Thuner Höhenflug Provinzclub mit Perspektive
Am Abend des großen Triumphes lagen Freud und Leid nahe beieinander. Im ausverkauften Stade de Suisse zu Bern blieben bei der Partie FC Thun gegen Malmö FF viele Sitze leer. Ticket-Inhaber mussten aufgrund des Hochwassers in der Region Bern von einem Besuch absehen. Auch die Mannschaft war in der Vorbereitung auf das letzte Qualifikationsspiel zur Champions League durch die Flut empfindlich gestört worden. Das heimische Lachen-Stadion stand unter Wasser, die Spieler konnten ihr Hotel nur mit Hilfe von Militärfahrzeugen verlassen.
Vielleicht waren es gerade die betrüblichen Umstände, die dafür sorgten, dass unter den Spielern keine Nervosität aufkam. Auf dem Platz erweckte der FC Thun jedenfalls nie den Anschein, als ob er das Spiel gegen den schwedischen Meister verlieren könnte. Die Thuner machten das, was die Fans zuvor auf einem Transparent gefordert hatten: "Z'Unmüglächä mügläch" - das Unmögliche möglich machen. 66 Minuten waren gespielt, als Thuns Stürmer Mauro Lustrinelli mit einem Kunstschuss aus 35 Metern das 3:0 erzielte. Der kleine FC Thun war angekommen - in der Champions League.
Der Thuner Aufstieg in die europäische Königsklasse mutet surreal an. Ein beschaulicher Club aus der elftgrößten Stadt der Schweiz, Jahresbudget 5,1 Millionen Franken, schaltet Dynamo Kiew und Malmö aus und spielt sich in den Kreis der 32 besten Mannschaften Europas. Doch wie konnte dieser Verein, der vor nicht so langer Zeit noch gegen Bümpliz und Le Locle buffte, für eine der größten Sensationen des europäischen Clubfußballs sorgen?
Ein wichtiger Faktor des Thuner Erfolgs ist die Kontinuität. In vielen Vereinen beginnt der Abschied des Trainers in jenem Moment, in dem er ankommt. Nicht so in Thun. Lediglich vier Coaches waren in den vergangenen zehn Jahren im Berner Oberland tätig, als der Verein aus der dritthöchsten Spielklasse an die Schweizer Spitze vorstieß. Der ehemalige Dortmunder Andy Egli führte den Club 1997 nach 27 Jahren zurück in die Nationalliga B. Mit dem Ex-Internationalen Georges Bregy gelangte der Verein an die Schwelle zur Nationalliga A. Und unter der Ägide Hanspeter Latours stieß Thun 2002 die Tür zur Beletage des Schweizer Fußballs auf.
Der gebürtige Thuner war der richtige Mann am rechten Platz. Latour, ein fordernder Coach mit einem Flair für schlichte Symbolik, übertrug nicht nur seine Leidenschaft auf die Spieler, sondern lehrte diese auch, für den Erfolg zu leben. "Wir können vielleicht nicht so gut Fußball spielen wie Real Madrid, aber mindestens so hart trainieren", sagte Latour. Dessen Philosophie zeigte überraschenden Erfolg: Die erste Saison in der A-Liga beendete Thun als Siebter. Dank seines Beziehungsnetzes, das er als Assistent bei Grasshopper Zürich und dem FC Basel geknüpft hatte, verstärkte Latour das Team gezielt mit Spielern, die bei den Großclubs aussortiert wurden, wie dem jetzigen Kapitän Andres Gerber.
Nationale Berühmtheit erlangte Latour mit seinen Schimpftiraden in burschikosem Berndeutsch ("Das isch ä Gränni (eine Heulsuse; die Red.), das isch nid normau"). Um die Person Latour entstand ein medialer Hype. Selten bestand eine Schweizer Mannschaft in der öffentlichen Wahrnehmung so sehr aus ihrem Trainer wie der FC Thun.
Auch die Stadtregierung erkannte, wie stark Verein und Region von der Popularität des zum "Kulttrainer" erhobenen Sympathieträgers profitierten. Als Latour Ende 2004 vor einem Wechsel zum kriselnden Nobelclub Grasshoppers stand, setzte sie einen Brief auf und bat ihn, nicht zu gehen. Latour ließ sich nicht umstimmen. Den Fans blieb wie oft nach einer leidenschaftlichen Beziehung nur die Ernüchterung. War das der Endpunkt eines langen Aufstiegs?
Er war es nicht - und dies, obschon der Club bei der Trainernachfolge das Risiko nicht scheute. Mit Urs "Longo" Schönenberger holte Thuns Sportchef Werner Gerber einen streitbaren Coach, der zuvor nur unterklassige Vereine trainiert hatte. Schönenberger, als Spieler ein Verfechter der groben Verteidigungskunst, war in Winterthur, Kriens und Luzern entlassen worden. Nicht, weil er keine Erfolge vorzuweisen hatte: Er hatte mit seiner zuweilen selbstherrlichen Art angeeckt.
