Torhüter-Rotation: Klinsmanns Wankelmotor - DER SPIEGEL
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Torhüter-Rotation Klinsmanns Wankelmotor

Wenn Jürgen Klinsmann eines hasst, ist es Lethargie. Darum setzt der Bundestrainer auf permanente Veränderungen - vor allem im Tor. Die Keeper, heute Abend gegen Argentinien hütet Timo Hildebrand ein, sollen sich nicht zu sicher fühlen. Das Rotationsprinzip birgt jedoch Risiken.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nürnberg - "Am Anfang schüttelt man sich - was ist denn hier los? Dann muss man sich von seinem Ego, von seinen Eitelkeiten, wenn sie denn vorhanden sind, frei machen und diesen Kampf annehmen", offenbarte Kahn jüngst der "Süddeutschen Zeitung". Später spüre man jedoch, dass der Wechsel im Tor des Nationalteams "auch positive Aspekte" habe, so der 36-Jährige. "Es bringt einen nämlich weiter, als man zu sein glaubte, macht einen noch einen Tick stärker. Sportlich und menschlich. Ich habe daraus sogar Motivation und Spaß gezogen. Das kitzelt einen ja auch", verriet Kahn.

Dass er bei der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr die Nummer eins sein wird, steht für den Bayern-Torwart außer Frage. "Ich habe mit der Nationalmannschaft meine Leistung gebracht. Und ich habe, egal ob Welt- oder Europameisterschaft, immer gezeigt, dass ich fähig bin, mich total auf so ein Turnier hin zu konzentrieren." Er habe eigentlich alles in seiner Karriere erreicht. "Ich habe nur noch eine kleine Rechnung offen", sagt Kahn, "und die möchte ich 2006 begleichen. Dafür werde ich alles tun."

Statistisch gesehen ist freilich Jens Lehmann der beste Keeper des DFB-Teams in der Klinsmann-Ära. Bei seinen sechs Einsätzen kann der Torwart des englischen Vizemeisters FC Arsenal fünf Siege und ein Unentschieden vorweisen. Für Kahn vom FC Bayern München stehen vier Siege, zwei Remis und eine Niederlage zu Buche. Lehmann kassierte in den 495 Minuten, die er im Tor stand, drei Gegentore. Im Schnitt musste der 35-Jährige alle 165 Minuten hinter sich greifen. Bei Kahn waren es durchschnittlich 58,5 Minuten, bis er einen Treffer kassierte. Insgesamt wurde er in 585 Minuten zehnmal überwunden.

Dennoch hat Kahn bei Klinsmann die besseren Karten, heute Abend in Nürnberg gegen Argentinien (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) muss Lehmann sogar Timo Hildebrand weichen. "Er ist auf einem sehr, sehr guten Weg und darf dies als Belohnung sehen", sagte Bundestorwarttrainer Andreas Köpke vor dem letzten Gruppenspiel des Konföderationen-Cups über den 26 Jahre alten Stuttgarter. Lehmann wird wieder im Halbfinale dabei sein, für das Deutschland und Argentinien bereits qualifiziert sind. Kahn, der zuletzt gegen Russland (2:2) und Australien (4:3) nicht überzeugen konnte, bestreitet das Endspiel oder die Partie um Platz drei.

Köpke selbst räumt ein, dass er die Entscheidung, den dritten Schlussmann heute im Prestige-Duell mit dem zweimaligen Weltmeister Argentinien aufzustellen, während seiner Zeit als Stammtorwart der Nationalmannschaft nur widerwillig hingenommen hätte. "Aber auch ich hätte es schlucken müssen", sagte Köpke gestern Abend in der Sendung "Blickpunkt Sport" des Bayerischen Fernsehens. "Für die Torhüter ist es sicher sehr schwer, aber es führt kein Weg daran vorbei. Das ist kein Wunschkonzert", sagte Köpke.

