieler: "Der eine oder andere ist ganz auf sich fixiert und guckt, dass er noch ein Törchen schießt." Er nannte keine Namen, dürfte aber vor allem Mlapa, Sejad Salihovic und seinen einstigen Liebling Roberto Firmino gemeint haben. Die "Bereitschaft", diesen Begriff nannte er immer wieder, sei einfach zu wenig vorhanden: sich einzubringen, sich an taktische Dinge zu halten, dem Mitspieler zu helfen.
Tom Starke redete ebenfalls Tacheles. "Das ist Kampf, Krampf", sagte der Torhüter über den Auftritt seiner Kollegen und forderte: "Es muss sich einfach jeder hinterfragen, was er vorhat hier im Verein." Für Manager Ernst Tanner ist Stanislawski an einem Punkt angekommen, "wo er nicht mehr alles überspielt und schönredet. Das werden die Spieler auch merken." Fragt sich nur, ob sie daraus irgendeine Erkenntnis ableiten.
Für das DFB-Pokal-Viertelfinalspiel am Mittwoch gegen die SpVgg Greuther Fürth (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kündigte der Trainer einige Änderungen an. Streicheln und tätscheln, das werde es nicht mehr geben, sondern nur noch zwei Urteile über einen Profi: "Funktionierst. Funktionierst nicht - Bank!"
Wenn es mit dieser Maßnahme nicht klappt, bleibt Stanislawski ja noch die Möglichkeit, van Almsick nach ihrem fachkundigen Rat zu fragen.