Taktische Defizite Klinsmanns Elf der Improvisateure
Eigentlich hatte man gut eine Woche vor dem WM-Start schon weiter sein wollen. Der Fußball, der dem Trainerduo Jürgen Klinsmann und Joachim Löw seit Dienstantritt vor gut 20 Monaten vorschwebt, ist eine offensive Variante der von allen europäischen Spitzenmannschaften gepflegten, schnellen Ballzirkulation. Dafür, so Löw, "müssen unsere Spieler enorm beweglich sein und variabel spielen" - ein Anspruch, dem man im Trainingslager am Genfer See näher kommen wollte. Deshalb hatte man an Schnelligkeit und Technik gefeilt, versucht, die mannschaftstaktischen Defizite aufzuarbeiten. Das Spiel ohne Ball sollte verbessert werden, um mehr Abspielmöglichkeiten zu schaffen. Konsequentes Verschieben und taktische Variabilität wurden ebenfalls eingeübt im Schweizer Exil.
Trotzdem: Was der Trainerstab kurz vor Turnierstart noch immer als Lernziel ausrufen muss, gilt gemeinhin als Grundvoraussetzung modernen Fußballs. Michael Schumacher würde wohl verspottet werden, wenn er kurz vor Beginn der Formel-1-Saison frohgemut darauf hinweisen würde, dass man nun aber voll konzentriert an der Konstruktion seines Autos feilen werde. Doch dieser Vergleich hakt an einer entscheidenden Stelle: Löw und Klinsmann können nichts dafür, dass sie auf Spieler zurückgreifen müssen, die in einer Liga ausgebildet wurden, in der der Rückstand auf den internationalen Spitzenfußball derart groß ist.
Doch Löw weigert sich, ein "Qualitätsproblem" einzugestehen. Warum auch? Es würde die ohnehin wenig komfortable Lage nicht verbessern. Das vergleichsweise niedrige Niveau der Bundesliga spiegelt sich auch im individuellen Bereich. Michael Ballack und Miroslav Klose agieren zwar in der obersten internationalen Klasse, wenngleich Ballack auch gegen Japan außer Stande war, als offensiver Mittelfeldspieler so druckvoll in die Spitze zu stoßen, wie Löw und Klinsmann das von ihm erwarten. Eine Erklärung für sein schwaches Offensivspiel hatte Ballack auch gleich parat: "Die Defensive ist seit zwei Jahren unsere Schwäche, die wir in der gesamten Zeit nicht abstellen konnten. Wir müssen endlich den Defensivverbund stärken", forderte der Kapitän auf der gestrigen Pressekonferenz des DFB.
Auf anderen Positionen ist man dennoch weniger gut besetzt, wie selbst gegen die allenfalls auf Oberliganiveau agierenden Luxemburger auffiel: Auf der in der Umschaltbewegung eminent wichtigen Position im defensiven Mittelfeld, wo sich Torsten Frings müht, fällt das deutsche Team im internationalen Vergleich ab. Arne Friedrich ist so von der Rolle, dass es die Höflichkeit verbietet, bei der Aufzählung der Defizite ins Detail zu gehen. Vieles deutet darauf hin, dass nun Bernd Schneider auf der ungeliebten rechten Außenverteidigerposition aushelfen muss.
Die Not auf der Innenverteidigerposition bestimmt die öffentlichen Diskussionen inzwischen mehr als die aktuellen Arbeitslosenzahlen: Robert Huth ist spielerisch stark limitiert, Christoph Metzelder beherrscht zwar als einziger die Spieleröffnung, doch fehlt ihm dafür die nötige Wettkampfpraxis. Per Mertesacker ist in der Vorbereitung auch nicht gelenkiger in den Hüften geworden, Jens Nowotny sorgte gegen Japan dafür, dass die Alarmstimmung im deutschen Strafraum zur Panik eskalierte. Man kann es nicht schön reden: Wenn eine Mannschaft wie Japan schnell in die Spitze spielt, wirkt die deutsche Abwehr wie eine Altherrenauswahl.
Löw und Klinsmann bleibt bis zum Eröffnungsspiel nur eine Möglichkeit: Die Mannschaft weiter stark zu reden und durch möglichst zielorientierte Arbeit maximale Fortschritte zu erreichen. Um Ästhetik kann es dabei für das deutsche Team nicht gehen. Die Ästhetik des Turniers müssen andere Mannschaften prägen, die DFB-Elf kann nur versuchen, die spielerische Überlegenheit der Spitzenteams zu neutralisieren. "Mit einer perfekten Organisation, mit einer sehr guten taktischen Ausrichtung können wir Gegnern wie Brasilien ihre Stärke nehmen. Mit gutem Pressing permanent ihren Spielaufbau unterbinden und den Spielrhythmus stören", sagt Löw.
Welche Leistung das erfordert, klingt martialisch aus dem Mund des Südbadeners, der so gar nichts Kriegerisches an sich hat: "Abnutzungskämpfe" erwartet Löw, Verschleißschlachten des modernen Hochgeschwindigkeitsfußballs, wie man sie bei einer Weltmeisterschaft noch nicht gesehen hat. In denen man "ohne Brutalität im Verschieben und außerordentlicher Intensität in den Zweikämpfen keine Chance hat". Eine enorme physische Präsenz ist verlangt. Und die Hingabe, die Räume so eng zu machen, dass sie auch für Spitzenteams nicht effektiv bespielbar sind.
Das erfordert taktisch gut geschulte, gedankenschnelle, flinke Spieler. Eigenschaften, über die in der Summe nur der verletzte Philipp Lahm verfügt. Klinsmann und Löw sind gezwungen, ein Team aufzustellen, in dem jeder Spieler improvisieren muss, die Schwächen des anderen auszugleichen. Ob das reicht? "Man sieht", sagt ein nachdenklicher Löw, "mit welcher Laufbereitschaft, mit welchem Engagement und Tempo auf internationalem Niveau gespielt wird. Wenn wir das nicht bringen, haben wir keine Chance."