Torwartlegende Der Kahnsinn
Als er anfing beim FC Bayern, konnte ihn kaum einer leiden, in der Bundesliga nicht, aber auch bei den Münchnern war er alles andere als beliebt. Der Verein war über Jahrzehnte von einer anderen Torwartfigur geprägt worden: Sepp Maier, Kauz und Komiker, ein Mann, der kein schlechtes Gewissen hatte, wenn er noch eine halbe Stunde vor dem Spiel eine Wurstsemmel aus dem Stadionimbiss verschlang.
Was dagegen wollte diese blonde Kampfmaschine mit der Ausdruckskraft einer Betonmauer? Was wollte dieses roboterähnliche Wesen, das aussah, als habe es sich aus dem Set von Rocky IV auf die Giesinger Höhen verlaufen? Was wollte Ivan Drago beim FC Bayern?
Die Antwort war klar: siegen und viel Geld verdienen. Aber hatte er auch das Zeug dazu? "Er war steif und unbeweglich wie ein Elefant in der Steppe", sagte Sepp Maier, der Kahn 1993 kennen gelernt hatte, als jener Torhüter Nummer drei zur Nationalmannschaft gestoßen war. Es gab nicht viele Fußballkenner, die nach Kahns erster Saison beim Rekordmeister auch nur fünf Mark darauf gewettet hätten, dass er auch noch eine zweite spielt.
Jetzt geht er nach der 13. Spielzeit, nach 557 Partien, mit mehr Trophäen als Werder Bremen, VfB Stuttgart und Schalke 04 zusammen in ihrer Vereinsgeschichte erspielt haben. Klar, mögen muss man Kahn noch immer nicht, aber respektieren sollte man seine Leistung.
Denn Kahn ist der erste, der zugeben würde, dass seine Karriere mit Talent wenig zu tun hatte. Talent ist bis heute ein Wort, das er nicht mag, was daran liegt, dass die Talente früher stets andere waren, nicht er. Schon in Karlsruhe hieß es, du, da kommt jetzt einer aus Freiburg oder aus Stuttgart, der ist besser als du. "Ich hörte immer, das Talent ist super, ganz toll", erzählte mir Kahn einmal an einem Freitag im Limmerhof, einem Hotel vor München, wo die Mannschaft früher vor Heimspielen kaserniert wurde. "Und am Anfang war das Talent auch ganz toll. Aber dann habe ich angefangen, noch härter zu trainieren. Und irgendwann dachte ich, wo sind eigentlich diese ganzen Talente geblieben?"
Kahn war nicht der geborene Gewinner, aber er lernte früh im Leben, dass er ein Gewinner werden könnte, wenn er das tat, was andere in ihrer Jugend für gewöhnlich ablehnen: hart zu arbeiten. Er begann, sich auf Erfolg zu programmieren, und dazu gehörte, dass er sich nur mit denen identifizierte, die siegen, immer.
Konsequenterweise wählte er nicht den allseits beliebten Loser Donald Duck zu seinem ersten Idol, sondern den Unsympathen Dagobert, den reichsten Mann von Entenhausen. Als Sechsjähriger besorgte er sich auf dem Flohmarkt einen braunen Spazierstock, der jenem des Milliardärs ähnlich sah, die Mutter bat er, die Badewanne mit Geld zu füllen. Eigentlich ein Fall für den Kinderpsychiater, ganz klar, oder eben einer fürs Tor, ein Ort, wo schon öfter Leute ihre Bestimmung gefunden haben, die eigentlich ein wenig verrückt sind.
Wahnhafte Willenskraft
Mit dieser wahnhaften Willenskraft hat Kahn sich selbst und dem Rest der Welt eine Menge zugemutet, aber eben auch viel gegeben. Der Biss gegen Heiko Herrlich, der Schüttler gegen den Mannschaftskameraden Andreas Herzog - das waren Vorfälle, für die außerhalb des Spielfeldes das Strafgesetzbuch zuständig ist. Aber ohne diese absolute Verbissenheit, eben auch keine drei gehaltenen Elfmeter im Champions-League-Finale gegen Valencia 2001 und schon gar kein Vordringen einer superdurchschnittlichen Nationalmannschaft bis ins Finale bei der WM 2002. "Es war zu 80 Prozent sein Verdienst, dass die Mannschaft soweit kam", sagt Sepp Maier, der damals als Torwarttrainer auf der Bank saß.
Mit Michael Ballack ist Kahn der einzige deutsche Fußballer seiner Generation, dem es gelang, ein Kicker zu sein, dessen Name auf der ganzen Welt Glanz hat. Ballack musste dafür Deutschland verlassen, Kahn gelang dieses Kunststück von München aus. Es gibt einen Werbespot von Adidas, in dem sich ein Mann einsam über die Berge Tibets schleppt. Es ist Nacht, ein Schneesturm. Endlich eine Hütte. Der Mann schlägt seine Kapuze zurück. Es ist Boris Becker. Die tibetischen Mönche freuen sich und rufen: "Oliver Kahn." In Japan, einem Land besonders empfänglich für solche Popular-Mythen gilt Kahn als Samurai. Dort spielt er in einer Werbeliga wie David Beckham.
Vielleicht benötigt man die Distanz einer halben Weltkugel, um Kahn samt seinem Irrsinn und seiner Härte zu mögen. In Deutschland bedurfte es erst des WM-Finales 2002, nach dem er wie ein halb ohnmächtiges Kind vor seinem Tor saß, und den Glückwünschen an Jens Lehmann vier Jahre später vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien, damit die Leute mit ihm warm wurden. Kahn wäre nicht Kahn, hatte er zugegeben, wie gut ihm die "Olli, Olli"-Rufe taten. Irgendwie schien es ihm peinlich. Mit den Bananen war er viel besser zurecht gekommen.
"Es gibt nichts Schöneres, als Profi-Fußball zu spielen. Wenn ich könnte, würde ich morgen die kurzen Hosen wieder anziehen", hat Uli Hoeneß einmal gesagt, jener Mann, der wegen einer Knieverletzung vor 1979 im Alter von 27 Jahren vom Rasen verbannt wurde, einen Club mit neun Millionen Mark Schulden übernahm und ihm zu einem der wohlhabendsten und finanziell gesündesten der Welt machte.
Kahn wirkte nie so, als ob Fußball für ihn ein Vergnügen sei. Trotzdem ist er einer, der nach dem Schlusspfiff am Samstag nicht lange zurückblicken wird. Eigentlich war er vor ein paar Jahren schon der designierte Nachfolger von Hoeneß, aber seine Egomanie, zu der Ferrari-Fahren, viel Unfug und eine halb geschwänzte Weihnachtsfeier zählten, hat ihm den Job verscherzt fürs erste.
Nun muss er ein paar Ehrenrunden laufen, wenn's sein muss einige Jahre im Fernsehen oder auf dem Golfplatz. Aber früher oder später wird er schon wieder auftauchen vor jener Kabinentür, über die Ottmar Hitzfeld noch vor einem Jahr, als es den Bayern schlecht ging, sagte: "Nach einer Niederlage gibt es hier leider nur einen, der sie eintritt Oliver Kahn."