Stuttgarter Stratege Khedira: Ein Mann wird laut - DER SPIEGEL
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VfB-Stratege Khedira: Einst Talent, heute Leader

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Stuttgarter Stratege Khedira Ein Mann wird laut

Seit Kindestagen spielt Sami Khedira beim VfB Stuttgart, mittlerweile ist er Nationalspieler und wird von anderen Clubs umworben. Will der Verein den begehrten Mittelfeldstrategen halten, muss er ihm Perspektiven bieten. Sonst könnte er gehen - zum FC Bayern?
Von Marco Plein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sami Khedira rannte einfach los. Von seinen Glücksgefühlen überwältigt, wusste er nicht mal, wohin er da lief. Erst ein paar Meter nach rechts. Dann ein paar nach links. Und schließlich in einem großen Bogen wieder zurück. Khedira jubelte ausgelassen wie selten zuvor, er hatte gerade ein Wahnsinnstor geschossen; und eines, das ziemlich viel aussagt über den jungen Fußballer des VfB Stuttgart. Mit einem traumhaften Volleyschuss unter die Latte war ihm in der Schlussminute nicht nur der Ausgleich gegen Bayern München gelungen - nein, er lieferte gleich den Nachweis seiner gehobenen Klasse mit.

Bald eineinhalb Jahre liegt dieses Spiel nun zurück. An diesem Samstag misst sich der VfB wieder mit den Bayern, (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), und für Khedira ist das kein gewöhnliches Spiel. Denn schon seit langem wird der 22-Jährige mit den Bayern in Verbindung gebracht. Offiziell wurde das Interesse aus München zwar nie bestätigt, doch ein Wechsel des Deutsch-Tunesiers im Sommer würde Sinn ergeben. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen beider Clubs.

Die Bayern sind im zentralen Mittelfeld ziemlich dünn besetzt. Genau dort, wo sich Khedira ob seiner Stärken in der Balleroberung und Spieleröffnung am wohlsten fühlt. Außer Bastian Schweinsteiger und dem alternden Mark van Bommel ist zwar noch der Ukrainer Anatoli Timoschtschuk da, aber der wird kaum noch eingesetzt. Und wahrscheinlich ist er im Sommer schon wieder weg - nach nur einem Jahr. Heißt: In der Zentrale werden die Bayern nachbessern müssen. Mit einem, der sie weiterbringt.

Khediras Anspruch: "Will mich mit den Besten messen"

Zwar wird der VfB durch die baldigen Abgänge von Alexander Hleb und Jens Lehmann kommendes Jahr einiges an Gehalt sparen. Da er aber als derzeitiger Bundesliga-Siebter kaum mit Extra-Einnahmen durch Europapokal-Spiele rechnen darf, könnte er sich gezwungen sehen, Khedira im Sommer meistbietend zu verkaufen. Andernfalls dürfte der seit der E-Jugend für den VfB aktive Mittelfeldstratege nach Ablauf seines Vertrages im kommenden Jahr ablösefrei wechseln. Und da er bereits mehrfach betont hat, international spielen und sich "mit den Besten messen" zu wollen, wäre ein Wechsel zum Champions-League-Stammgast nach München nur konsequent.

"Sami formuliert mittlerweile hohe Ansprüche. An sich und an seinen Verein", sagt Khediras Berater Jörg Neubauer SPIEGEL ONLINE. "Ich befinde mich mit Stuttgart in regelmäßigen Gesprächen." Zuletzt habe er in Barcelona, wo der VfB im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinals eine deftige Klatsche kassierte, mit Manager Horst Heldt gesprochen. Bald treffen sie sich wieder. Die Intention des VfB ist dabei klar, er will den im Sommer 2011 auslaufenden Vertrag mit dem Jungnationalspieler, der den höchsten Marktwert aller Stuttgarter Spieler für sich behaupten kann, vorzeitig verlängern; allerdings geht es dabei nicht nur um Zahlen, sondern auch um Perspektiven. "Profis wie Sami Khedira definieren sich zunehmend über die europäische Ebene", sie haben "Geschmack daran gefunden", gegen Barcelona zu spielen, und "sie wollen das wieder haben", schrieb zum Beispiel die "Süddeutsche Zeitung".

