Uefa-Cup-Finale: Letzte Chance Istanbul - DER SPIEGEL
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Uefa-Cup-Finale Letzte Chance Istanbul

Es geht um alles oder nichts: Mit einem Sieg im Uefa-Cup-Finale in Istanbul will Bremen die missratene Bundesliga-Saison vergessen machen. Die Trophäe gilt vielen als Pokal der Verlierer - doch für Werder ist die Partie gegen Schachtjor Donezk das wichtigste Spiel des Jahres.
Von Martin Sonnleitner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als die Protagonisten das Podium betreten, gehört ihnen sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit. Was Mittelfeldspieler Mesut Özil, Abräumer Torsten Frings und Trainer Thomas Schaaf über Werders Spiel des Jahres zu sagen haben, wird simultan in vier Sprachen übersetzt, eine hundertköpfige internationale Journalistenschar notiert jedes Wort.

Torsten Frings beim Training in Istanbul: Konzentration vorm Spiel der Spiele

Torsten Frings beim Training in Istanbul: Konzentration vorm Spiel der Spiele

Foto: DPA

Frings sieht mit seiner langen Haarmähne wie ein cooler DJ aus, die Brillanten in Özils Ohren blinken. Die Coolness wirkt ein wenig bemüht, immerhin lastet auf ihren Schultern eine ziemliche Verantwortung. Gerade weil Superstar Diego und Stürmer Hugo Almeida gesperrt fehlen werden und Abwehrchef Per Mertesacker verletzt passen muss.

Coach Schaaf relativiert diese ungünstigen Voraussetzungen: "Das ist eine Schwächung", spricht er besonnen ins Mikrofon. "Die Ausfälle sind nicht eins zu eins zu ersetzen." Dann setzt Schaaf sein berüchtigtes Pokerface auf und schließt: "Das wollen wir auch nicht. Es ist unsere Art und Weise, so etwas mit der Elf, die auf dem Platz ist, zu kompensieren." Frings hat derweil den Kopfhörer in seinen Nacken gehängt, Özil und er flachsen lässig, während der Coach spricht.

"I am glad to ask Torsten Frings", beginnt eine Frage voller Respekt. Wie ernst man denn den Gegner nehme, will der Journalist wissen. "Das ist für uns etwas Besonderes. Wir sind alle heiß drauf", antwortet Frings. Er weiß, dass Bremen nach einer missratenen Bundesliga-Saison etwas für sein Renommee tun muss. In diesem Moment weht ein kerniger Wind vom Bosporus und erschüttert das Pressezelt. Schaaf grinst geheimnisvoll. Als freue er sich, einmal nicht Rechenschaft ablegen zu müssen über den miserablen zehnten Platz, den sein Team in der Bundesliga belegt. So ein Europapokal-Finale im 50.000 Zuschauer fassenden Sükrü-Saracoglu-Stadion, der Heimat von Fenerbahce Istanbul, ist da ganz nach seinem Geschmack. Die Rahmenbedingungen könnten gar nicht besser sein für einen Saisonausklang nach Maß. Zumal Werder am 30. Mai im DFB-Pokalfinale noch die Chance hat, den zweiten Pokal in zwei Wochen zu holen.

Vor dem Podium blitzt der mächtige Silberpokal, garniert mit den Wappen der 53 Mitgliedsverbände. Zum letzten Mal wird dieser Wettbewerb, bis 1971 Messepokal genannt, Uefa Cup heißen, ab 2009/10 werden die Teilnehmer in der Europa League in einem neuen Modus um den Titel ringen. Es ist der europäische 1b-Titel, nach der prestigeträchtigeren und finanziell ungleich lukrativeren Champions League.

Schaaf will von derlei Relativierung nichts wissen. "Es sind zwei gute Mannschaften, die es verdient haben, im Finale zu stehen", tönt er souverän, nachdem er im Liga-Kehraus bisweilen dünnhäutig geworden zu sein schien. Während mit Diego einer von zwei Bremer Brasilianern fehlt, wartet Donezk gleich mit deren fünf auf. Die gesamte Offensivreihe besteht aus Brasilianern.

Werders Weg nach Istanbul

GRUPPENPHASE CL
Famagusta 0:0/2:2
Inter Mailand 1:1/2:1
Panathinaikos Athen 2:2/0:3

ZWISCHENRUNDE UEFA CUP
AC Mailand 1:1/2:2
ACHTELFINALE

AS Saint-Etienne 1:0/2:2

VIERTELFINALE

Udinese Calcio 3:1/3:3

HALBFINALE

Hamburger SV 0:1/3:2

FINALE
Schachtjor Donezk 1:2 n.V.

Es sind allesamt junge, aufstrebende Ballkünstler, die kurz vor dem Sprung in die Nationalmannschaft stehen. Sie sehen das Abenteuer gegen den deutschen Club als Zwischenstopp, um ihre Taschen zu füllen und sich für einen europäischen Spitzenverein zu empfehlen. Ein Uefa-Cup-Finale ist da wahrlich nicht das lumpigste Schaufenster. Zudem ist anzunehmen, dass die Bremer auf ein taktisch einwandfrei eingestelltes Team treffen werden, das rumänische Trainer-Idol Mircea Lucescu bürgt hierfür.

Lucescu erwartet "ein Spiel zweier Systeme". Während er aus einer sicheren Abwehr heraus agieren will und vorne auf überraschende Aktionen seiner Brasilianer hofft, hält sich sein Bremer Pendant bedeckt - angeblich, weil er noch nicht genau wisse, wer fit sei. Dabei ist lediglich der Einsatz des angeschlagenen Innenverteidigers Naldo fraglich. Ob Schaaf mit Raute oder doppelter Absicherung vor der Verteidigung agieren lässt, ist noch offen. Im ersten Fall würden wohl Frings und Özil die Kreativzange bilden.

Und dann wäre da noch der "zwölfte Mann": 5000 mitgereiste Bremer Anhänger werden 7000 Ukrainern entgegensingen. Obwohl die Türkei ein über alle Maßen fußballverrücktes Land ist, hatte die Uefa lange Zeit alle Mühe, die Ränge zu füllen, erst am Mittwochnachmittag wurden die letzten Tickets verkauft. Bleibt die Frage, ob die überwiegend türkischen Fans dem einzigen Landsmann - Özil - zujubeln werden. Er beantragte immerhin im Jahr 2007 die Entlassung aus der türkischen Staatsbürgerschaft und ist mittlerweile deutscher A-Nationalspieler, was ihm Kritik in der Türkei bescherte. "Ich erwarte, dass die Fans mich unterstützen", sagt der eher schüchterne Özil. Sein Einsatz wird möglicherweise entscheidend sein.

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