Er bescheinigte den großen Rivalen, dass sie die schwierige Situation im öffentlichen Auftreten gut meistern würden. "Dass Kahn und Lehmann kein Doppelzimmer mehr belegen werden, ist klar. Aber sie haben sich arrangiert mit der Situation", betonte Köpke, "wir haben eine gute Basis gefunden, um zu arbeiten." In der Tat war die Atmosphäre zwischen Kahn und Lehmann einst vergiftet. Die beiden Kontrahenten ließen keine Gelegenheit aus, sich gegenseitig öffentlich anzufeinden.

Kahn gibt sich unschuldig, er habe nichts zum sogenannten Torwartkrieg im Nationalteam beigetragen. "Ich habe nie Abfälligkeiten oder Respektlosigkeiten geäußert, sondern immer nur sportlich reagiert", sagte der Münchner. Lehmann erinnert sich anders. Der 35-Jährige, der vor knapp drei Wochen beim Eröffnungsspiel der Allianz Arena von den Bayern-Fans ausgepfiffen worden war, glaubt sogar an eine Verschwörung der Bayern.

Dem "Kölner Stadt-Anzeiger" sagte Lehmann unlängst, dass aus München gegen ihn gearbeitet worden sei, seit er Ambitionen auf den Stammplatz im Tor der DFB-Auswahl habe. "Da kam die Maschinerie von Bayern München in Gang, als die Lobbyisten, die Meinungsmacher dort gekommen sind und gesagt haben: Moment, Lehmann, dich wollen wir hier mal gar nicht haben."

Forderungen nach einer zeitigen Festlegung auf eine Nummer eins bei der WM 2006 im eigenen Land weist Köpke aber zurück. "Das Thema wäre auch dann nicht durch, wenn wir uns für einen entscheiden. Denn hat der eine Schwächeperiode oder macht nur einen Fehler, würde alles wieder auf den Tisch kommen", sagte der 43-Jährige. Bis zur WM müsse sich jeder der deutschen Torhüter noch in rund 60 Spielen in Verein und DFB-Team beweisen.

"Wir dürfen aber den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen und müssen die Sache mit Fingerspitzengefühl angehen", betonte Köpke. Der Torwartcoach räumte allerdings ein, dass Klinsmann, Assistent Joachim Löw und er gegenwärtig bei dieser Frage selbst im Dunkeln tappen. Dass aus dem Duell sogar noch ein Dreikampf werden könnte, hält zumindest Hildebrand für nicht ausgeschlossen. "Es ist vielleicht ein Schritt dahin. Bis zur WM ist es immerhin noch ein Jahr", so der Keeper, der heute sein drittes Länderspiel bestreiten wird. Kahn kündigt schon einmal an, sich nicht ohne Gegenwehr verdrängen lassen zu wollen: "Da gibt es nur: Du oder ich. Bei uns heißt das Mann gegen Mann. Entsprechend hart kann so eine Auseinandersetzung geführt werden."


Deutschland - Argentinien heute, 20.45 Uhr, in Nürnberg
(die voraussichtlichen Mannschaftsaufstellungen)
Argentinien: Leo Franco/Atletico Madrid (28/2) - Zanetti/Inter Mailand (31/98), Milito/Real Saragossa (24/11), Samuel/Real Madrid (29/47), Placente/Bayer Leverkusen (28/21) - Cambiasso/Inter Mailand (24/15), Sorin/FC Villarreal (27/61) - Santana/US Palermo (23/3), Riquelme/FC Villarreal (26/21) oder Aimar/FC Valencia (25/34) - Delgado/CD Cruz Azul (23/16) oder Saviola/AS Monaco (23/27), Figueroa/FC Villarreal (24/12)
Deutschland: Hildebrand/VfB Stuttgart (26/2) - Hinkel/VfB Stuttgart (23/13), Mertesacker/Hannover 96 (20/9), Huth/FC Chelsea (20/8), Hitzlsperger/Aston Villa (23/8) - Schneider/Bayer Leverkusen (31/50), Frings/Bayern München (28/41), Ballack/Bayern München (28/54), Ernst/Werder Bremen (26/16) - Kuranyi/VfB Stuttgart (23/25), Asamoah/Schalke 04 (26/30)
Schiedsrichter: Michel (Slowakei)