Auch andere Leistungsträger müssten bleiben

Zwar haben sich die Stuttgarter unter dem Schweizer Trainer Christian Gross zum zweitbesten Rückrundenteam gemausert (ein Punkt weniger als die Bayern und einen mehr als Schalke), im Herbst 2009 lief unter Markus Babbel aber so viel schief, dass die aktuelle Wiedergutmachungstour kaum noch in die europäischen Plätze führen dürfte. "Wir haben noch schwierige Gegner und sind zudem abhängig von den anderen", betont Manager Heldt zwar, doch damit hat er nicht ganz recht. Denn neben der Aufgabe in München und einem Heimspiel gegen Leverkusen in drei Wochen tritt Stuttgart noch gegen Mönchengladbach, Berlin, Bochum, Mainz und Hoffenheim an - für den VfB heißt das (zumindest theoretisch): viele Siege, viele Punkte. Die benötigt er aber auch. Denn will der Club Khedira langfristig binden, dürfte es in dessen Interesse sein, dass auch die anderen Leistungsträger mit auslaufenden Verträgen - Stürmer Cacau und Juventus-Leihgabe Cristian Molinaro - bleiben.

Khedira, der mit seinem Verein in den vergangenen drei Jahren (zweimal Champions League, einmal Uefa Cup) stets durch Europa tourte, würde seinen Vertrag in Stuttgart gern erfüllen. "Bei mir stellt sich überhaupt nicht die Frage, ob ich schon im Sommer gehe. Wenn nicht etwas ganz Dramatisches passiert, spiele ich auch in der nächsten Saison beim VfB", sagte er der "Stuttgarter Zeitung" vor dem Bayern-Spiel.

Er beschreibt die Situation aber auch so: "Ich will sehen, dass sich beim VfB etwas entwickelt." Man mag sich vorstellen, wie er dabei mal kräftig mit der Faust auf den Tisch haut. Denn in seiner vierten Profisaison fühlt sich der U21-Europameister mittlerweile in einer Leader-Rolle, in der er auch mal laut werden darf - sein Werdegang gibt ihm jedenfalls das Recht dazu. Seit dem Meisterjahr 2007 tummelten sich zwar schon allerhand zentrale Mittelfeldspieler beim VfB: Pardo, da Silva, Simak, Bastürk, Elson, Farnerud. Khedira aber setzte sich gegen sie alle durch.

Auch gegen Thomas Hitzlsperger. An dem mittlerweile nach Rom geflüchteten, ehemaligen VfB-Kapitän rutschte er zudem in der Mittelfeld-Hierarchie der Nationalmannschaft vorbei. Und weil der Leverkusener Simon Rolfes lange verletzt ausfällt und der Bremer Torsten Frings unter Joachim Löw nicht mehr berücksichtigt wird, fliegt Khedira im Sommer wohl nicht nur zum Urlaubmachen nach Südafrika. "Mein Anspruch ist es, bei der WM zu spielen", sagt er selbstsicher. Obwohl es für ihn an Michael Ballack gar kein und an Bastian Schweinsteiger kaum ein Vorbeikommen geben dürfte. Trotzdem, nur dabei sein? Das reicht Khedira nicht.

Einziges Manko: Der Stuttgarter kann bislang nur auf die mickrige Erfahrung von 31 Länderspielminuten verweisen, verteilt auf zwei Spiele. Löw scheint das jedoch nicht abzuschrecken, denn Khedira könne die zentrale Position "so spielen, wie wir uns das vorstellen", sagt der Bundestrainer. Klingt überzeugend.