Uefa-Cup Gasprom am Zenit
Warschau - Immer dann, wenn der staatliche russische Mischkonzern Gasprom in Sachen Fußball in Deutschland zu tun hat, geht es um dreierlei. Nämlich um Wirtschaft, Politik und Sport; der Bedeutung nach aufgezählt. So steht der ehemalige Gasprom-Aufsichtsratschef Dmitrij Medwedew bereits als Nachfolger von Zenit-Fan Wladimir Putin im Amt des Präsidenten fest, während die Konzerntochter Gasprom-Media schleichend zum Medienmonopolisten avanciert.
Bei Zenit-Spielen geht es also immer um mehr als Fußball. Erst recht, wenn der russische Meister Zenit St. Petersburg heute Abend im Halbfinalhinspiel des Uefa-Cups auf den deutschen Pokalsieger Bayern München trifft. So passt zu dieser Halbfinalbegegnung auch die Nachricht, dass die Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) kurz vor Abschluss eines Vertrages über die Nutzung der Bundesligafernsehrechte in Russland steht. Das kündigte Jörg Daubitzer, DFL-Direktor Rechte- und Lizenzvertrieb, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE an. Einzelheiten nannte er noch keine. Allerdings sei Schalke 04 beim Zustandekommen dieses Geschäfts "ein wichtiges Element gewesen".
Denn die Beziehung der Schalker zu ihrem Großsponsor Gasprom funktioniert inzwischen als Türöffner in Russland. Doch nicht auf Schalke, sondern auf die Bayern wartet der größte Teil aus dem Geschäft mit den Bundesligarechten. Vielleicht wird Uli Hoeneß deshalb heute ein besonders netter Gastgeber sein. Schließlich hatte er vor einigen Wochen noch öffentlich angemahnt, dass die Bundesligaclubs nur dann wieder international wettbewerbsfähig werden könnten, wenn die Auslandsvermarktung der Liga mehr Geld abwirft als bisher. Der scheidende Bayerntrainer Ottmar Hitzfeld braucht sich diese Gedanken nicht mehr machen. Er kann sich ganz auf das großes Ziel konzentrieren: den Gewinn des Uefa-Cups, um das Triple in dieser Saison perfekt zu machen.
Nach dem Gewinn des DFB-Pokals zweifelt wohl niemand im Ligabetrieb mehr am 21. Titelgewinn der Bayern. Und spätestens seit der Videoanalyse der deftigen Leverkusener Hinspielniederlage (1:4) gegen Zenit St. Petersburg im Viertelfinale des Uefa-Cups wird Hitzfeld wissen, dass der fest eingeplante Finaleinzug wesentlich von seinem "Aggressivleader" Marc van Bommel abhängt.
Der wird sich wohl um Anatoliy Tymoschuk kümmern, dem strategischen Kopf der russischen Werksmannschaft, der mit seinen präzisen Zuspielen auf die schnellen Petersburger Sturmspitzen Andreij Arshawin und Pawel Pogrebnyak die Leverkusener aus dem Wettbewerb gekontert hat; Pogrebnyak schoss sich nach dieser Methode mit acht Toren auf den zweiten Platz der Torschützenliste im laufenden Wettbewerb, hinter Luca Toni, der zehnmal traf.
Tymoschuk erobert viele der Bälle, die er mit großer Übersicht verteilt, selbst. So ist das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff die Petersburger Stärke. Das ist ganz nach dem Geschmack des niederländischen Trainers Dick Advocaat. Und so werden die Russen im heutigen Auswärtsspiel vor allem auf Konter lauern. Tymoschuk, ein Mann mit blonder Mähne und dem Gesicht eines Schuljungen, nennt sich selbst Maximalist". Der begnadete "Sechser" war der teuerste Einkauf der russische "Premjer Liga": Für 15 Millionen Euro wechselte er im vergangenen Jahr von Schachtjor Donezk nach Petersburg, das in der Saison nach seiner Ankunft gleich Meister wurde.
Die russische Liga ist stark, weil sie ausgeglichen ist. So kommt es, dass Meister Petersburg nach sechs Spieltagen der neuen Saison bloß den zehnten Tabellenplatz belegt. Und seitdem ZSKA Moskau, der Militärsportclub für den sich auch Chelsea-Eigentümer Roman Abramowitsch über eine britische Beteiligungsgesellschaft engagieren soll, 2005 den Uefa-Cup gewann, ist in der russischen Liga das Selbstbewusstsein gestiegen. Für die nötigen Investitionen sorgen die üblichen verdächtigen Oligarchen sowie staatliche und halbstaatliche Unternehmen.
Dank des neuen russischen Selbstbewusstseins fühlen sich die Russen in München nicht als Außenseiter. Auch wenn Trainer Advocaat gerne auf den teuren und in der Breite wesentlich stärker besetzten Kader der Bayern verweist. Doch immerhin stellt Zenit ein Dutzend Nationalspieler aus dem Kader von Trainer Guus Hiddink, der Russland damit zur Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz geführt hat.
Zu seinem Kader gehört neben den erwähnten Stürmern auch der starke Torwart Malafeev. Petersburg ist in Russland die Mannschaft mit der größten und lautstärksten Fanunterstützung. Ob die Bayern das erst im Rückspiel in einer Woche im Petersburger Petrowskiy-Stadion spüren werden, hängt ganz davon ab, wie vielen Fans Gasprom die Reise nach München gesponsert hat. Das ist in Russland eine übliche Geste an loyale Mitarbeiter. Und von denen hat der Mischkonzern viele.