Ungarn - Deutschland Fußballfest mit südamerikanischen Akzenten
Budapest - Das großartige Feuerwerk, das nach dem Schlusspfiff im Budapester Nep-Stadion abgebrannt wurde, war eine Fortsetzung des Fußball-Länderspiels zwischen Ungarn und Deutschland mit anderen Mitteln. 5:2 siegte das nach zahlreichen Absagen neu formierte DFB-Team in einer Art und Weise, die den Präsidenten des Weltfußballverbandes Fifa, Sepp Blatter, verzückte. "Die Deutschen haben gespielt wie früher die südamerikanischen Fußballer", schwärmte der Schweizer. Blatter gehörte neben Franz Beckenbauer und Michel Platini zu den Ehrengästen des ungarischen Verbandes, der sein 100. Gründungsjahr mit der Neuauflage des WM-Endspiels von 1954 feierte.
Böhmes kompromissloser Elfmeter
Aus diesem Anlass führten Gyula Grosics, Jenö Buzansky, Nandor Hidegkuti und der von der Parkinsonschen Krankheit gezeichnete Ferenc Puskas, die vier noch lebenden Mitglieder des ungarischen "Wunderteams", das im Berner Wankdorf-Stadion mit 2:3 gegen Deutschland unterlegen war, einen symbolischen Anstoß aus. Die deutsche Weltmeister-Elf wurde durch Ottmar Walter vertreten. 28.000 Zuschauer im Nep-Stadion feierten die alten Helden mit tosendem Beifall, den sich die aktuelle deutsche Nationalelf über weite Strecken der folgenden 90 Minuten ebenso redlich verdiente.
"Ich bin froh, wie wir uns präsentiert haben. Die Mannschaft hat 60 Minuten lang ganz toll kombiniert", lobte Teamchef Rudi Völler die deutschen Auswahlkicker und erinnerte daran, dass die Platzherren in der WM-Qualifikation gegen Italien 2:2 gespielt hatten, "es war nicht so einfach, wie es teilweise aussah." Der Schalker Jörg Böhme leitete mit einem 25-Meter-Freistoß an die Oberkante der Latte (13.) den deutschen Angriffswirbel ein. Als Carsten Jancker im ungarischen Strafraum nach einem Flankenlauf von Verteidiger Marko Rehmer umgerissen wurde, verwandelte Böhme in seinem zweiten Länderspiel den Foulelfmeter kompromisslos zur deutschen Führung (31.).
Kehl jubelt wie Beckenbauer
Der Vorsprung gab der jungen und unerfahrenen deutschen Mannschaft, in der als einziger Feldspieler der Startelf Didi Hamann mehr als 30 Länderspiele aufwies, sichtbar Sicherheit. Nach feinem Zusammenspiel zwischen dem selbstbewusst Regie führenden Sebastian Deisler (Blatter: "Er bewegt sich wie ein Präsident") und Oliver Neuville gelang auch dem im defensiven Mittelfeld eingesetzten Sebastian Kehl mit einem wunderbaren Fernschuss (44.) in seinem zweiten Länderspiel sein erstes Tor. Die unaufgeregte Jubelbewegung des 21-jährigen Freiburgers mit kurz erhobenem Arm erinnerte an den jungen Beckenbauer. Völler sparte nicht mit Komplimenten: "Sebastian Kehl hat seine Sache toll gemacht, zumal er auf einer Position gespielt hat, die er im Verein nicht gewohnt ist."
Jancker, der einen Deisler-Schuss unhaltbar für Ungarns Keeper Gabor Kiraly abfälschte (47.), und der Bremer Frank Baumann, der als Abwehrorganisator ein gutes Spiel machte, mit einem Kopfball nach Deisler-Flanke (58.) brachten das DFB-Team nach der Pause mit 4:0 in Führung und verdarben den ungarischen Fans die Geburtstagsstimmung. "Durch unnötige Fehler haben wir dann den Gegner aber wieder aufgebaut", monierte Völler, "in der Rückwärtsbewegung waren wir anfällig." Attila Tököli (64.) und Ferenc Horvath (91.) nutzten das, um auf 2:4 zu verkürzen, ehe der eingewechselte Oliver Bierhoff per Kopf (91.) für den 2:5-Endstand sorgte.
"Gegen England wird es 1000-mal schwerer"
Treffsicher war Bierhoff, erstmals seit Juni 2000 wieder Torschütze im Nationaldress, auch mit seiner Einschätzung über den Stellenwert des Erfolgs im Nep-Stadion: "Bei allem Respekt, aber Ungarn war nicht der große Gegner. Gegen England wird es 1000-mal schwerer." Am 1. September empfängt das deutsche Nationalteam im vorentscheidenden WM-Qualifikationsspiel die Engländer, die am Mittwoch mit 0:2 gegen Holland ihre erste Niederlage unter Coach Sven-Göran Eriksson hinnehmen mussten.
Im Münchner Olympiastadion wird die deutsche Startformation wohl anders als in Budapest aussehen. Völler, der Rehmer (Muskelverhärtung im Oberschenkel) und Hamann (Knöchelschmerzen) in der zweiten Hälfte schonte, scheut sich deshalb davor, das Freundschaftsspiel in Ungarn als bestandenen Test für den Klassiker gegen den Erzrivalen zu verbuchen: "Es ist natürlicher angenehmer, mit einem Erfolgserlebnis in die nächste Begegnung zu gehen. Aber wir hatten vor und während des Spiels viele personelle Ausfälle. Von daher hat die Ungarn-Partie mit dem England-Spiel wenig zu tun. Da sieht alles ganz anders aus."
Neuer Konkurrenzkampf
Auch Oliver Kahn tritt auf die Euphoriebremse: "Man darf das Spiel nicht zu hoch hängen." Doch der Kapitän sieht die Partie in Ungarn als Etappe in eine bessere Zukunft, nicht nur weil das 5:2 gut für die Moral und das Selbstvertrauen der Mannschaft ist: "Es sind Ansätze da, die gezeigt haben, dass die Urteile über den Niedergang des deutschen Fußballs übertrieben waren. Wir haben viele junge sehr gute Spieler. Der Konkurrenzkampf in der Nationalmannschaft wird jetzt sehr groß werden. Wer hätte das vor einiger Zeit gedacht?"
Ungarn - Deutschland 2:5 (0:2)
0:1 Böhme (31., Elfmeter)
0:2 Kehl (44.)
0:3 Jancker (46.)
0:4 Baumann (59.)
1:4 Tököli (64.)
2:4 Horvath (90.)
2:5 Bierhoff (90.)
Ungarn: Kiraly - G. Korsos, Sebök, Matyus - Petö, Lisztes (79. Lentvai), Illes (46. Dardai), Halmai, A. Korsos (46. Hrutka) - Tököli, Horvath
Deutschland: Kahn - Rehmer (46. Metzelder), Baumann (77. Bode), Linke - Asamoah (75. Zickler), Hamann (46. Ricken), Kehl, Böhme - Deisler (85. Bierhoff) - Neuville (66. Klose), Jancker (85. Ziege)
Schiedsrichter: Roca (Spanien)
Zuschauer: 28.000
Gelbe Karten: Lisztes, Horvath - Linke