Stuttgarts verpatzter CL-Auftakt "Wir können uns ja nicht erschießen"
Glasgow - Nach dem Schlusspfiff strahlte Christian Nerlinger wie ein Flutlichtscheinwerfer im Glasgower Ibrox-Park. Von Teammanager Alex McLeish gab es ein Sonderlob für den ehemaligen DFB-Nationalspieler, von den Mannschaftskameraden jede Menge Schulterklopfer und auch die schottischen Medien sparten nicht mit Komplimenten. "Nerlinger hält Rangers am Leben", titelte die Zeitung "The Scotsman" am Mittwoch.
Doch obwohl Nerlinger mit seinem Ausgleichstreffer in der 74. Minute die Wende zum 2:1 (0:1)-Auftaktsieg der Rangers in der Champions League gegen den VfB Stuttgart einleitete, wollte der ehemalige Bundesligaprofi von Bayern München und Borussia Dortmund von Genugtuung nichts wissen: "Es war wichtig, dass wir dieses Spiel noch umgebogen haben und ich bin froh, dass es bei mir wieder besser läuft. Aber eine besondere Freude, gegen einen deutschen Club getroffen zu haben, verspüre ich nicht." Der 30-Jährige, der vor zwei Jahren von Dortmund nach Glasgow gewechselt war, ist vielmehr froh, dass seine lange Leidenszeit in Glasgow, die von Verletzungen und Formtiefs geprägt war, endlich vorbei ist. Seit Anfang der Saison steht Nerlinger wieder in der Anfangsformation der Rangers.
"Die Mannschaft hat Respekt verdient"
Dagegen war die Stimmung der Stuttgarter nach dem Debüt in der europäischen Königsklasse äußerst betrübt. Mit hängenden Köpfen schlichen die Spieler durch die Katakomben des Ibrox-Park, beim anschließenden Bankett im Radisson-Hotel wähnten sich die Besucher auf einer Beerdigung, einzig Club-Präsident Erwin Staudt versuchte sich in aufmunternden Worten: "Wir können uns ja jetzt nicht alle gleich erschießen. Die Mannschaft hat sich Respekt verdient. Deshalb sehe ich keinen Grund, draufzuhauen. Es gilt jetzt aus dem Misserfolg die notwendigen Konsequenzen abzuleiten, die das Team weiter wachsen lassen."
Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Spieler bereits in die Hotel-Sauna verzogen, um den Frust der ersten Saisonniederlage herauszuschwitzen. Auch Trainer Felix Magath war die Enttäuschung über die verpasste Chance, einen oder drei Punkte aus Glasgow mitzunehmen, ins Gesicht geschrieben. "Wenn wir diese leichten Fehler nicht abstellen, haben wir in der Champions League keine Chance", zürnte der 50-Jährige, "vielleicht haben sich die Spieler zu sicher gefühlt. Man hatte ja bis zum 1:1 ja nie das Gefühl, dass wir noch ein Gegentor bekommen können. Wir hatten das Spiel im Griff, deshalb ist die Niederlage umso bitterer." In seiner Nachbetrachtung sparte Magath entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten nicht an Einzelkritik: "Cacau hatte wohl die falschen Stollen gewählt, der ist immer ausgerutscht und hat keinen Ball gesehen. Und von einem Nationalspieler wie Andreas Hinkel habe ich auch schon mehr gesehen."
"Danach ist das Publikum explodiert"
Nach der Führung durch das erste Saisontor von Nationalstürmer Kevin Kuranyi ("Davon kann ich mir auch nichts kaufen") in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit scheiterte der VfB vor allem an seiner Unerfahrenheit. Ausgerechnet Nerlinger (74.) beendete Stuttgarts Serie von sechs Saisonspielen ohne Gegentreffer. Ein grober Abwehrschnitzer des Portugiesen Fernando Meira war dem Ausgleich vorausgegangen. "Danach ist das Publikum explodiert", beschrieb der zweite Deutsche in Reihen der Rangers, Keeper Stefan Klos, die Spiel entscheidende Situation. "Ich weiß nicht, ob wir ohne Christians Treffer noch ins Spiel zurückgefunden hätten", musste auch McLeish zugeben. Der eingewechselte Peter Lövenkrands (79.) zerstörte mit einem abgefälschten Schuss endgültig die Hoffnungen der Schwaben auf eine erste Gelddusche in Champions League. 350.000 Euro hätte es für die Stuttgarter gegeben, wenn sie sich etwas cleverer angestellt und den Vorsprung verteidigt hätten.
Von Resignation wollte Magath dennoch nichts wissen. "Wir haben zwar eine unglaublich große Chance vergeben, aber die Spieler haben zumindest gezeigt, dass sie mithalten können. Um das Achtelfinale nicht aus den Augen zu verlieren, müssen wir jetzt halt im nächsten Heimspiel punkten - auch wenn Manchester der haushohe Favorit ist", so Magath. Auch von Matchwinner Nerlinger gab es Trost: "Die Stuttgarter haben stark gespielt, für die ist noch alles drin." Am 1. Oktober im Heimspiel gegen Manchester United hat der VfB die nächste Gelegenheit, dies unter Beweis zu stellen.