"Es kann nicht sein, dass der Trainer und sein Assistent 100- oder 200-prozentiges Engagement vorleben und die Spieler nur mit 70 oder 80 Prozent Einsatz zur Sache gehen", sagte Schönenberger. In Thun übernahm er von seinem Vorgänger eine intakte Mannschaft auf Rang fünf. Zum allgemeinen Erstaunen ging alles noch erfolgreicher weiter. Thun legte eine Siegesserie hin und beendete die Saison 2004/2005 hinter Basel auf dem zweiten Platz.
Doch Schönenberger, mit einem unschweizerisch großen Selbstbewusstsein gesegnet, wäre nicht Schönenberger, wenn er sich mit dem bisher Erreichten zufrieden gäbe. "Wir wollen mehr, als einfach nur dabei zu sein. Der dritte Gruppenplatz ist unser Ziel. Arsenal spielt in einer anderen Stärkeklasse, aber Ajax ist nicht mehr das große Ajax und Sparta Prag liegt in unserer Reichweite." Die Tschechen besiegte Thun Ende September mit 1:0, am Dienstag gastiert der FC in Amsterdam.
Um auf europäischem Spitzenniveau zu bestehen, hat der Club vorsichtig investiert: Er ergänzte seinen dünnen Kader für die CL-Gruppenspiele mit dem Brasilianer Adriano Spadoto, dem ehemaligen Basler Grégory Duruz und dem Hibernians-Reservisten Alen Orman. Bekanntere Spieler wie Mario Jardel, Paulo Rink oder Reto Ziegler waren im Gespräch, allerdings will Thun finanziell seiner Linie treu bleiben. Das Beispiel des norwegischen Kleinklubs Molde, der nach der CL-Qualifikation 1999 die Bodenhaftung verlor und heute mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat, dient Präsident Kurt Weder als abschreckendes Beispiel.
Der Doktor der Ökonomie führt den FC Thun streng nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, in dieser Branche kein leichtes Unterfangen. Besonders in der Schweiz, wo mit dem Fußball nur in Ausnahmefällen Geld zu verdienen ist: Lediglich 6,6 Millionen Franken - und damit nicht viel mehr, als jedem deutschen Zweitligisten zusteht -, generiert die Swiss Football League jährlich an Fernsehgeldern. Die einzelnen Clubs sehen davon nur einen Bruchteil. Fehlen dann noch großzügige Mäzene wie in Basel oder Zürich, laufen die Finanzen schnell aus dem Ruder.
Um so mehr Respekt verdienen die Verantwortlichen des FC Thun. Sie haben es verstanden, mit bescheidenen Möglichkeiten einen modernen Fußballclub zu etablieren, und das, obwohl nach jeder Saison wichtige Spieler den Verein verlassen, weil anderswo mehr zu verdienen ist. "Wir brechen seit drei Jahren erfolgreich auseinander", sagt Weder. Die Einnahmen aus der Champions League sollen dem Verein nun helfen, den einen oder anderen Leistungsträger zu halten und sich mittelfristig einen Platz in der höchsten Schweizer Spielklasse zu sichern.
Nachhaltigen Aufwind verspricht sich die Clubführung durch den Stadionneubau Thun Süd, über den im kommenden Februar abgestimmt wird. "Von der Stadionfrage hängt die Zukunft des Vereins ab", betont Trainer Schönenberger. Derzeit bestreitet der FC Thun seine Heimspiele im baufälligen Lachen-Stadion, einem Ort, der in Zeiten moderner Event-Arenen wie ein Anachronismus anmutet. Zwar ist allein die Aussicht auf die majestätischen Berner Alpen das Eintrittsgeld wert, überdacht sind aber nur die 774 Sitzplätze im weiten Betonstufen-Rund. "Wenn es regnet, kommen gleich 2000 Zuschauer weniger", weiß Michael Pulfer, Präsident des Thuner Fanprojekts. Insgesamt 10.350 Besucher fasst das Lachenstadion.
Wettereinfluss hin oder her: Die Entwicklung im Zuschauerbereich hat mit der sportlichen nur bedingt Schritt gehalten. Im Schnitt 5258 Zuschauer besuchten während der vorigen Saison die Heimspiele, auswärts begleiten selten mehr als 200 Fans den Verein. "Eine Fanbewegung ist in Thun erst in den vergangenen Jahren entstanden", begründet Pulfer. Zu lange stand der Club im Schatten des Berner Kantonsrivalen Young Boys und der beiden Eishockeyvereine SC Bern und SCL Tigers. Die ersten Clubschals gab es erst in der Aufstiegssaison 2001/02 zu kaufen. Dafür wachse nun eine neue Fangeneration heran, im Stadion und außerhalb. "Kürzlich habe ich gesehen, wie zwei Kinder mit Ölkreide 'Hopp Thun' auf den Asphalt geschrieben haben. Früher sah man das hier nicht." Der FC Thun ist angekommen - auch in Thun selbst.