Starker Saisonstart des SC: Friede, Freude, Freiburg - DER SPIEGEL
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Freiburger Höhenflug: Von wegen Abstiegskandidat

Foto: Alex Grimm/ Bongarts/Getty Images

Starker Saisonstart des SC Friede, Freude, Freiburg

Vier Spiele, drei Siege: Der Erfolg des SC Freiburg hat viele Gründe. Der Kader ist ausgeglichen und erlaubt große taktische Flexibilität. Zudem kompensiert das Team den Weggang von Mohamadou Idrissou dank Torjäger Papiss Cissé mühelos. Realistisch bleibt man im Breisgau dennoch.
Von Jan Reschke und Benjamin Schulz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Spieler von Eintracht Frankfurt müssen sich beim Heimspiel gegen Freiburg gefühlt haben wie der Hase im Märchen vom Hasen und dem Igel. Ganz gleich, wohin die Frankfurter spielten und liefen, immer gab es mindestens einen Freiburger, der wie der Igel im Märchen immer schon vor ihnen da war und den Spielfluss der Heimelf unterband.

Als Frankfurt sich kurz vor Spielende scheinbar damit abgefunden hatte, nicht als Sieger, aber wenigstens mit einem Punktgewinn vom Platz zu gehen, kam der entscheidende "Ich bin schon da!"-Moment. Jan Rosenthal, erstmals seit dem Saisonauftakt gegen St. Pauli in der Freiburger Startelf, traf kurz vor dem Abpfiff zum 1:0. Für Freiburg war es der zweite Auswärtssieg im zweiten Auswärtsspiel und der dritte Saisonerfolg in der vierten Partie.

Rosenthal war der Matchwinner. Dabei hatte er es in der vergangenen Saison bei Hannover 96 schwer. Der Freitod von Robert Enke hatte ihm zugesetzt, Rosenthal nahm wie viele 96-Profis zeitweise die Hilfe eines Psychologen in Anspruch. Dennoch sagte er nach dem Sieg, der Wechsel nach Freiburg sei keine Flucht gewesen. "Ich habe einen Neuanfang gesucht. Dass er mir so gelingt und ich in meinem zweiten Spiel für Freiburg gleich so ein wichtiges Tor schieße, stimmt mich natürlich froh", sagte Rosenthal.

Nach dem Spiel zeigte sich der 24-Jährige als fairer Sportler. "Das Tor hätte eigentlich nicht zählen dürfen. Zuvor stand Maximilian Nicu im Abseits. Ich verstehe den Ärger und Unmut der Frankfurter." Doch obwohl der Treffer irregulär war, gab es am verdienten Freiburger Sieg keinen Zweifel. Er komplettierte den besten Saisonstart der Clubgeschichte mit neun Punkten aus vier Spielen. Für ebenso viele Zähler hatte Freiburg in der vergangenen Saison noch sieben Spielen benötigt.

Konkurrenzkampf erhöht Qualität

Für den Höhenflug des Vereins gibt es außer Rosenthal aber mehrere Gründe. Der wohl wichtigste: Mehr Ausgeglichenheit im Kader. Es war kein Zufall, dass die vor der Saison verpflichteten Maximilian Nicu und Rosenthal das Tor vorbereiteten beziehungsweise erzielten. Hinzu kommt, dass der SC in Yacine Abdessadki, Anton Putsila und dem am Freitagabend nicht eingesetzten Kisho Yano kurz vor dem Ende der Transferperiode drei Spieler hinzubekommen hat, die das Niveau des Teams anheben und den Konkurrenzkampf deutlich erhöhen. "Keiner kann sich mehr sicher sein, dass er am nächsten Samstag wieder spielt", so Julian Schuster.

Zudem macht sich positiv bemerkbar, dass Freiburg im Tor stark besetzt ist. Wie schon beim Derbysieg gegen Stuttgart vertrat Oliver Baumann in Frankfurt den verletzten Stammkeeper Simon Pouplin hervorragend. Ob Pouplin im Spiel am Mittwoch gegen Schalke (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zwischen die Pfosten zurückkehren kann, ist fraglich. Angesichts von Baumanns Leistungen kann sich Pouplin ohnehin noch Zeit lassen.

Cissé lässt Idrissou vergessen

Zudem hat der SC anscheinend endlich einen gefährlichen Stürmer gefunden. Schon nach vier Spielen hat Papiss Demba Cissé den Wechsel von Mohamadou Idrissou nach Gladbach vergessen lassen. Idrissou war mit neun Treffern in der vergangenen Spielzeit im Angriff Alleinunterhalter. Cissé wurde nach seiner Verpflichtung vom FC Metz in der Winterpause der vergangenen Saison nicht viel zugetraut - und gute Leistungen zeigte er in der vergangenen Saison tatsächlich nur selten.

Als Cissé dann auch noch vor dem ersten Pflichtspiel der aktuellen Spielzeit in einem Testspiel die Rote Karte wegen einer Tätlichkeit sah, schien sich ein Stürmerproblem anzubahnen. Zumal die Alternativen Stefan Reisinger und der am Meniskus verletzte Tommy Bechmann wahrlich kein gehobenes Bundesliga-Niveau verkörpern. Doch Cissé ließ sich nicht beeindrucken: Vier Treffer in vier Spielen lautet nun seine beeindruckende Brillanz.

Der größere Konkurrenzkampf im Kader und die erhöhte Torgefahr machen es für Dutt leichter, sein System umzusetzen. Freiburg überzeugt bisher noch mehr als in vergangenen Spielzeiten mit taktischer Disziplin. Dutt lobte nach dem Frankfurt-Spiel die "reife Spielanlage" seines Teams. "Das Team ist inzwischen so gefestigt, dass wir sehr variabel auf die einzelnen Gegner reagieren können." Gegen Frankfurt hatte Dutt sein Team mit nur einer Spitze und zwei offensiven Mittelfeldspielern auflaufen lassen, im Spiel zuvor gegen Stuttgart waren es zwei Stürmer in einem 4-1-3-2-System. In den ersten beiden Partien bot Dutt wiederum nur einen zentralen Angreifer auf.

Die Grundlagen für die Flexibilität hat Dutt in der vergangenen Saison geschaffen. Da stellte er sein Team im Laufe der Rückrunde grundlegend um, setzte ebenfalls auf nur eine Spitze in einem 4-1-4-1-System. Mit Erfolg, der Abstieg war bereits am vorletzten Spieltag kein Thema mehr, zum Relegationsplatz hatten die Freiburger am Ende satte vier Punkte Vorsprung.

Die Freiburger Erfahrung mit Abstiegen schließlich sorgt dafür, dass der Club den Sinn für die Realität nicht verliert. "Wir können das einordnen", sagte Rosenthal und blickte aufs nächste Spiel am Mittwoch gegen Vizemeister Schalke 04: "Das ist noch ein anderes Kaliber." Auch Clubpräsident Fritz Keller dämpfte die Euphorie: "Die Tabelle spielt keine Rolle, wir haben neun Punkte gegen den Abstieg - mehr nicht."

Trotz aller Zurückhaltung: Der Freiburger Vormarsch in die obere Tabellenhälfte ist kein Zufall. Selbst in der Sensationssaison 1994/95 standen die Badener nach vier Spieltagen nicht so gut da - und qualifizierten sich am Ende für den Uefa-Cup.

Mit Material von sid und dpa