DFB-Debütant Werner: Das muss kesseln!
DFB-Debütant Timo Werner Im Karriere-Vollsprint
Es ist sicher keine üble Nachrede, wenn man dem Bundestrainer eine gewisse Affinität zum VfB Stuttgart nachsagt. Joachim Löw kommt schließlich unüberhörbar aus Baden-Württemberg, er war Spieler beim VfB, er war später dessen Trainer. Seine beiden Assistenten, Thomas Schneider und Marcus Sorg, stammen aus der VfB-Entourage. Beim jetzigen Zweitligisten VfB Stuttgart schaut der DFB-Trainerstab seit Jahren ganz genau hin, möglicherweise auch etwas genauer als bei anderen.
Der "Kicker" hat letztens ebenfalls mal genauer hingesehen und festgestellt, dass knapp ein Drittel des DFB-Kaders für das Spiel gegen England am Abend (20.45 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) beim VfB ausgebildet wurde. Sieben von 24: Bernd Leno, Sebastian Rudy, Antonio Rüdiger, Joshua Kimmich, Mario Gomez, Sami Khedira - und Timo Werner.
Der 21 Jahre alte Jetzt-Leipziger hat in dieser Saison irgendwelche Begünstigungen durch den DFB jedenfalls nicht nötig gehabt, um den Sprung ins Aufgebot der Nationalmannschaft zu schaffen. Seine Berufung in die Nationalelf war nur eine Frage der Zeit. 14 Mal hat er in der Bundesliga bisher für RB getroffen, so viele Tore sind keinem anderen deutschen Profi in dieser Spielzeit gelungen. Werner steht für den Hochgeschwindigkeitsfußball, den Ralph Hasenhüttl in Leipzig spielen lässt, der Vereinstrainer nennt ihn "im Sturm die beste Aktie im deutschen Fußball". Möglicherweise müssen sie bei RB Leipzig so reden.
Er besetzt eine Marktlücke
Tatsächlich sprintet Werner in eine Marktlücke in der Nationalmannschaft. Schnelle, torgefährliche Stürmer in der Angriffszentrale sind eine Preziose, sie sind selten geworden, nachdem auf die Position des Mittelstürmers jahrelang Nachrufe geschrieben wurden. Die flexible Offensivkraft, die mal links, mal rechts, mal in der Mitte, mal zurückhängend spielt, war gefragter - bis man beim DFB spätestens bei der EM im Vorjahr bemerkte, dass andere Nationen längst wieder Topstürmer entwickelt hatten. Die deutschen Offensivspieler erspielten sich zwar Torchance auf Torchance, aber derjenige, der sie dann auch verwertete - wie einst Miroslav Klose -, war nicht mehr da. Das war die Zeit, in der man plötzlich einen Mario Gomez wieder zu schätzen lernte.
DFB-Debütant Werner: Das muss kesseln!
Werner wäre so einer, der hier künftig und nachhaltig aushelfen könnte, er vereint Tempo, Wendigkeit und Torgefahr, damit hat er Gomez noch etwas voraus. Der Wolfsburger fällt gegen England ohnehin angeschlagen aus, der junge Leipziger könnte also seine Chance bekommen, möglicherweise gar schon in der Startformation. Er sollte allerdings nicht damit rechnen, dass er vom Dortmunder Publikum bejubelt wird, es könnten BVB-Anhänger unter den Zuschauern sein. Und die haben ihren Frieden mit RB Leipzig noch nicht gemacht.
Timo Werner steht auch für das Modell Leipzig: junge Talente für viel Geld zu verpflichten. Für Werner soll RB immerhin zehn Millionen Euro hingeblättert haben. Für den VfB war er nach dem Abstieg ohnehin nicht mehr zu halten, Werner hatte da längst größte Erwartungen geweckt, er hat mehr oder wenige alle DFB-Nachwuchsteams durchlaufen, er hat die renommierte Fritz-Walter-Medaille für den talentiertesten deutschen Spieler gleich zwei Mal erhalten, einmal in Gold, einmal in Silber. Er stand schon mit 17 Jahren und 148 Tagen in der Bundesliga auf dem Feld. Vier Jahre später also die Nationalmannschaft. Und der Bundestrainer spricht von "Potenzial zur Weltklasse".
Schon die negativen Seiten kennengelernt
Das klingt nach einer bruchlosen Stromlinienkarriere, aber Werner hat auch schon "die negative Seite des Profifußballs erlebt", wie er es nennt. Beim VfB wurde er vom Trainer Alexander Zorniger öffentlich gerüffelt, fast lächerlich gemacht. Nachdem Werner im Spiel gegen Hoffenheim eine Großchance vertan hatte, ätzte der damalige Coach: "Werner war wohl noch mit Küsschen beschäftigt." Er spielte damit auf einen überschwänglichen Torjubel an. Zuvor hatte er schon geschimpft, er sei "nicht Werners Kindermädchen". Der Spieler hatte daraufhin sein Image als vermeintlich verweichlichter Schönwetter-Profi weg.
In Leipzig hat Werner seinen eigenen Beitrag dazu geleistet, dass ihm nicht überall in Deutschland die Herzen zufliegen. Auf Schalke leistete er sich schon nach wenigen Spielminuten eine spektakuläre Schwalbe, es gab Elfmeter für Leipzig. Anschließend versuchten Spieler und Verantwortliche sich in kreativen Ausreden, warum Werner in dieser Situation zu Fall kam. Danach wurde jeder Fall des Stürmers kritisch beäugt. Werner sagt zwar, er habe mittlerweile "mehrfach gesagt, dass ich einen Fehler begangen habe", aber besonders lautstark war dies nicht zu vernehmen.
Der 21-Jährige polarisiert, das ist umso ungewöhnlicher, als er als Musterprofi gilt, als einer ohne Ecke und Kante, in vielen Texten über Werner findet sich das Wort "glatt". RB-Mastermind Ralf Rangnick sagt, es sei bewundernswert, wie Werner die Kritik an ihm weggesteckt habe, sein Vereinscoach Hasenhüttl sagt: "Timo kriegt in fremden Stadien viel von außen ab, aber er wehrt sich und versucht, sportlich zu glänzen. Ich sehe wenige Stürmer in Deutschland, die das so können."
Vielleicht gehören solche Erfahrungen dazu, um ein großer Spieler zu werden. Er ist gerade einmal 21 Jahre jung. Dafür ist Timo Werner schon sehr weit gekommen.