Teammanager Bierhoff: Animateur mit Diplom - DER SPIEGEL
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Teammanager Bierhoff Animateur mit Diplom

Für Oliver Bierhoff ist die Welt fast in Ordnung. Die Stimmung stimmt im Genfer Trainingslager, das Wetter auch, und die WM rückt immer näher. Nur kleinere Dinge muss der DFB-Teammanager noch regeln: den Konflikt mit Sportdirektor Sammer und die Rettung des deutschen Fußballs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kürzlich versuchte sich Oliver Bierhoff wieder als Animateur. Vor zwei Tagen hatte der Manager der Nationalmannschaft eine schöne Idee ausgeheckt, ein hoher Lernwert für die Nationalspieler inbegriffen. Bei einem Kurs im Mannschaftshotel konnten die Spieler Schweizer Edeluhren auseinander nehmen und wieder zusammensetzen. Einige Spieler kamen, andere waren nicht zu überreden. Lukas Podolski zum Beispiel sagte zum Thema Uhrmacherkurs lakonisch, dass er ein Handy habe.

Dabei könne man das Thema Uhrmacherkurs doch auch "weiterdrehen", sagt der DFB-Teammanager im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wenn es drauf ankommt, muss man die Ruhe bewahren, konzentriert sein und präzise arbeiten." Bierhoff mag solche Analogien, er hat den deutschen Kickern auch schon Extrembergsteiger präsentiert und Unternehmensberater. Nachgedacht hat er über Jan Ullrich, der irgendwann "eine Radaktion" mit den Nationalspielern machen könnte.

Fast zwei Jahre ist Bierhoff jetzt Teammanager der deutschen Nationalmannschaft. Der 38-Jährige ist in dieser Zeit auch so was wie der Kulturwart des DFB geworden, der immer wieder hofft, dass seine Spieler die Playstation mal gegen ein Buch eintauschen. Leider erreicht er mit seinem ganzheitlichen Betreuungsangebot nicht jeden. So wie Podolski. In solchen Momenten muss sich Bierhoff vorkommen wie ein Metzger, der Vegetariern Wurst verkaufen soll.

Es ist nicht leicht, Menschen zu ändern. Schwieriger ist nur noch, ein ganzes System zu reformieren und den deutschen Fußball zu retten. Denn das sieht der Mann mit der klaren Stellenbeschreibung ("Jürgen ist für das Sportliche zuständig, ich für den Rest") ganz offensichtlich als seine eigentliche Aufgabe.

Die Mission des früheren Stürmers begann schon früher als im Juli 2004, als ihn Klinsmann zum Teammanager berief. Drei Monate zuvor stand der Diplom-Betriebswirt (26 Semester an der Fernuni Hagen) in einem Vorlesungssaal der Berliner Humboldt-Universität und referierte darüber, was die Gesellschaft vom Sport lernen könne. "Der Klassenerhalt im weltweiten Wettbewerb kann nicht Deutschlands Anspruch sein. Die Frage ist: Wie kommen wir wieder in die Champions League", sagte Bierhoff damals und wurde dafür von den Studenten ausgebuht und mit bunten Plastikbällen beworfen. Er sprach über die Wirtschaft, aber er meinte auch den Fußball.

"Dem Jürgen den Rücken freihalten"

Im Mai 2006 ist der Rückstand auf die internationale Spitze nicht kleiner geworden, was zu der merkwürdigen Situation führt, dass der Manager des deutschen Teams gar nicht gut auf den deutschen Fußball zu sprechen ist. "Auswertungen haben ergeben, dass die Bundesliga anderen europäischen Ligen in punkto Schnelligkeit zehn bis fünfzehn Prozent hinterherhinkt", sagt Bierhoff und kritisiert, dass man sich "zurückgelehnt" habe in den vergangenen Jahren. Die Manager hätten es versäumt, Weltstars zu holen, von denen die deutschen Profis lernen könnten. "Es muss endlich ein Ruck durch die Bundesliga gehen", fordert er.

Er hat das öfter gesagt in den vergangenen zwei Jahren und ist abgeblitzt bei den Managern der Vereine. Es ist nicht leicht, den deutschen Fußball zu retten, wenn der nicht gerettet werden will. Einfluss nehmen kann er nur in der Zeit, in der die Bundesligaprofis Nationalspieler sind, vor Länderspielen also oder jetzt im Genfer Trainingslager. "Im Bereich Trainingsintensität und Qualität der Arbeit versuchen wir hier etwas zu tun, aber es sind eben nur wenige Tage", sagt er.

Im DFB haben die Worte Bierhoffs, der als Aktiver 70 Länderspiele (37 Tore) für den Verband absolvierte und Deutschland 1996 zum Europameistertitel schoss, ein anderes Gewicht. Für Theo Zwanziger war die jüngste Vertragsverlängerung mit Bierhoff (bis 2010) so wichtig, dass der DFB-Präsident schon von einem "bestellten Feld" sprach, obwohl die Zukunft des Bundestrainers immer noch ungeklärt ist.

Bierhoffs Position ist sogar äußerst komfortabel. Neben dem juvenilen Managertypen wirken die Granden des Verbandes wie Geronto-Funktionäre und Kritik an ihm wie das Opponieren von Betonköpfen. Zudem ist Bierhoffs Erfolg nicht an der Anzahl von geschossenen Toren oder gewonnenen Zweikämpfe messbar wie der von Klinsmann. Bierhoffs Erfolg ist ein gefühlter. Sind die Sponsoren zufrieden? Wie ist das Stimmungsbild der Nationalmannschaft in der Öffentlichkeit?

Selbst ein Misserfolg des Teams bei der WM würde wohl nicht auf Bierhoff abfärben; er umriss seine Stellenbeschreibung mal mit "dem Jürgen den Rücken freihalten". Sportliches kann man also nicht mit dem ehemaligen Stürmer des AC Mailand in Verbindung bringen, das steht schlicht nicht in dessen Vertrag.

Ein anderes Vertragsdetail sorgte zuletzt für Missstimmung. Sportdirektor Matthias Sammer (Vertrag bis 2011) reklamierte für sich ein Mitbestimmungsrecht bei der Suche nach einem Bundestrainer, sollte Klinsmann nach der WM gehen. Bierhoff entgegnet, in seinem Vertrag stehe, "dass ich den Kreis der Trainerkandidaten vorschlagen und auch die Gespräche führen muss". Er werde zwar nicht in einem Kämmerchen sitzen und allein entscheiden, "aber es ist mein Aufgabenbereich".

Nur ein kleiner Konflikt, aber er könnte sich noch auswachsen. Seit der Ablehnung seines Sportdirektor-Kandidaten Bernhard Peters (das DFB-Präsidium entschied sich für Sammer) ist auch das Verhältnis zwischen Bundestrainer und Sportdirektor angespannt. Der Zutritt zum WM-Mannschaftsquartier der Deutschen ist Sammer übrigens verwehrt.