Sieg in Wolfsburg: BVB marschiert Richtung Meisterschaft
Tabellenführer BVB Meister der Gegenwart
Der Rockjournalist Jon Landau wurde in den frühen Siebzigern berühmt durch seinen Satz, er habe "die Zukunft des Rock'n'Roll" gesehen. Er sah dann aber nur Bruce Springsteen. Genauso falsch wäre es, nach dem spektakulären 3:0 von Borussia Dortmund beim Ex-Meister VfL Wolfsburg zu raunen, man habe die Zukunft des Fußballs gesehen. Es ist viel besser: Der BVB ist nicht die Zukunft, er ist die Gegenwart.
Und was für eine: Genau so muss und genau so kann man im Jahr 2011 Fußball spielen.
Nach 20 Spieltagen hat der Tabellenführer der Bundesliga damit 16 Mal gewonnen, die meisten Tore erzielt (46), die mit Abstand wenigsten bekommen (12) und in Wolfsburg ein Spiel hingelegt, dass es VfL-Trainer Steve McClaren am Klügsten schien, sich auch in die Reihe jener einzusortieren, die den BVB bereits im Januar zum Meister ausrufen. "Ich denke, wir haben heute den Bundesliga-Champion gesehen", sagte McClaren. Dortmund sei "das beste Team gegen das wir bisher gespielt haben." Tatsächlich wirkte der BVB eine Klasse besser als der vorige Gegner in der VW-Arena: das war der FC Bayern.
Es war ein beeindruckendes Spiel des BVB gegen einen personell geschwächten, chancenlosen und an diesem Tag nicht konkurrenzfähigen Gegner. Das ist nicht respektlos. Das erkannten auch Klassespieler wie VfL-Kapitän Marcel Schäfer und Nationalspieler Arne Friedrich an. Beide sind in unzähligen Phrasengewittern gestählte Recken. Aber hier sprach Schäfer schnörkellos davon, der BVB spiele derzeit "in einer anderen Liga als der Rest der Bundesliga". Und Friedrich benannte gnadenlos den Unterschied: "Bei Dortmund machen im Angriff alle mit und in der Abwehr alle mit." Im Gegensatz zum VfL? "Heute ja."
Dortmunds "Vollgasfußball" - überragendes Laufspiel ohne Ball
Wer gedacht hatte, der BVB könne es mit der Angst kriegen, weil "Verfolger" Leverkusen nach seinem Freitag-Sieg den Abstand auf acht Punkte verkürzt hatte, musste schon nach zwei Minuten umdenken. Erster Fehler des VfL, zack, Tor: Das kam schon außergewöhnlich zielstrebig daher und der Rest auch. Allenfalls mit einer kleinen Prise zu viel Geschnörkel bei Lucas Barrios und Mario Götze. Aber das ist Gemäkel auf hohem Niveau.
Als vor zweieinhalb Jahren das Wort "Vollgasveranstaltung" eingeführt hatte, dachte man noch: Na ja. Heute muss man sagen: Es gibt keinen treffenderen Begriff. Ausgangspunkt für alles ist beim BVB das überragende Laufspiel ohne Ball und eine Defensive, die dermaßen schnell, aggressiv, präzise und dadurch kompakt arbeitet, dass Wolfsburg dagegen wie Zeitlupe wirkte. Der BVB? Born to Run. Und wie das Team nach der individuellen oder kollektiven Balleroberung umschaltet, kann einem schon Angst einjagen. Wenn man den Blick schnell genug nach hinten kriegt.
Man kann nicht umhin, in diesem Zusammenhang auf Diego zu sprechen zu kommen, den Wolfsburger Hoffnungsträger. Er war nicht schlecht, er ist ja eigentlich flink und kann den Ball perfekt verarbeiten - und dennoch wirkte er wie ein Anachronismus. Zugestellt, eingekreist, abgemeldet, null Chance. Als sei er mit einer Zeitmaschine in eine andere Fußballwelt gebeamt worden, wo nichts mehr gilt, was er über das Spiel zu wissen glaubt.
Auf der anderen Seite führte Nuri Sahin den schnörkellosen und hierarchieniedrigen Effizienzfußball des BVB vor. Das frühe 1:0 steht pars pro toto für Dortmund 2011: Der Gegner wird in den Ballverlust getrieben, und ehe er sich orientieren kann, spielt Umschaltgenie Sahin den Direktpass in die gegnerische Schwachstelle. Das 2:0 machte er selbst, auch da wurde der VfL vorher in einen fatalen Ballverlust getrieben, Innenverteidiger Mats Hummels spielte den Vertikalpass. Beide Male legte Götze den Ball quer. Sahins Flanke zu Hummels' 3:0 war dagegen fast etwas konventionell. Sahin ließ sich hinterher das Wort "Weltklasse" für die Dortmunder Vorstellung entlocken und liegt damit nicht falsch.
Die Bundesligasaison als Langstreckenlauf für die Dortmunder
Jürgen Klopp redet selbstverständlich weiterhin nicht von einem siebten Meistertitel für den BVB. Und er hat dafür Gründe. Dass nun auch McClaren diesen Titel prognostiziert, freue ihn. Es sei nett und "besser, als dass er sagt, wir können nichts". Es ist nur auch wohlfeil und wertlos. Oder wie Klopp sagt: "Es erhöht die Wahrscheinlichkeit nicht." Es gebe "keinen Grund, über etwas anderes nachzudenken als das Spiel am Freitag". Da kommt der FC Schalke 04, da muss er Innenverteidiger Neven Subotic ersetzen, der die fünfte Gelbe Karte sah. Den Vorrundenstar Shinji Kagawa sowieso. Es ist verständlich, dass sich Klopp nicht auf das Spiel einlässt, das seit Monaten mit ihm und dem BVB gespielt wird: Er soll sagen, dass er Meister wird, damit man es ihm um die Ohren hauen kann, falls es doch nicht klappt. Aber welchen Gewinn hätte der BVB?
Man könnte argumentieren, dass Felix Magath in der Wolfsburger Meistersaison auch lange schwieg und dann plötzlich sagte, dass er jetzt den Titel wolle. Aber das war eine völlig andere Situation, das Team kam von hinten und Magath brauchte die Zielsetzung für einen kurzen Schlusssprint.
Der BVB dagegen ist mitten in einem Langstreckenlauf. Außerdem ist die Ansage müßig, eben weil man die Tabelle mit elf Punkten vor Leverkusen und 14 vor den Bayern anführt. Ist doch logisch, dass man da nicht nicht Meister werden will.
Vor allem aber kann es keine klarere Meisterschaftsaussage geben, als jene die der BVB nonverbal in Wolfsburg und zwei Wochen davor in Leverkusen gemacht hat.
Auf dem Spielfeld.