Uli Hoeneß: Lieber böse als Wicht - DER SPIEGEL
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Uli Hoeneß Lieber böse als Wicht

Wenn es ihn nicht gäbe, müßte man ihn erfinden: Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß gibt den Medien, was sie brauchen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann, den viele hassen, lächelte noch kurz verbissen in die Kameras, dann stieg er in sein Auto und fuhr davon. Nur ein paar Worte hatte er zu den Reportern gesagt, an diesem Mittwoch, Worte, die keinen Bruch seines Schweigens bedeuten, nur eine Bekräftigung: "Nach der Saison" werde er wieder sprechen, bis dahin: keinen Kommentar, nicht zur verlorenen Meisterschaft, nicht zum nächsten Spiel, nicht zu den Gerüchten um einen Trainerwechsel.

Dabei hatten sich die Reporter schon so gefreut, daß er in den vergangenen Wochen endlich wieder zu alter Form aufgelaufen war, der Buhmann der Liga, daß er wieder zu sich gefunden hatte und zu Begriffen wie "wahnsinnige Sauerei", "wegfegen" und "niedermachen", zu kraftvollen Worten also, die sie auf ihre Titelseiten schreiben konnten, und daneben vielleicht einen kleinen Kasten, mit moralischen Betrachtungen darüber, wie sich der sogenannte Abteilungsleiter Attacke wieder einmal im Ton vergriffen hatte. Und nun das: Uli Hoeneß schweigt - und für viele ist dieses Schweigen viel unerhörter als alle Provokationen, die der Manager des FC Bayern München in den letzten Tagen von sich gegeben hatte.

Den Mann, den alle nur Waldi nennen, hat dieses Schweigen ganz besonders aufgebracht, dabei hätte er eigentlich ganz gut gelaunt sein müssen, als er am vergangenen Montag die Redaktion der Sport-Talkshow "Blickpunkt Sport" betrat. Der Bayerische Rundfunk hatte der Sendung ein neues Gesicht gegeben, das man für moderner hielt als die alten Stellwände, und um den Kulturschock etwas sanfter zu gestalten, hatte man zum Warmplaudern erst einmal einen Teil des alten Inventars in die neuen Sessel gesetzt, den Motorsport-Experten Christian Danner. Der Nürnberger Trainer mit dem lustigen Namen Wolfgang Wolf sollte später zu Besuch kommen und dem Moderator sogar ein Geschenk mitbringen, ein Trikot mit seinem Namenszug und der Rückennummer 9, eines, wie es auch Ministerpräsident Edmund Stoiber zuvor bekommen hatte, anläßlich des Aufstiegs des fränkischen Clubs.

Noch vor dem Gespräch mit Wolf allerdings stellte sich Waldemar Hartmann sehr unvermittelt vor eine Wand und schaute eindringlich in die Kamera, hinter ihm sah man das eingeblendete Vereinsemblem des FC Bayern, darüber zog sich, graphisch etwas uninspiriert, der Schriftzug "Kommentar", was alles ein wenig ungewohnt war für Kenner der speziellen "Blickpunkt Sport"-Dramaturgie, aber weil alles so neu war, wußten auch sie nicht sofort, ob das zum neuen Sendekonzept gehörte.

Hartmann stand also an einem jener Stehtische, die die öffentlich-rechtlichen Anstalten speziell für diese Form der journalistischen Äußerung bereithalten, setzte einen gekränkten Blick auf und zu etwas an, was er seinen ersten "persönlichen Kommentar" "nach 20 Jahren und weit mehr als 200 moderierten Sendungen 'Blickpunkt Sport'", nannte - und all das muß ihm vermutlich so schwer gefallen sein, wie vor ein paar Jahren seinen Schnurrbart abzurasieren. Dabei klang der Grund seiner Empörung zunächst vergleichsweise lapidar: Trotz intensiver Bemühungen hatte sich kein Gesprächspartner des FC Bayern bereit erklärt, sich nach der verlorenen Meisterschaft in "Blickpunkt Sport" zu äußern.

Verbitterung und Hohn

Wenn nun ausgerechnet das Schweigen zum Skandal wird, der einen eher als anbiedernden und bayernfreundlichen Journalisten zur Änderung seiner beruflichen Gepflogenheiten veranlaßt, verrät das nicht nur einiges über die medialen Mechanismen der Bundesliga, über das sogenannte Theater des kleinen Mannes also, in dem längst Prolog und Epilog den Kern des Stücks zur kaum noch wahrnehmbaren Episode zusammengedrängt haben. Das Schweigen des Uli Hoeneß': Es liefert vor allem ein deutliches Bild der hochkomplexen Strategie des FC-Bayern-Managers. Denn natürlich war es Hoeneß, den Hartmann in seiner Rede zwar explizit entschuldigt hatte, aber implizit gemeint.

