Überraschungsteam Wehen "Der Einschnitt war notwendig"
SPIEGEL ONLINE: Der SV Wehen Wiesbaden ist die Überraschungsmannschaft der zweiten Bundesliga und derzeit nur wenige Punkte von einem Aufstiegsplatz entfernt. Was ist das Geheimnis, Herr Hankammer?
Hankammer: Jeder läuft für den anderen. Wenn einer einen Fehler macht, arbeitet der nächste, um ihn wieder auszubügeln.
SPIEGEL ONLINE: Abseits des Rasens geht es weniger harmonisch zu. Seit Sie im Präsidium sind, wurden Manager, Trainer und Pressesprecher gefeuert.
Hankammer: Der Verein war nicht für die zweite Liga aufgestellt. Es musste schnell gehandelt werden, der Einschnitt war notwendig, auch wenn solche Entscheidungen keinen Spaß machen.
SPIEGEL ONLINE: Inzwischen ist der SV ein reiner Familienbetrieb. Ihr Unternehmen hat die neue Arena in Wiesbaden vorfinanziert, die Stadionbesitzgesellschaft ist ein hundertprozentiges Tochterunternehmen einer familieneigenen Investmentgesellschaft. Im dreiköpfigen Präsidium haben Sie zusammen mit ihrem Vater die Mehrheit. Wie konnte es zu dieser Machtbündelung kommen?
Hankammer: Es geht nicht um Macht. Ich bin ins Präsidium gekommen, weil mein Vater mich darum gebeten hat. Er hat gesehen, dass neue Strukturen geschaffen werden müssen.
SPIEGEL ONLINE: Ehemalige Führungskräfte des Clubs behaupten hingegen, sie hätten Ihren Vater, der die Leitung der Firma Brita schon vor Jahren an Sie abgegeben hat, entmachtet. In Ihrer Familie würden Kämpfe wie in der TV-Serie "Dallas" toben, ein verbissener Vater-Sohn-Konflikt.
Hankammer: Diese Geschichten kenne ich, aber sie sind falsch. Ich verstehe mich mit meinem Vater sehr gut.
SPIEGEL ONLINE: Streit mit ihrem Vater soll es vor allem wegen der Entlassung des Managers Bruno Hübner gegeben haben. Es heißt, Sie hätten diesem nie verziehen, dass Ihr Vater ihn wie einen Sohn behandelt habe.
Hankammer: Das stimmt nicht, es gab keine persönlichen Gründe. Ich habe ein sehr starkes Verantwortungsgefühl und würde keinen einzigen Menschen wegen persönlicher Differenzen entlassen. Als Verantwortlicher muss man zwischen "Mögen" und "Professionell Zusammenarbeiten" trennen.
SPIEGEL ONLINE: Warum wurde Hübner rausgeworfen? Er hat den Verein doch in die zweite Liga geführt und auch den jetzt so erfolgreichen Kader mit zusammengestellt.
Hankammer: Herrn Hübners sportliche Verdienste sind unbestritten. Da hat er einen guten Job gemacht, im außersportlichen Bereich leider nicht.
SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?
Hankammer: In der Organisation, beim Sponsoring, beim Kartenverkauf lief vieles schief. Wir hatten fundamental unterschiedliche Auffassungen.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind nicht, wie es die Vereinssatzung eigentlich vorschreibt, ins Präsidium gewählt worden.
Hankammer: Ich stelle mich bei einer Mitgliederversammlung, die bis Ende des Jahres stattfinden wird, nachträglich ordnungsgemäß zur Wahl und hoffe, dass ich gewählt werde.
SPIEGEL ONLINE: Haben die Mitglieder denn eine andere Wahl?
Hankammer: Der Verein ist völlig unabhängig, und die Mitglieder sind niemandem verpflichtet.
SPIEGEL ONLINE: Tatsache ist, dass es ohne die Familie Hankammer und Ihre Firma keinen Zweitligisten und kein Stadion in Wiesbaden geben würde.
Hankammer: Es stimmt, dass der Verein auch mit unserer Hilfe den Schritt in die zweite Liga und vom Dorf in die Landeshauptstadt gepackt hat. Darauf sind wir stolz.
SPIEGEL ONLINE: Der Verein ist aber finanziell total abhängig von Ihrer Firma. Sehen Sie sich als Sponsor oder als Investor?
Hankammer: Seit über 20 Jahren ist Brita Sponsor des Vereins. Durch den Bau des Stadions sind wir aber auch Investor. Auf Dauer muss der Verein unabhängig werden und auf eigenen Füßen stehen.
SPIEGEL ONLINE: Wie soll das bewerkstelligt werden?
Hankammer: Bis Ende des Jahres wird die Fußballabteilung in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt, eine GmbH. Das haben andere Vereine ja auch gemacht und ist wichtig für die Selbstständigkeit.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie auch Chef der neuen Kapitalgesellschaft?
Hankammer: Nein. Die GmbH wird von zwei Geschäftsführern geleitet, die für das operative Geschäft verantwortlich sind. Kontrollorgan ist dann ein Bei- oder Aufsichtsrat.
SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Fußball-Liga DFL hat Ihrem Verein zwei Forderungen gestellt, die bisher nicht erfüllt sind. Sie haben keinen Trainer mit einer Uefa-Profilizenz, zudem existiert noch kein Nachwuchsleistungszentrum.
Hankammer: Wir sind mit der DFL kontinuierlich im Gespräch deswegen. Unser Co-Trainer Steffen Vogler absolviert zurzeit den erforderlichen Lehrgang, im Dezember ist Prüfung. Wenn er besteht, haben wir wie St. Pauli einen Co-Trainer mit der notwendigen Lizenz. Außerdem ist unser Trainer Christian Hock bereits für den nächsten Lehrgang, der im Sommer 2008 beginnt, angemeldet. Das Leistungszentrum wird in Taunusstein entstehen, wo wir ursprünglich herkommen. Darum wird sich unser neuer Sportlicher Leiter Uwe Stöver kümmern.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass in der eher beschaulichen Beamtenstadt Wiesbaden die für einen Erfolg auf Dauer notwendige Fußballbegeisterung entstehen könnte wie im benachbarten Frankfurt oder Mainz?
Hankammer: Klar ist: Wir sind noch nicht der Traditionsverein wie die Eintracht oder die Offenbacher Kickers. Aber auch in Mainz hat sich alles langsam entwickelt, da war das Stadion zu Zweitliga-Zeiten jahrelang nicht voll.
Die Fragen stellte Bruno Schrep