Studie Fußball bleibt Männersache
Es ist die 64. Minute im Weltmeisterschaftsfinale 2007 von Shanghai. Spielstand: 1:0 für Deutschland. Die Brasilianerin Marta läuft zum Elfmeter an und schiebt den Ball plaziert ins linke untere Eck. Doch die deutsche Torfrau Nadine Angerer fischt das Leder aus der Ecke und hält den Sieg fest. Am Ende gewinnt das deutsche Team durch Treffer von Birgit Prinz und Simone Laudehr 2:0 und ist zum zweiten Mal in Folge Weltmeister. In der Folge entwickelt sich hierzulande eine regelrechte Begeisterung für den Frauenfußball. Auch die Medien scheinen den Frauenfußball für sich entdeckt zu haben. Ebensolche positiven Entwicklungen sind im Breitensport zu beobachten: Zwischen 2000 und 2006 wuchs die Zahl der "weiblichen Spieler" weltweit von 21,9 Millionen um 19 Prozent auf 26 Millionen an. Bei den registrierten weiblichen Spielern hat der Frauenfußball im gleichen Zeitraum sogar Steigerungen von 2,7 Millionen auf 4,1 Millionen zu verzeichnen.
Auch hierzulande gehen immer mehr Mädchen und Frauen auf Torejagd. Im Post-WM-Jahr 2008 konnte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Grenze von einer Million registrierten deutschen Fußballerinnen erstmals durchbrechen. Verglichen mit 2000, als der Verband noch 826.787 Spielerinnen zählte, entspricht dies einer prozentualen Steigerung von 21 Prozent (plus 176.000). Zum Vergleich: Der Deutsche Handballbund hatte zum Erhebungstermin 815.000 aktive Sportlerinnen und Sportler in seinen Reihen.
Schwimmen hängt Frauenfußball deutlich ab
Auch die Sportarten Leichtathletik (883.000 aktive Frauen und Männer), Reiten (757.000) und Volleyball (482.000) können im aktiven Bereich nicht mit dem Frauenfußball mithalten (siehe Fotostrecke). Fußball bleibt Männersache? Doch wie attraktiv und populär ist die Plattform Frauenfußball zwei Jahre vor der heimischen WM in Deutschland für Zuschauer, Medien und Sponsoren wirklich?
Diese und weitere Fragestellungen untersuchten die Sponsoring- und Kommunikationsagentur Experience und der Sport-Research-Berater IFM im Zuge des "Affinity Tracer Frauenfußball 2009". Im Rahmen der Studie wurden in den fünf Ausrichterstädten der WM 2011 Wolfsburg, Frankfurt, Dresden, Sinsheim, Augsburg sowie in Essen vom 16. bis 25. Mai 2008 insgesamt 3082 Personen zum Thema Frauenfußball befragt.
Danach bleibt der Fußball hierzulande eine absolute Männerdomäne. Zumindest relativ gesehen: Denn gerade einmal 15 Prozent der beim DFB registrierten Fußballer sind weiblich. Insbesondere im Vergleich zu Sportarten wie Reiten (74 Prozent), Turnen (69 Prozent) oder Schwimmen (52 Prozent) ist die Frauenquote im deutschen Fußball damit vergleichsweise gering.
Auch bei den Zuschauerzahlen vor Ort kann die Frauen-Fußballbundesliga nicht mal annähernd mit den Männern mithalten. Zwar verbuchte die Bundesliga der Damen in der Saison 2007/08 mit 117.000 Besuchern einen neuen Rekord. Im Durchschnitt pilgerten jedoch gerade einmal 900 Zuschauer in die Stadien der Frauen-Fußballbundesliga. Eine ähnliche Tendenz ist auch beim allgemeinen Interesse an Fußballevents zu erkennen. Trotz des enormen Erfolgs der deutschen Frauen-Nationalmannschaft dominieren dabei klar die Männer-Wettbewerbe (siehe Fotostrecke).
Europäische Vereinswettbewerbe wie die Champions League oder der Uefa Cup der Herren (68,7 Prozent), die Welt- oder Europameisterschaften (63,1 Prozent) oder die Spiele der Bundesliga (59,1 Prozent) stoßen dabei auf ein deutlich höheres Interesse als die Partien der deutschen Frauen-Nationalmannschaft (45,5 Prozent), die eigentlich als Treiber des Frauenfußballs gilt. Noch weniger Interesse existiert für den DFB-Pokal der Frauen (25,3 Prozent) und die Frauen-Fußballbundesliga (22,5 Prozent). Augenscheinlicher wird dieses Ergebnis, betrachtet man die Zahlen im Detail.
