Stevens-Abgang Endstation Eindhoven
Der Pressesprecher des Hamburger SV nahm die schlechte Nachricht, die er zu verkünden hatte, mit Galgenhumor: "Wir sorgen dafür, dass es in der bundesligafreien Zeit nicht langweilig wird." Dann bestätigte er das, was die niederländische Tageszeitung "Eindhovens Dagblad" bereits am Morgen berichtet hatte und nun auf einer Pressekonferenz offiziell verkündet wurde: "Huub Stevens wird seinen Vertrag beim HSV nicht verlängern und ab der nächsten Saison Trainer beim PSV Eindhoven." Welche Bedeutung diese Nachricht in Hamburg hat, demonstrierte die geballte Medienpräsenz inklusive diverser Kamerateams, die sich beim Abschied des sonst so coolen Erfolgstrainers keine mögliche Träne entgehen lassen wollten. Tatsächlich wirkte Stevens emotionaler als sonst. Mit gerötetem Gesicht sagte er: "Ich hatte letzte Woche ein Telefonat mit Eindhoven. Sie wollten, dass ich schon diese Saison wechsle. Ich habe Nein gesagt, weil ich keine Verträge breche." Über das Angebot, ab der kommenden Saison beim Traditionsclub anzuheuern, habe er dann mit seiner Familie beratschlagt. Stevens: "Nach einigen Stunden haben wir uns gestern entschlossen, nicht zu verlängern. Es war nicht einfach."
Die HSV-Verantwortlichen gaben sich angesichts der Hiobsbotschaft hanseatisch gefasst. Sportchef Dietmar Beiersdorfer sagte: "Wir waren immer auf dem Laufenden, haben offen über die Dinge gesprochen. Wir bedauern es, bringen der Entscheidung aber großen Respekt entgegen. Damit haben wir ein solides Fundament geschaffen, um bis zum Saisonende gut weiterzuarbeiten."
Der Weggang des 53-jährigen Stevens zum Saisonende nach Eindhoven, wo er einen Vertrag bis 2010 unterschreiben wird, kam wenig überraschend. Vor genau einem halben Jahr sagte er über seinen Job beim HSV auf der offiziellen Website der Deutschen Fußball Liga (DFL): "Das ist etwas, was man immer wieder erleben möchte. Aber irgendwann reicht es. Ich spüre, dass diese Zeit bald für mich gekommen ist."
Damals reagierte nicht einmal der Boulevard auf diese unverblümte Aussage - was auch daran gelegen haben könnte, dass die überraschende Erfolgsgeschichte des HSV in dieser Saison noch nicht in Gang gekommen war. Vor gut sechs Wochen war dann der Aufschrei groß, als Stevens seine Worte nur leicht verändert wiederholte. Er sagte im niederländischen Fernsehen, dass er möglicherweise nach der Saison nicht mehr als Trainer arbeiten werde. Des Weiteren hieß es, dass Stevens wegen seiner schwer am Darm erkrankten Frau Toos an sein Karriereende denke.
Vor zwei Wochen überschlugen sich die Ereignisse, als klar wurde, dass Eindhoven seine Fühler nach dem HSV-Trainer ausgestreckt hatte. Der Posten dort war vakant geworden, da der alte PSV-Coach Ronald Koeman den Trainerposten beim FC Valencia übernommen hatte. Wie der Zufall es nun wollte, leben Stevens Familie und seine kranke Frau in Eindhoven, Außerdem hatte er 18 Jahre seiner Fußballerkarriere in Eindhoven als Spieler, Jugend- und Assistenzcoach verbracht.
Angesichts dieser Situation versuchte der HSV nicht länger, Stevens zu überreden - auch wenn Präsident Hoffmann auf der Pressekonferenz wiederholte, er hätte gewünscht, "möglichst zehn Jahre, am besten bis zur Pensionierung" mit dem Coach zu verlängern. Das hat er vermutlich sogar ehrlich gemeint, so sehr es auch nach einer Plattitüde klingt
Im Februar, als Stevens anheuerte, war der HSV Vorletzter der Tabelle. Stevens hatte den ewigen Bundesligisten zuletzt auf den dritten Platz gehievt. "Es war in erster Linie eine Entscheidung für die Familie, davor habe ich Respekt, ich hätte sie genauso gefällt", sagte Hoffmann. Der eigenwillige Stevens bedankte sich auf seine Art und betonte, wie sehr er den moralischen Rückhalt zu schätzen wusste: "Der HSV hat alles getan, den Vertrag zu verlängern. Ansonsten haben wir wie immer gemeinsam eine menschliche Linie durchgezogen", so der sichtlich übermüdete Noch-HSV-Trainer.
Menschlich stimmt also alles bei den Hamburgern, doch sportlich betrachtet stellen sich nun viele Fragen - etwa jene, wie eng der aktuelle Erfolg mit dem Niederländer verknüpft ist. Die Vereinsführung war bislang stets bemüht, zu betonen, wie unabhängig vom Trainer und nachhaltig in der Planung das sportliche Konzept beim HSV sein soll. Der steile Aufstieg und rasante Absturz des Stevens-Vorgängers Thomas Doll war Warnung genug. Beiersdorfer beschwor geradezu eine personenunabhängige Stabilität, die den Club lange nicht mehr auszeichnete: "Das Heft des Handelns muss immer der Verein in der Hand haben."
HSV-Präsident Hoffmann mahnt dann auch im Hinblick auf Stevens Nachfolge zu Besonnenheit: "Dass die Entscheidung im Winter gefällt wurde, gibt uns Planungssicherheit. Es wird aber keine täglichen Wasserstandsmeldungen zu möglichen Nachfolgern geben." Um die spürbar angespannte Atmosphäre bei der Pressekonferenz ein wenig aufzulockern. witzelte er: "Auf Platz drei ist man eine schönere Braut als auf Platz 17."
Stevens, in dessen Team vier Landsleute als Spieler unter Vertrag stehen, will diesen Platz mindestens verteidigen. So bewegt er sich heute zeigte, so gewohnt markig waren seine Schlussworte gemeint: "Wir haben hier noch etwas zu erledigen."