Trainer-Neuling Manfred Bender "Das ist eben Österreich"
SPIEGEL ONLINE: Herr Bender, wie ist es in der Provinz?
Manfred Bender: Wie meinen Sie das?
SPIEGEL ONLINE: Altach klingt nach Dorfverein. Dabei haben Sie immerhin mal bei den Bayern gespielt und mit Karlsruhe im Uefa-Cup.
Manfred Bender: Wissen Sie, als ich damals nach Karlsruhe gegangen bin, war das auch noch Provinz, eine Fahrstuhlmannschaft zwischen erster und zweiter Liga. Und Mainz oder Freiburg sind auch nicht immer Fußballhochburgen gewesen. Trotzdem kann man bei solchen Clubs gute Arbeit abliefern und sich einen Namen machen. Hier in Altach kann ich lernen, wie man eine Profi-Mannschaft führt.
SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie überhaupt dorthin verschlagen?
Bender: Ich war vorher hier in Österreich Trainer beim Regionalligisten Vöcklabruck. Der Verein war ein Abstiegskandidat, aber zum Ende der Saison haben wir um den Titel gespielt. Da sind die Altacher auf mich aufmerksam geworden. Ihre Philosophie ist es, junge und hungrige Trainer zu verpflichten. Der Verein hat kein großes Budget, aber die Verantwortlichen sagen, wer nach Altach kommt, der soll Altach als Sprungbrett nutzen.
SPIEGEL ONLINE: Und das Sprungbrett soll Sie in die Bundesliga katapultieren?
Bender: Mein Ziel ist es, das nächste Spiel zu gewinnen. Das wird auch immer so bleiben. Ich sage nicht, hoffentlich bin ich jetzt in Altach erfolgreich, dann komme ich in die Bundesliga oder trainiere einmal Austria Wien. Das ist nicht mein Denken.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben keinen Karriereplan?
Bender: Nein. Wenn ich das nächste Spiel gewinne und dann das übernächste, ergibt sich alles automatisch.
SPIEGEL ONLINE: Wünschen Sie sich manchmal, den Spieler Manni Bender in Ihrer Mannschaft zu haben?
Bender: Wenn er in der Form wäre, die ich früher hatte - jederzeit.
SPIEGEL ONLINE: Sie waren früher ein Edeltechniker. Über Ihre Altacher sagten Sie dagegen neulich, dass die "ja nicht einmal meine zwei Töchter umspielen" könnten. Klingt frustriert.
Bender: Falsch. Es ist doch reizvoll, meinen Spieler etwas von der deutschen Mentalität zu vermitteln. Dass das nicht von heute auf morgen geht, ist klar. Die Spieler müssen mich auch erst kennenlernen, in meine Philosophie reinschnuppern. Das ist normal, dass dann Worte fallen, die österreichische Spieler nicht gewöhnt sind. Das ist eben Österreich.
SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?
Bender: In Österreich ist die Einstellung zum täglichen Training nicht so, wie sie eigentlich sein sollte. In Deutschland geht es immer rund, da will jeder das Trainingsspielchen gewinnen. Hier aber denken sich die Spieler, na gut, morgen ist ja auch wieder ein Training. Die Spieler kommen her, machen ihre Übungen, und hinterher ist die Sache für sie erledigt.
SPIEGEL ONLINE: Bei den jüngeren Spieler scheint sich diese Mentalität zu ändern. Österreichs U-20-Nationalmannschaft hat gerade sehr erfolgreich die Weltmeisterschaft in Kanada gespielt, ist erst im Halbfinale ausgeschieden. Erwacht der österreichische Fußball?
Bender: Ich wünsche es den Österreichern, denn nächstes Jahr wird hier ja die EM gespielt. Aber genau wie die deutschen Zweit- oder Regionalligisten, haben die österreichischen Clubs oft Angst, auf die eigenen Talente zu setzen. Stattdessen holen sie lieber gestandene Mittelklasse-Spieler aus dem Ausland. Die jungen Spieler bekommen dann kaum eine Chance.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Effekt erhoffen Sie sich als Vereinstrainer von der EM 2008 in Österreich und der Schweiz?
Bender: Wenn die Österreicher aus der Talsohle der vergangenen Jahre herausfinden, wenn sie ein solides Turnier spielen, könnten wieder potente Sponsoren ins Land kommen. Nach den Skandalen der vergangenen ein, zwei Jahre, mit Insolvenzen, Punktabzügen und Zwangsabstiegen, haben sich viele Firmen gesagt: Da will ich nicht mehr investieren.
SPIEGEL ONLINE: Als sie für Bayern spielten, hat sie Österreichs Verband bekniet, sich einbürgern zu lassen und Nationalspieler zu werden. Bereuen Sie manchmal, diesen Schritt nicht getan zu haben?
Bender: Nein. Ich bin Patriot.
SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben nie ein Länderspiel gemacht.
Bender: Trotzdem, für Österreich zu spielen kam für mich nie in Frage.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben unter Trainern wie Jupp Heynckes oder Winfried Schäfer gespielt. Von wem haben Sie sich etwas abgeguckt?
Bender: Man nimmt natürlich von jedem ein bisschen was mit, das ist ganz klar. Aber wenn ich immer in den Fußstapfen meiner früheren Trainer gehen würde, dann könnte ich nie überholen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben keine Vorbilder?
Bender: Ich würde in keiner Situation denken, der Jupp Heynckes hat das damals so geregelt, dann regele ich das jetzt auch so. Oder wenn ich mir überlege, wie aufbrausend Werner Lorant nach einer Niederlage reagiert hat, dann sage ich mir: Die Zeiten sind vorbei. Es ist jetzt eine ganz andere Trainergeneration am Werk.
Das Interview führte Wendelin Hübner