U21-Keeper des DFB: Neuer Neuer gesucht
DFB-Nachwuchs Wie bitte, wir haben ein Torwart-Problem?
Ein Trikottausch, das wäre es doch! Man muss Julian Pollersbeck, den Keeper der deutschen U21-Nationalmannschaft, nur mal auf seinen Kollegen im italienischen Tor ansprechen, und es sprudelt aus ihm heraus: "Unglaublich, was der alles fischt. Ein echt geiler Keeper." Am Abend stehen sich Pollerbeck und Gianluigi Donnarumma im letzten Gruppenspiel bei der U21-EM in Polen gegenüber. In Krakau geht es um den Einzug ins Halbfinale (20.45 Uhr, TV: ARD; Liveticker SPIEGEL ONLINE).
Wenn Deutschland gegen Italien antritt, dann ist es nicht nur das Duell zweier alter Rivalen. Es ist auch das Aufeinandertreffen zweier Fußballnationen, die zuverlässig über viele Jahrzehnte hinweg große Torhüter hervorgebracht haben. Donnarummas Vorbild Gianluigi Buffon spielt mit 39 Jahren noch immer, Dino Zoff wurde mit 40 Weltmeister. Deutschlands A-Nationalkeeper Manuel Neuer hatte ebenfalls Torwartlegenden wie Oliver Kahn, Toni Schumacher und Sepp Maier als Vorgänger.
Doch während Donnarumma zugetraut wird, Italiens Tradition fortzuschreiben, fehlt der jüngsten DFB-Generation ihr Ausnahmetalent. "Wir sind nicht schlecht aufgestellt", sagt zwar Klaus Thomforde, Torwarttrainer der U21. Doch er weiß, dass sich der aktuelle Jahrgang deutlich von früheren unterscheidet.
U21-Keeper des DFB: Neuer Neuer gesucht
Vor zwei Jahren, bei der U21-EM in Tschechien, stand in Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona ein frisch gekürter Champions-League-Sieger im Tor. Auch die beiden Plätze hinter ihm waren mit exzellenten Torhütern besetzt: Leverkusens Bernd Leno hatte bereits Champions-League-Erfahrung sammeln können, Timo Horn sich in Köln einen Namen als verlässlicher Keeper gemacht. Horst Hrubesch, der damals den Nachwuchs trainierte, tat sich schwer, die Nummer eins zu wählen: "Alle drei sind Weltklasse", sagte er.
Und heute? Pollersbeck, noch beim 1. FC Kaiserslautern unter Vertrag und angeblich vor einem Wechsel zum Hamburger SV, und der Dresdner Marvin Schwäbe, die Nummer zwei, kennen bislang maximal die Zweite Liga. Der dritte Mann, Odisseas Vlachodimos, kommt von Panathinaikos Athen, er hat mit nun 23 Jahren 25 Erstligaeinsätze hinter sich.
Im ersten EM-Gruppenspiel, beim 2:0-Sieg gegen Tschechien, wirkte Pollersbeck verunsichert, leiste sich einige Fehler, die auf wundersame Weise folgenlos blieben. Pollersbeck sagte, er habe wohl "ein paar Schutzengel auf der Schulter gehabt". Kapitän Maximilian Arnold, ein Routinier unter den jungen Leuten, erklärte: "Es kann passieren, was will, wir bügeln jeden seiner Fehler aus. Wir stehen alle hinter ihm." Noble Worte. Aber sollte es nicht umgekehrt sein und der Torhüter die Fehler der Vorderleute ausbügeln?
Was fehlt: Spielpraxis auf Top-Niveau
Zweifellos hat Torwarttrainer Thomforde Recht, wenn er sagt, dass sowohl Schwäbe, 22, als auch Pollersbeck, 22, noch in der Entwicklung sind. Mit Pollersbeck hatte er vor dem zweiten Gruppenspiel Gespräche geführt, eine Verbesserung war beim 3:0-Sieg gegen Dänemark nicht zu übersehen. Zwar mangelt es Pollersbeck noch an Präsenz, doch dafür parierte er gleich mehrere schwierige Bälle. Der Lauterer, sagt Thomforde, sei nicht nur selbstkritisch, sondern könne auch mit Fehlern gut umgehen. Letztlich aber sei es vor allem die Spielpraxis auf höchstem Niveau, die Verbesserung ermögliche.
Genau das ist laut Thomforde ein neues Problem im Land der Keeper. Junge deutsche Torhüter hätten weit mehr Konkurrenz als früher, vor allem aus der Schweiz: Roman Bürki (BVB), Marwin Hitz (Augsburg), Diego Benaglio (Wolfsburg) und Yann Sommer (Mönchengladbach) waren in den vergangenen Jahren nicht die schlechtesten Bundesliga-Keeper. Ihr Erfolg hat für Thomforde simple Gründe: "Sie sind gut ausgebildet, spielen früh in der Schweizer Liga und können Erfahrungen sammeln, in den besseren Klubs auch international." Der Sprung in die Bundesliga sei dann naheliegend, "auch wegen der Sprache".
Jüngst haben sich zwei Klubs erneut in der Schweiz bedient. Leipzig verpflichtete Yvon Mvogo von Young Boys Bern. Der kommt mit seinen 22 Jahren Schon auf 25 Europapokal-Spiele. Hoffenheim holte den 19-jährigen Gregor Kobel aus Zürich. Damit stehen Deutschlands junge Torhüter vor einer Herausforderung, die sie allein gar nicht meistern können: Die Vereine, sagt Thomforde, "müssen auch den Mut haben, sie spielen zu lassen".