Was Hartmann nicht begriffen hatte: Es war womöglich gar nicht die von ihm bemängelte Unprofessionalität, die den Medien-Profi Hoeneß zum zwischenzeitlichen Rückzug aus der Öffentlichkeit bewegt hatte, weder die Unfähigkeit, mit Anstand zu verlieren, noch eine depressive Lethargie nach der sportlichen Demütigung am vergangenen Spieltag. Das Schweigen, das sich Hoeneß auferlegt hat, ist Teil seiner Interpretation der Rolle, die er vor 25 Jahren antrat, als er mit 27 Jahren zum Manager des FC Bayern wurde, und die er seit mindestens 15 Jahren unermüdlich spielt: Uli Hoeneß ist der Hauptdarsteller der Bundesliga. Und er ist sein eigener Regisseur.

Daß man sich keine Bundesliga ohne den FC Bayern vorstellen kann, das liegt vor allem an diesem Mann, und vielleicht zeigt erst diese Saison, wie wichtig Uli Hoeneß mittlerweile für den deutschen Profifußball insgesamt geworden ist. Seit Wochen krochen die Bayern in der Tabelle hinter dem SV Werder Bremen her, seit Wochen glaubte kaum noch jemand, daß sie am Ende ganz oben stehen würden, aber je schlechter die Form seiner Mannschaft war, desto besser wurde die ihres Sprachrohrs - und womöglich schalteten am vergangenen Wochenende mehr Leute die Sportschau ein, um die Verbitterung in Hoeneß' Gesicht zu sehen als das Lächeln in dem des Meistertrainers Thomas Schaaf.

Auch diese Schadenfreude hat sich Hoeneß hart erarbeitet, und statt nun von ihm zu verlangen, zu Kreuze zu kriechen und, wie es das Fachblatt "Bild" schreibt, "seine eigenen Worte zu fressen", wäre es angebracht, zu würdigen, daß er eine langweilige Saison bis fast zum Ende noch spannend gemacht hat. Es hätte nicht geschadet, wenn im vergangenen Jahr auch Stuttgart oder Dortmund einen Manager gehabt hätten, der sich voller Wut und Leidenschaft bis an die Grenze zur Lächerlichkeit vorwagt.

Was die charakterliche Ausstattung der Figur Hoeneß betrifft, so fällt das Votum naturgemäß sehr eindeutig aus, 17:1 sozusagen. Spätestens seit sich der FC Bayern zur Standardeinstellung des Meisters entwickelt hat, ist der Rest des Landes im Prinzip dagegen. Und bezeichnender als alle Beleidigungen, die dem Buhmann der Liga im Lauf seiner Karriere an seinen oft sehr rot werdenden Kopf geworfen worden sind, ist die Tatsache, daß sein eigener Name in bestimmten Kreisen als schlimmstmögliches Schimpfwort gilt: "Du bist ein Hoeneß." Selbst Bruder Dieter hat sich einmal über die Last des Namens beschwert, als ihn während der Daum-Affäre im Rostocker Ostseestadion eine Getränkedose am Kopf traf, "nur weil ich Hoeneß heiße".

Es ist weniger paradox, als es klingt, daß Hoeneß dabei immer gleichzeitig als Geschäftsmann geschätzt wird, als nüchterner und solider Rechner, als genialer Unternehmer, der den Posten des Vereinsmanagers neu erfunden hat, der internationales Renommee garantiert, ohne finanzielle Abenteuer einzugehen, der also deutsche Tugenden auch im Spiel ohne Ball verkörpert: Das alles nämlich sind nicht unbedingt die Attribute, die bei der Zielgruppe für erhöhte Sympathiewerte sorgen. Wobei es vermutlich eher jener Teil der Persönlichkeit Hoeneß' ist, der inszeniert ist: Man kann ihn sich nur sehr schlecht als den akribischen Buchhalter vorstellen, als der er so oft bewundert wird. Auch der wirtschaftliche Erfolg entspringt wohl eher einer leidenschaftlichen Sturheit.

Neid und Beleidigung

Man könnte also, zum einen, Uli Hoeneß nach 25 Jahren ganz einfach danken, daß er, wie man so sagt, er selbst geblieben ist, was ihn nach einer sehr affektiven Lesart schon einmal sympathischer macht als die unzähligen Sachverwalter und Marketingschüler der Liga; man muß aber, zum zweiten, das Lob gar nicht aufgeben, auch wenn man weiß, daß nicht viel übrig ist von Authentizität und Ehrlichkeit, in einer Branche, in der jeder Ersatzspieler einen Imageberater hat: Wenn nämlich auch die Figur Hoeneß nur die häßliche Maske des sogenannten Menschen dahinter ist, dann ist es tatsächlich sehr heroisch, sie unermüdlich zu tragen.

Hoeneß spielt den Bösen im Dienste des Guten, und daß er gelegentlich mit der Bürde dieser Rolle kokettiert ("Ich opfere mich als Buhmann"), ist die einzige Eitelkeit, die man ihm ankreiden kann. "Ich will nicht mehr jeden Tag der böse Bube sein", hat Hoeneß vor kurzem in einem "Stern"-Interview gesagt. Es gibt nur einen, der ähnlich fleißig daran arbeitet, so unsympathisch wie möglich zu erscheinen. Alleine schon deshalb wäre Oliver Kahn der logische Nachfolger.

Harald Staun

Mit freundlicher Genehmigung der FAZ am Sonntag

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