VfB-Coach Schneider: Von der U17 zu den Profis
VfB-Trainer Schneider "Heute sprechen schon Sechsjährige über Spielsysteme"
SPIEGEL ONLINE: Herr Schneider, 2005 mussten Sie ihre aktive Karriere wegen einer Borreliose-Erkrankung beenden. Wie geht es Ihnen heute?
Schneider: Die Krankheit beeinträchtigt mich nicht mehr. Ich bekam über mehrere Jahre in Zyklen Antibiotika. Die haben Gott sei Dank angeschlagen. Heute achte ich darauf, genügend Regenerationszeiten zu haben, mich gesund zu ernähren.
SPIEGEL ONLINE: Damals wurde ein Zeckenbiss zu spät festgestellt. Mit schlimmen Folgen.
Schneider: Als es akut war, hatte ich drei Monate lang einen geschwollenen Knöchel, vorher drei Knie-Operationen, bei denen man nicht recht wusste, wo das Problem wirklich lag. Die normalen Blutparameter zeigten den Erreger nicht. Erst als man in die Tiefe schaute, bekam ich die Diagnose. Dann wusste ich, woher diese rheumaähnlichen Schmerzen kamen.
SPIEGEL ONLINE: Hat Sie die Krankheit die Nationalmannschaftskarriere gekostet? Sie galten als Riesentalent, haben Jugendnationalmannschaften übersprungen.
Schneider: Darüber denke ich heute nicht mehr nach. Ich weiß noch, wie schlecht ich mich in der Zeit körperlich beim VfB gefühlt habe. Die Mannschaft steckte damals im Abstiegskampf, und ich war nach 20 Minuten platt. Dem Team gegenüber fühlt man sich dann fast schuldig: Man will ja helfen.
SPIEGEL ONLINE: Als Sie Ende August als Cheftrainer beim VfB anfingen, befand sich der Club ebenfalls im Abstiegskampf. Jetzt ist die Hälfte der Hinrunde vorbei - und plötzlich traut man dem VfB wieder alles zu, von Platz 14 bis Platz vier.
Schneider: Es gibt in der Bundesliga mit Bayern, Dortmund und Leverkusen die Top drei, mit Schalke sogar die Top vier und dahinter eine Vielzahl von Vereinen, die um die restlichen internationalen Plätze kämpfen. Zu diesen Vereinen gehören auch wir.
SPIEGEL ONLINE: Platz fünf als Saisonziel?
Schneider: Vor vier Wochen hatten wir noch keinen einzigen Punkt. Mittlerweile haben wir Anschluss an die entscheidenden Plätze. Der VfB hat immer den Anspruch, international zu spielen. Wir waren in den vergangenen 15 Jahren neben Bayern und Leverkusen am häufigsten international vertreten. Daraus ergibt sich unser Saisonziel automatisch.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Vorgänger Bruno Labbadia sei auch an dem "Dauergenörgel der Haupttribüne" gescheitert, schrieb die "taz", sie sprach von der "Wand des Schreckens".
Schneider: Zu meiner Zeit als Spieler haben wir oft richtig gut gespielt und die Fans waren trotzdem häufig kritisch, wenn es zur Halbzeit 0:0 stand. Aber die Fans in der Cannstatter Kurve heute sind der Wahnsinn. Das würde ich übrigens auch sagen, wenn ich anderswo Trainer wäre.
SPIEGEL ONLINE: Manch junger Trainer behauptet von sich, er habe schon als Spieler wie ein Trainer gedacht.
Schneider: Ich bestimmt nicht! (lacht) Wie ein Trainer denkt, weiß man auch erst, wenn man selber vor einer Mannschaft steht. Ich hatte allerdings das Glück, schon als U-19-Spieler Ralf Rangnick als Trainer zu haben. Wir spielten als eine der ersten Mannschaften in Deutschland mit einer Viererkette. Später habe ich unter Jogi Löw trainiert, der einerseits einen super Umgang mit der Mannschaft hatte und dazu noch sehr viel von Taktik verstand. Auch Daum und Magath waren große Trainer, von denen ich einiges mitgenommen habe.
SPIEGEL ONLINE: Aber am prägendsten war Rangnick, oder?
Schneider: Schon. Was wurde der früher gescholten, weil er im Sportstudio an der Taktiktafel stand! Und heute sprechen schon die Sechsjährigen von Spielsystemen. Überall, wo er war, hat er etwas bewegt. Hoffenheim hatte unter ihm etwas vom FC Arsenal, das war alles sehr innovativ. Als sie Erster waren, durfte ich eine komplette Vorbereitung mit dem Trainerteam dabei sein. Später habe ich bei Sporting Lissabon hospitiert, wo Superstars wie Figo oder Ronaldo ausgebildet wurden.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Spieler William Kvist hat Ihre Arbeit nach wenigen Tagen gelobt. Nun würde wieder jeder Spieler wissen, was er zu tun habe, sagte er. Muss man als neuer Trainer jedem Spieler wieder die Grundlagen erklären?
Schneider: Man fängt natürlich nicht bei null an. Es geht am Anfang ohnehin nicht darum, seine eigenen Vorstellungen vom Fußball umzusetzen, sondern darum, schnell etwas zu verbessern. Da kann es nicht schaden, wenn jeder weiß, was er zu tun hat. Wir wollen keine Kontermannschaft sein, sondern selbst aktiv sein und guten Fußball spielen. Der ist ja Teil unserer Identität. Laufbereitschaft, mutiges Spiel nach vorne, ständige Angriffsbereitschaft. Da wollen wir hin. Aber das geht nur Schritt für Schritt.