Stuttgarter Erfolgsserie: Lachen und Tore schießen - DER SPIEGEL
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Stuttgarter Erfolgsserie Lachen und Tore schießen

Das Überraschungsteam der vergangenen Saison fasziniert auch in dieser Spielzeit Fans und Experten. Durch den Sieg gegen die Glasgow Rangers qualifizierte sich Bundesliga-Tabellenführer VfB Stuttgart vorzeitig für das Achtelfinale der Champions League. Die wunderbare Reise der Magath-Schützlinge durch Europa geht damit weiter.
Von Elke Rutschmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Stuttgart - Da standen sie also wieder in der kuscheligen Kurve, die kurzbehosten Profis des VfB Stuttgart und warfen mit den Fans die Hände zum Himmel. Ein paar Meter weiter auf der Tartanbahn lag eine zusammengeknüllte weiße Folie. Vor dem Duell gegen Glasgow Rangers hatten die Anhänger das Transparent andächtig in die Höhe gereckt, das vier lustige Engel zeigte, die das Wappen des VfB umschwirrten. Es sind wahrlich himmlische Zeiten in Stuttgart, nachdem das Team von Felix Magath schon am vorletzten Spieltag der Champions-League-Vorrunde das Achtelfinale erreicht hat.

Für Silvio Meissner konnte die Ehrenrunde an der Bande entlang gar nicht lang genug sein, Keeper Timo Hildebrand spritzte ausgelassen mit der Wasserflasche und Torschütze Timo Wenzel wusste gar nicht wohin mit seinem Glück, und nach anfänglicher Orientierungslosigkeit fand er erst zusammen mit Andreas Hinkel den Weg zu den Anhängern und warf sein Trikot in die Menge.

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Champions League: Stuttgart besiegt Glasgow Rangers

Foto: AP

Es war wieder einmal die Zeit für große Gefühle im Gottlieb-Daimler-Stadion, nachdem der VfB Stuttgart seine Verweildauer in der Champions League durch ein 1:0 gegen die Rangers verlängert hatte. Die Nacht war zwar nicht so magisch wie beim 2:1 gegen Manchester United, und doch war es ein großer Fußballabend, weil das Essenzielle des Spiels immer präsent war: Kampf, Disziplin und Leidenschaft. Vor allem waren die 50.348 Zuschauer Zeugen einer wunderbaren Botschaft: Das Märchen geht weiter.

Sieg gegen ManU als Schlüsselerlebnis


Es ist kein gekaufter Scheckbuchzauber, mit dem Felix Magath die Erfolgsgeschichte von den jungen Wilden schreibt. "Es ist nicht das Ergebnis zielstrebiger Arbeit des Trainers, sondern der Mannschaft, die es jetzt schon zweieinhalb Jahre mit mir aushält und immer noch guter Dinge ist", sagte Magath am späten Mittwochabend, blickte beseelt in die Runde der noch immer staunenden Journalisten und rührte gelassen in seinem Pfefferminztee. Das Gefühl der Anwesenheit von Klasse in seiner Mannschaft stellte sich beim 2:1 gegen Manchester United ein. "Das war für meine jungen Spieler der Schritt zur Selbstfindung. Jetzt wissen wir, dass wir nicht nur den Anforderungen der Bundesliga genügen."

Am 9. Dezember soll in Old Trafford ein weiterer Punkt die Arbeit abrunden, um die Vorteile des Gruppensieges auszukosten: mehr Geld, der VfB wäre gesetzt und hätte Heimspielrecht im Rückspiel des Achtelfinals. Im Hinspiel gegen ManU hatte Timo Wenzel nicht einmal auf der Bank, sondern nur auf der Tribüne gesessen. Jetzt profitierte der 25-Jährige von der Verletzung von Marcelo Bordon und füllte problemlos die Lücke im hochgelobten Stuttgarter Defensivverbund. Gegen die Rangers schoss er kurz vor der Pause das Tor des Abends und fühlte sich dennoch nicht als Held. "Da war auch Glück dabei. Erst komme ich nicht zum Kopfball hoch, dann landet der Ball auf meinem Fuß - ich lache und mache das Tor", erzählte Wenzel.

Er zählt zu den jungen Männern in kurzen Hosen, die der Stadt plötzlich das lang vermisste Selbstwertgefühl zurückgeben. Es ist schließlich ein unheimlicher Lauf, mit dem die völlig losgelöste Boygroup Magaths Philosophie auf dem Rasen umsetzt und mit einer nun schon unheimlichen Selbstverständlichkeit vor sich hin siegt - der Erfolg gegen Glasgow war der neunte in Folge. Freude gepaart mit Disziplin. Der VfB ist wieder mehr als gesellschaftsfähig und derzeit das Small-Talk-Thema Nummer eins in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Seit Mai verkaufte der Fanshop 18.000 Trikots, die Zahl der Mitglieder stieg von 8000 auf 13.000. Rot macht Lust auf mehr, und so fand am vergangenen Sonntag sogar die erste Taufe im Daimler-Stadion statt. Der VfB verzaubert aber nicht nur Schwaben sondern gilt als der neue Sympathieträger des deutschen Fußballs.

Entdeckung des Jugendstils


Welch ein Wandel. Zu Beginn der vergangenen Saison war der VfB mit einem Schuldenberg von rund 25 Millionen Euro nicht weit entfernt von der Zahlungsunfähigkeit. Für neue Spieler fehlte das Geld, die Profis mussten sogar auf ihre Prämien verzichten. In akuter Finanznot entdeckte man den Jugendstil, vertraute Akteuren wie Hinkel oder Kuranyi, die mittlerweile das Nationaltrikot tragen, und stellte ihnen erfahrene Spieler wie Soldo, Bordon oder Heldt an die Seite. Baumeister dieses weiß-roten Wunders ist Ex-Europapokalsieger Magath, der beim VfB endlich auch sein Glück als Trainer gefunden hat. In Stuttgart hat sich das schlechte Image des Schleifers gewandelt, seit er den VfB am 24. Februar 2001 übernommen, den Klassenerhalt gesichert, den Verein in den Uefa-Cup und jetzt sogar in wirtschaftlich schwierigen Zeiten in die Champions League geführt und rund 15 Millionen Euro verdient hat.

Magath will sein Werk fortschreiben und weiß, dass im Erfolg oft die meisten Fehler gemacht werden. "Es wäre jetzt jammerschade, wenn uns der eine oder andere ohne Not verlassen würde", so Magath und wurde dann noch konkreter im Fall des gegen die Rangers blockierten Torjägers Kevin Kuranyi. "Es wäre für ihn und das Team gut, wenn das Thema bald geklärt wird."

Aber selbst der Wirbel um Kuranyi schadet derzeit nicht. Magaths Jugendbande wirkt erstaunlich gefestigt. Es spricht im Moment vieles dafür, dass die Europa-Reise nicht im Achtelfinale endet.

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