Teil 2 Kosmopolit im Mutterland
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Die Zeit der "Flitterwochen", wie die Engländer liebevoll die Phase der gegenseitigen Annäherung nannten, ist vorbei. Inzwischen, weiß der "Daily Telegraph", hätten auch selbstzufriedene FA-Funktionäre erkannt, dass der neue Lehrer nicht "sofort den Alchimisten spielen" könne.
Eriksson ist weder der kreative Umstürzler noch der "Wandtafel-Technokrat", als den ihn die Medien vorstellten. Er gewährt Führungsspielern wie David Beckham und Paul Scholes auf dem Rasen Prokura und akzeptiert deren Sonderstatus. Von Kapitän Beckham ließ er sich nach seiner Einstiegspartie sogar ein Autogramm für seine 14-jährige Tochter geben.
Trägt Eriksson bald Melone?
So wird Eriksson, Sohn eines Lastwagenfahrers und einer Krankenschwester aus dem nahe der norwegischen Grenze gelegenen Dorf Torsby, auch in England seinem Ruf als anpassungsfähiger Weltbürger gerecht. Schon bald, spotten skandinavische Freunde, die über sein aristokratisches Outfit nach 13 Jahren Italien staunten, werde er Melone tragen. Die britische Teammanager-Attitüde hat er sich längst angeeignet: Der Chef lässt seine Adjutanten auf dem Trainingsplatz die Befehle erteilen, er selbst schaut einfach zu.
Eriksson gehört der Generation zweckdienlich austauschbarer Spitzentrainer an. Anders als originelle Tüftler wie in den achtziger Jahren Arrigo Sacchi speisen diese distinguierten Herren, die an Industriemanager erinnern, ihre Autorität weniger mit Ideen. Ihr Charisma liegt in ihrer Erfahrung begründet und in ihrem Ruf, immer irgendwie Erfolg zu haben. Wichtig ist, dass ihnen die umschwärmten Twens in kurzen Hosen nicht auf der Nase herumtanzen.
Rotation mit kaltem Lächeln
Vom englischen Verband wurde Eriksson verpflichtet, weil er den Umgang mit "Spielern, die viel Geld verdienen" gewohnt war, wie David Dein, Mitglied der Findungskommission, wissen ließ. Schon in seinem Buch "Über Fußball", das Eriksson gemeinsam mit dem norwegischen Psychologen Willi Railo verfasste, erwähnte er die "Notwendigkeit, Spieler mit negativem Einfluss auszusondern".
Wie Bayern Münchens Ottmar Hitzfeld konserviert er seinen Leumund als Respektsperson, indem er Nationalspieler kalt lächelnd aus seinen Ensembles heraus- und wieder hineinrotiert. Dem "Daily Telegraph" kam der Schwede vor wie das "Parademodell des modernen Generalobersten im Fußball". Man muss nur ein paar Mal im Laufe der Trainerkarriere ordentlich durchgegriffen haben.
So geschah es in der Serie A, wo sie Eriksson bis zum Gewinn des ersehnten Scudetto mit Lazio Rom lange "Italiens erfolgreichsten Verlierer" nannten. Er war den Kritikern "zu nett". Dann gab er Publikumsliebling Giuseppe Signori den Laufpass, und als sich der divenhafte Kroate Alen Boksic einmal vor Spielbeginn über ein zu enges Trikot beschwerte, orderte der Trainer ein Taxi. Das fuhr den Stürmer umgehend heim.
Dem Richter die Ehefrau ausgespannt
Das alles kann der passionierte Mandoline-Spieler mit immer gleicher Freundlichkeit erklären, jedem Satz folgt ein zahnweißes Lächeln. So muss es auch gewesen sein, als er in Rom den stadtbekannten Richter zum Essen einlud, um ihm zu eröffnen: Leider habe er ihm die Ehefrau ausgespannt.
Fortan dominierte die glamouröse Anwältin Nancy Dell'Olio in Italien die Klatschspalten. Mittlerweile weiß auch Englands Boulevard, warum Erikssons italienisch-amerikanische Freundin vor jedem Spiel ein Glas Champagner braucht: "Es beruhigt mich."
"Ich muss meine Familie verteidigen"
In der neuen Wahlheimat, vertraute der Besitzer von Häusern in Schweden, Portugal, Italien und am Londoner Regent's Park Landsleuten an, werde ihm aber zu viel im Privatleben recherchiert. So hätten die Reporter schon seine Mutter, seine Ex-Frau, den in Amerika studierenden Sohn, die bei der Mutter in Florenz lebende Tochter, die Ex-Schwiegermutter und den früheren Mathematiklehrer kontaktiert. "Ich muss meine Familie verteidigen."
Für irgendwelche Attacken bietet deren Oberhaupt aber mangels deutlicher Worte oder Konturen kaum Angriffsflächen. Inzwischen haben die Kritiker sich daran gewöhnt, dass ein Skandinavier den Trainerstuhl Sir Alf Ramseys besetzt, Englands einzigem Teammanager, der einen Titel gewann. Wenn die Premier League Impulse von Vereinstrainern aus Frankreich und Italien erhält, kommt es auf einen Ausländer mehr oder weniger auch nicht an.
Unnachahmlich unverbindlich
Und wird nicht das Rugby-Team von einem Neuseeländer angewiesen, das Kricket-Team von einem Coach aus Simbabwe? Und wenn British Airways von einem Australier geleitet werden kann, warum dann nicht die Nationalelf von einem Schweden? "Ich kann Recht haben oder Unrecht", sagt Sven-Göran Eriksson in seiner unnachahmlich unverbindlichen Art, "nur die Zukunft kann das zeigen."
Manchmal wünschte sich die Öffentlichkeit einen etwas konkreteren Standpunkt. Und so wurde dem Trainer vor dem Duell mit dem Erzrivalen Deutschland die obligatorische Frage gestellt: Das Wembley-Tor von 1966, durch das England mit Sir Alf die WM gewann, war es korrekt?
"Muss ich dazu eine Meinung haben?", fragte Eriksson erschrocken zurück. Erwartungsgemäß hatte er keine.