Borussia Dortmund vs Tottenham Hotspur: Im Stile keiner Spitzenmannschaft - DER SPIEGEL
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Tottenhams Sieg über Dortmund Im Stile keiner Spitzenmannschaft

Beim 3:0 im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League haben die Spurs dem BVB die Grenzen aufgezeigt. Als echter Titelanwärter gilt Tottenham trotzdem nicht. Das ist verständlich. Ist es auch richtig?
Tottenhams Jan Vertonghen
Tottenhams Jan Vertonghen

Tottenhams Jan Vertonghen

Foto: Alastair Grant/ AP
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Wenn die Sache mit Jan Vertonghen schiefgegangen wäre, hätte man ihn den schlechtesten Trainer der Welt genannt, sagte Mauricio Pochettino.

Die Sache mit Jan Vertonghen war die: Eigentlich ist der 31-Jährige Innenverteidiger, und zwar nicht der filigranste. Bei Tottenham Hotspur stellt ihn sein Trainer Pochettino mitunter auch nach hinten links - dann, wenn defensive Qualitäten wichtiger sind als Vorwärtsdrang. Gegen Borussia Dortmund war das der Fall, Vertonghen spielte bei gegnerischem Ballbesitz links, diesmal in einer Fünferkette. Hatte Tottenham aber den Ball, wurde aus ihm eine Art Flügelstürmer.

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Foto: Clive Rose/ Getty Images

Die Sache ging bekanntlich nicht schief, im Gegenteil, die Spurs gewannen 3:0, Vertonghen bereitete das 1:0 durch Son Heung-min vor und erzielte das 2:0 selbst, übrigens nach Vorarbeit seines Pendants rechtsaußen, Serge Aurier. Damit steht Tottenham so gut wie sicher im Viertelfinale der Champions League.

Spurs-Coach Pochettino, 46, wollte davon natürlich noch nichts wissen. Eine Mannschaft wie die der Dortmunder dürfe man nicht abschreiben, es liege noch viel Arbeit vor seinem Team, sagte der Argentinier auf der Pressekonferenz nach der Partie. Augenblicke zuvor hatte BVB-Trainer Lucien Favre seinen Podiumsplatz bei der Pressekonferenz geräumt, er hatte noch bleicher gewirkt als sonst. Lag das an der gerade erst überstandenen Erkältung oder an dem, was er zuvor auf dem Rasen erlebt hatte?

Mauricio Pochettino (r.)

Mauricio Pochettino (r.)

Foto: ADRIAN DENNIS/ AFP

Wo Favre ernst und knapp geantwortet hatte, ehe er sich mit einem brüchigen "Merci" verabschiedete, scherzte und plauderte Pochettino, und die anwesenden britischen Journalisten sprachen fast kumpelhaft mit ihm. Mauricio, was hast du in der Halbzeit zu deinen Spielern gesagt, Mauricio, gibt's zur Belohnung Urlaub, Mauricio, wie kamst du nur auf Vertonghen? Das strotzte geradezu vor Bewunderung. Ist es das nicht auch, was aktuell in Tottenham geschieht - ein Wunder?

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Der Klub verpflichtete keinen neuen Spieler, Transfers wie der von Axel Witsel beim BVB waren zuletzt nicht möglich gewesen. Und doch zählen die Spurs erneut europaweit zu den Über-Performern schlechthin. Läuft alles normal, beenden sie die Premier-League-Saison als Dritter, es wäre das fünfte Jahr in Folge, dass maximal zwei Teams besser sind.

Zwar gewinnen die Spurs so gut wie nie in so berauschender Weise wie die Konkurrenz aus Liverpool und Manchester. Aber: Sie gewinnen. Obwohl sie ihre Heimspiele nicht im eigenen Stadion an der White Hart Lane austragen können; obwohl in Harry Kane, Dele und Erik Dier drei Schlüsselspieler fehlen. Am Wochenende ließen die Spurs noch mehrere Chancen gegen ein Mitteklasseteam wie Leicester zu (und gewannen trotzdem), nun stellten sie die Offensive des Bundesliga-Tabellenführers weitgehend kalt.

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Mit einem gewissen Juan Foyth in der Abwehr, ein Talent, 21 Jahre alt, seit Dezember ohne Einsatzminute in der Premier League und einem exakt so fragilen Auftritt gegen den BVB, wie diese Eckdaten es vermuten lassen konnten. Foyth wirkte derart nervös, dass manch Trainer ihn wohl noch vor der Pause ausgewechselt hätte. Foyth spielte durch und steigerte sich in der zweiten Hälfte massiv. Er habe seiner Mannschaft in der Halbzeit mittels Videoclips aufgezeigt, dass sie sich nicht optimal bewege, sagte Pochettino, ohne Foyth dabei explizit zu nennen.

Spieler wie Foyth, Harry Winks oder der spektakuläre Moussa Sissoko spielten in der vergangenen Saison Nebenrollen oder gar keine. Nun sind sie mittendrin, und es funktioniert. Als Beobachter wundert man sich dann und zweifelt, dass der Erfolg anhält. War ja auch etwas glücklich, der Sieg, sagt man sich oft. Die Spurs gewinnen so regelmäßig dank später Siegtreffer, dass man die Fergie-Time mittlerweile in Poch-Time umbenennen könnte.

Pochettinos wohl größte Stärke ist es, seine Spieler besser zu machen, über sämtliche Altersklassen hinweg. Son und Christian Eriksen etwa entwickelte er zu Elitespielern. Dass das nicht überall registriert wird, mag auch daran liegen, dass sie bislang nicht für dreistellige Millionenablösen gewechselt sind. Was wiederum nur eine Frage der Zeit sein dürfte.

Kaum ein anderer Klub ist so erfolgreich und wird zugleich mit so viel Skepsis begleitet. Und sie ist ja auch nicht unberechtigt. Die erste Hälfte gegen den BVB war tatsächlich nicht gut. In Spielen gegen Topgegner wirkten die Spurs mal ebenbürtig, dann überraschend chancenlos. Und im Vergleich zur Vorsaison scheint die Mannschaft sogar an Dominanz eingebüßt zu haben. Sie hat allerdings aktuell auch elf Punkte mehr geholt als im Vorjahr. Bemerkenswert gute Zahlen, nur laufen sie eben unter dem Radar. Seine Mannschaft werde von sehr vielen unterschätzt, sagte Pochettino nach der BVB-Partie.

Man könnte das als Klage interpretieren. Oder als Drohung.