Ralf Rangnick: Auf und Ab eines Trainers
Trainer Rangnick in der Kritik 1899 Bangenheim
Ralf Rangnick hat in seiner beruflichen Laufbahn schon viel erreicht. Er hat zweimal Teams aus dem Nichts in die Erstklassigkeit geführt, er hat sich mit dem FC Schalke für die Champions League qualifiziert, er hat Hannover 96 in die Bundesliga zurückgeholt. Die Bilanz eines Erfolgstrainers.
Ralf Rangnick hat in seiner Karriere schon oft Schiffbruch erlitten. Den VfB Stuttgart hat er in die Abstiegszone gebracht, Hannover 96 stürzte unter ihm in den Tabellenkeller der Bundesliga, Schalke kassierte unter Rangnick eine historische 0:6-Klatsche im DFB-Pokal gegen Eintracht Frankfurt. Die Bilanz eines Trainer-Losers.
Rangnicks Teams haben meistens zwei Gesichter gehabt, und der von ihm derzeit betreute Erstligist 1899 Hoffenheim ist gerade dabei, sein hässliches zu zeigen. Noch vor anderthalb Jahren war Hoffenheim die selbsternannte Zukunftswerkstatt des deutschen Fußballs, das Laboratorium, in dem von Mäzen Dietmar Hopp die besten Köpfe, die Innovationsforscher des Fußballs zusammengezogen wurden wie die IT-Experten im Silicon Valley. Ein Bundesliga-Märchen wurde da im beschaulichen Kraichgau erzählt. Von dem Märchen ist nur noch noch ein Satz übriggeblieben: Es war einmal.
Projektleiter Rangnick erntete 2008 nur Bewunderung
Die ganze Republik sprach die Namen der Hoffenheimer Angriffsreihe damals mit andächtiger Bewunderung nach: Demba Ba, Vedad Ibisevic und Chinedu Obasi. Ein großartiger Sturm, dem keine Abwehr standzuhalten schien, und an der Seitenlinie stand der Projektleiter Rangnick. Der Triumph war ihm in jenen Wochen im Spätherbst 2008 deutlichst anzusehen und anzuhören. Er konnte die Genugtuung nicht zügeln, es all den Kritikern gezeigt zu haben, all den Mäklern, die mit geschürzten Lippen über den besserwisserischen "Professor" Rangnick gespottet haben.
Der Trainer sah sich dort angekommen, wo er nach seinem Ermessen hingehört, in die Garde der Spitzentrainer, reif für allerhöchste Aufgaben. Die Häme, die damals auch von Rangnick aus dem kleinen Hoffenheim in Richtung des Branchenführers FC Bayern München drang, dürfte in der Vorstandsetage der Bayern noch nicht vergessen worden sein. Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat in solchen Dingen ein Elefantengedächtnis.
Alles schien möglich damals, Mäzen Dietmar Hopp hielt dem Trainer finanziell den Rücken frei, aus Spanien wurde so mal eben Torwartpromi Timo Hildebrand in der Winterpause in die Provinz geholt, die Mannschaft schien in den Himmel zu wachsen.
Selbstüberschätzung ist ein Gift im Fußball. Es hat sich in Hoffenheim in jenen Tagen auf alle übertragen, und Rangnick hat fast ohnmächtig zugesehen, wie seine Spieler besoffen geworden sind von den Schlagzeilen über die vermeintliche Wundermannschaft.
Kein Rezept in der Krise
Alle sind sie in der Rückrunde der Vorsaison vom Weg abgekommen, und es ist dem Trainer anzulasten, dass er es bis heute nicht geschafft hat, die Spieler wieder auf den Pfad zurückzuholen. Marvin Compper und Tobias Weis waren in diesem rauschhaften Herbst 2008 zu Nationalspielern gewuchert, heute spricht kein Mensch mehr von ihnen, wenn es um die Zusammenstellung des WM-Kaders geht. Hildebrand war vor vier Jahren noch der dritte deutsche Torwart mit Perspektiven nach ganz oben. Niemandem käme es im entferntesten in den Sinn, heute noch über eine Nationalelf-Karriere des Keepers nachzudenken. Hoffenheim verfügt mittlerweile über einen Durchschnittstorwart.
Ralf Rangnick hat in einem Interview mit der "Sport Bild" im März gesagt, 2010 sei seine bisher schwierigste und anstrengendste Zeit als Trainer. Er hat dabei auch an die Wochen zu Jahresbeginn gedacht, in denen sein Vater schwerst erkrankt war und Rangnick deswegen die Betreuung der Mannschaft zwischenzeitlich abgegeben hatte. Wochenlang konnte er sich nicht mit voller Kraft auf die Belange des Teams konzentrieren, doch der Bruch im System Hoffenheim war schon vorher passiert.
Der 51-Jährige scheint kein Coach zu sein, der in der Krise seine Stärken ausspielt. Er kann junge Spieler durch sein enormes Fachwissen, seine taktische Akribie und seinen Ideenreichtum begeistern. Er kann motivieren, wenn es aufwärts geht. Aber nur dann. Wenn eine Elf stagniert, wirkt Rangnick dagegen ohne Rezept, nicht in der Lage, das Steuer herumzureißen.
Durchhänger findet kein Ende
Fast jedes Team hat im Lauf der langen Spielzeit einen Durchhänger. Die Qualität, aus einem solchen Tal wieder herauszukommen, traut man Rangnick und Hoffenheim jedoch nicht mehr zu. Sein Team stolpert lustlos, saftlos durch die Endphase der Saison, die Spieler werden nach Niederlagen in Discos gesehen, die Boulevardpresse spießt genüsslich Meldungen über die teuren Luxusschlitten auf, mit denen besonders die Brasilianer im Team posieren - und Hopp muss in der Kabine das von ihm zusammengekaufte Team fragen: "Was ist aus euch geworden?"
Aus Hoffenheim ist Bangenheim geworden.
Als Ralf Rangnick 1998 den Provinzclub SSV Ulm aus der fußballerischen Bedeutungslosigkeit an die Spitze der Zweiten Liga geführt hatte, hatte er anschließend nichts Eiligeres zu tun, als noch während der laufenden Saison einen Vertrag als Cheftrainer beim Erstligisten VfB Stuttgart zu unterzeichnen. Mitten in der Ulmer Euphorie, die den Verein bis in die Erste Liga führen sollte, seilte sich der Erfolgscoach ab.
Es war die bisher weiseste Entscheidung seiner Karriere.
Ulm stieg ein Jahr später wieder ab. Auch ohne Rangnick.