Torwartlegende Chilavert Zusammenstoß mit einem Engel
Es war der bis dahin kälteste Tag des Jahres, dieser Dienstag des 8. Juni 1993. Minus zwei Grad Celsius in Buenos Aires. Zudem hatte ein Unwetter in der Hauptstadtregion verheerende Schäden angerichtet. Fünfzig Kilometer weiter südlich, in La Plata, muss Tabellenführer Vélez Sarsfield am vorletzten Spieltag bei Estudiantes antreten. Den Samstag zuvor hatte das Team von Trainer Carlos Bianchi eine Heimschlappe gegen "Rosenkranz" Central kassiert. Die Verfolger Independiente und River Plate im Nacken, musste Vélez punkten. Es schüttete in Strömen, auf den Holztribünen dampften die Körperknäuel.
Zur Pause steht es 0:0. Dann gibt es in der zweiten Hälfte Elfmeter für die "Velezanos". Bianchi läuft hektisch am Seitenrand herum, reißt die rechte Hand hoch - und knickt vier Finger ein. Die Eins soll den Strafstoß ausführen. Koloss Chilavert, "Bulldog" wird er später in Argentinien genannt werden, hat verstanden. Locker erledigt der Keeper den Lauf zum anderen Tor. Dann starrt er grimmig auf den Ball. Estudiantes-Torwart Yorno interessiert ihn nicht. Chilavert läuft an - und trifft. Das Spiel endet 1:1, das reicht Vélez angesichts der Ergebnisse der Konkurrenz zum Titelgewinn. Seit 1968 war das Team aus Liniers erstmals wieder argentinischer Meister. Chilavert hatte sein erstes Tor auf Gaucho-Boden erzielt - das Meistertor.
José Luis Félix Chilavert González wurde am 27. Juli 1965 in Ñu Guazú geboren. 1981 debütierte er bei Sportivo Luqueño in der ersten Liga. 1983 wurde der frühere Mittelstürmer mit dem Club paraguayischer Vizemeister; mit Guaraní holte er den Titel. Wenig später wechselt er zu San Lorenzo de Almagro nach Buenos Aires. Mit einem seiner Trainer dort, dem Serben Bora Milutinovic, übt er manisch Freistöße - bis zu 120 Schüsse täglich.
1988 platzt ein Wechsel zu River Plate (damals trainiert von César Luis Menotti). Chilavert landet beim spanischen Verein Real Saragossa. 1989, in seinem ersten Länderspiel (WM-Qualifikation gegen Kolumbien) für die paraguayische Nationalmannschaft, genannt "Albirroja", verwandelt er kurz vor Abpfiff einen Elfmeter zum Sieg - sein Gegenüber war kein Geringerer als René Higuita. Der nächste Volltreffer, diesmal in Spanien, sorgt für noch mehr Wirbel. Chilavert hatte zur Absicherung einen Feldspieler in den eigenen Kasten gestellt. Der Keeper traf vom Punkt. Doch während Chilavert noch ekstatisch mit dem Publikum feierte, schlug es in seinem Tor ein. Chilaverts Teilzeit-Subcomandante hatte die Instruktionen nicht befolgt und war geflissentlich nach vorne gehetzt - um den Boss zu beglückwünschen.
Ende 1991 wechselte Chilavert, der in Saragossa nicht zurecht kam, zum Club Atlético Vélez Sarsfield im Speckgürtel von Buenos Aires. Die Zeit von 1993 bis 1998 gilt dort heute als "Goldenes Jahrfünft" - Vélez war damals das beste Vereinsteam der Welt, Chilavert der Leitwolf. Unsterblich machte er sich am 22. März 1996 in einem Duell mit River Plate. Während einer Spielunterbrechung stand der gegnerische Torsteher zu weit vor seinem Gehäuse, diskutierte wegen einer strittigen Szene. Das war sehr unaufmerksam. Auf der anderen Seite, hinter der Mittellinie, hatte Chilavert die Situation blitzschnell begriffen und den Ball getreten.
"Ich rief dem Schiedsrichter zu, sich zu ducken. Der Rest war ein Kinderspiel. Erst sah es so aus, als ob der Ball weit über das Tor gehen würde, aber dann fiel er wie ein Stein senkrecht nach unten und schlug hinter dem Keeper ein", erinnerte sich Chilavert. Vélez gewann das Spiel 3:2, sicherte sich anschließend auch den Titel. Am meisten interessierte die Journalisten das Geheimnis des Kunstschützen: Wie konnte er den Ball derart geschickt schießen? "Da war dieser Zusammenstoß mit einem Engel", bemerkte Chilavert.
Nachdem der Tormann-Libero bei der WM 1998 in Frankreich zum besten Keeper des Turniers gewählt wurde, verlief auch Chilaverts zweites Vereinsgastspiel auf dem Alten Kontinent wenig erfreulich. Zwar konnte der dreimalige Welttorhüter (1995, 1997 und 1998) mit Racing Straßburg 2002 den französischen Pokal gewinnen - Chilavert hielt im Elfmeterschießen einen Schuss und setzte den entscheidenden Treffer -, aus der ersten Liga stieg der Club indes ab. Nach der WM kündigte Strassburgs Vereinspräsident dem übergewichtigen Chilavert wegen "Lustlosigkeit". Der warf dem Racing-Boss vor, ihm eine Prämie von 2,4 Millionen Euro schuldig zu sein. Der Verein verklagte Chilavert wegen Dokumentenfälschung. Ein französisches Gericht verurteilte ihn im Juli 2004 zu sechs Monaten auf Bewährung.
Ende 2003 kündigte der Tormann, der mit dem ehemaligen Weltklasseverein Peñarol Montevideo gerade uruguayischer Meister geworden war, nach 24 Jahren das Ende seiner aktiven Laufbahn an - stellte sich jedoch Anfang 2004 noch einmal für eine letzte Copa Libertadores (die Champions League Südamerikas) zwischen die Pfosten Vélez Sarsfields. "Wenn der Ball in voller Geschwindigkeit angeflogen kommt, ich die Hand hebe, um ihn abzuwehren, und er mich bereits passiert hat, dann weiß ich, dass meine Reflexe nichts mehr taugen. Das ist exakt der Augenblick, um abzutreten", hatte Chilavert einst bemerkt. Vélez schied aus, Chilavert hielt Wort, dankte ab.
Seither widmet sich Chilavert seinen Geschäften. In Japan hat er eine eigene Yerba Mate-Marke ("Abare Chilavert") mit Exklusiv-Vertrag lanciert; er verkauft Rotwein unter seinem Namen, betreibt eine Filiale der Restaurantkette "Locos por el Fútbol" ("Fußball-Verrückte") sowie eine Augenklinik in Asunción. Zudem ist der in Buenos Aires lebende Chilavert im Immobilienbusiness tätig. In Paraguay hat er eine Stifung gegründet, um Kindern mit missgebildeten Lippen zu helfen. "Druck haben nur die Armen, die nichts zu essen haben. Im Fußball gibt es keinen Druck. Man sollte nicht sinnlos dramatisieren", war stets sein Credo.
Zuletzt outete sich der frühere Torwart als Anhänger George Bushs; Chilavert sprach sich für die Stationierung von US-Truppen in seinem Land aus. Und, will "Chila" noch immer Praesident Paraguays werden? "Das Gerücht haben doch Journalisten in die Welt gesetzt. Das wurde damals völlig aus dem Kontext gerissen. Mein Ziel ist das jedenfalls nicht. Um Politiker zu sein, muss man korrupt sein."