Wie der DFB mit einem geschickten Schachzug für mehr Medienpräsenz des Frauenfußballs sorgt und warum die Zuschauer trotzdem nicht zufrieden sind
Während 2003, als das deutsche Team seinen ersten Weltmeisterschaftstitel holte, die Fernsehanstalten noch insgesamt 171 Stunden vom Frauenfußball berichteten, stieg die Sendedauer im Jahr 2007 auf 191 Stunden. Dies entspricht einer Steigerung von zwölf Prozent. Ein beachtlicher Wert für den Frauenfußball. Ob diese Steigerung jedoch auch erreicht worden wäre, hätte der Deutsche Fußball-Bund die TV-Rechte für den Frauenfußball nicht im Paket mit denen der Männer verkauft, bleibt unbeantwortet. Überproportional wuchs auch die Reichweite, die von kumulierten 0,842 Milliarden Zuschauern in 2003 um 27 Prozent auf 1,067 Milliarden Zuschauer im Jahr 2007 stieg. Zieht man alleine die Welt- und Europameisterschaften der Frauen seit 1999 heran, ist dabei Spartensender Eurosport Deutschlands Frauenfußball-Sender Nummer eins. In den vergangenen zehn Jahren übertrugen die Münchener insgesamt 230 Stunden Frauenfußball. Auf den Plätzen folgen die öffentlich-rechtlichen Sender ARD (45 Stunden) und ZDF (43 Stunden).
Die höchste Reichweite hatte mit 676 Millionen Zuschauern "das Zweite", das damit vor den öffentlich-rechtlichen Kollegen der ARD (543 Millionen Zuschauer) rangiert. Deutlich abgeschlagen landet Eurosport in dieser Rangliste mit 205 Millionen Zuschauern auf dem dritten Rang (siehe Fotostrecke).
Berichterstattung zu sportlich
In der Beurteilung der Zuschauer findet sich die positive TV-Quotenentwicklung jedoch nur bedingt wieder: denn nur fünf Prozent der Befragten sind "sehr oder außerordentlich zufrieden" und 27 Prozent "zufrieden" mit der deutschen Berichterstattung über Frauenfußball. 34 Prozent der Rezipienten sind hingegen "überhaupt nicht" oder "weniger zufrieden".
Der Grund: Beim Frauenfußball wird bis dato fast ausschließlich über den "reinen Sport" berichtet. Und das, obwohl "es viele spannende Persönlichkeiten in der Nationalmannschaft gibt", sagt Doris Fitschen, Sponsoring-Managerin beim Deutschen Fußball-Bund. Gleiche Schlüsse zieht auch Studien-Chef Heinz Abel: "Dem Frauenfußball fehlen die Hintergrundberichte, um diesen populärer zu machen", kritisiert der IFM-Geschäftsführer.
Nachholbedarf im Sponsoring
Fehlende Hintergrundberichte im Fernsehen allein können jedoch nicht die Begründung sein, warum der Frauenfußball auch im Sponsoring noch erheblichen Nachholbedarf hat. 77 Prozent der Befragten gaben nämlich an, dass sie keine Marken kennen, die mit Frauenfußball werben. Bei den restlichen 23 Prozent der Befragten befinden sich mit Adidas und Nike zwei Ausrüster unter den Top 3. DFB-Premiumpartner Telekom rangiert mit 8,5 Prozent der Nennungen auf dem zweiten Platz.
Außerdem in die Top 10 gewählt wurden Alno, der Hautpartner der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, und die Commerzbank, die sich derzeit als Partner des DFB und als Hauptsponsor des Rekordmeisters FFC Frankfurt engagiert. Weitere Sponsoren aus der Frauen-Fußballbundesliga tauchen in der Rangliste nicht auf.
Letzter Umstand unterstreicht, dass eine größtmögliche Kommunikation auf nationaler Ebene derzeit nur über die Frauen-Nationalmannschaft zu erreichen ist. "Für Unternehmen mit regionalem oder lokalem Fokus kann jedoch auch die Werbeplattform Frauen-Fußballbundesliga eine große Chance sein", hält Experience-Geschäftsführer Jordi Querald fest. In der Summe hat der deutsche Frauenfußball also noch einige Baustellen zu schließen.
Vor allem im Sponsoring und bei den Zuschauern vor Ort ist für die kickenden Damen noch erhebliches Potential. Dabei "müssen wir uns nicht an den Herren orientieren", stört sich Fitschen an den ständigen Vergleichen mit dem Männerfußball. "Sondern an anderen Sportarten", wo die ehemalige Nationalspielerin den deutschen Frauenfußball nämlich gut aufgestellt sieht.